Backenfutter für Ballack

Seit dem vergangenen Mittwoch ist die gesamte Fußballnation hierzulande in hellster Aufregung: Lukas Podolski (Kirmesfreunde Bergheim e.V.) hat es doch tatsächlich gewagt, Michael Ballack (Zweiter alles) eine zu kleistern! Und das auch noch während eines Länderspiels! Das gab’s ja wohl noch nie, hieß es landauf landab zornesschwanger, dass ein deutscher Nationalspieler einen anderen – noch dazu den Kapitän – vor einem Millionenpublikum körperlich attackiert! Gestritten wird nur noch über angemessene Sanktionen für Prinz Pause (Ausbürgerung, Wiederaufbau des Kölner Stadtarchivs, Einweisung in ein Heim für Schwererziehbare) und über den genauen Grund für seine Backpfeife (Rache für Ballacks Polenwitze, Abneigung gegen Ossis, schwere Kindheit). Ansonsten herrscht jedoch eine Übereinstimmung, die jeden SED-Generalsekretär neidisch gemacht hätte.

Schon deshalb muss man widersprechen, aus Prinzip sozusagen: Poldi did the right thing! Erstens deshalb, weil es ungemein liebenswert ist, wenn da einfach mal einer die autoritäre Hackordnung sabotiert, die im deutschen Fußball immer noch herrscht, und sich dem (Spiel-) Führer nachdrücklich widersetzt. Zweitens, weil Ballack schon nach dem verlorenen EM-Finale ein veritables Brett verdient gehabt hätte (dafür nämlich, dass er Oliver Bierhoff als „Obertucke“ bezeichnet hat). Und drittens, weil alle Spieler, die einen Kapitän der deutschen Nationalmannschaft ohrfeig(t)en, früher oder später einen Karrieresprung hinleg(t)en: Der bis dato nur Eingeweihten bekannte Uruguayer Horacio Troche etwa, der bei der WM 1966 Uwe Seeler eine Schelle verpasste, landete nur ein Jahr später in der Bundesliga. Und Bixente Lizarazu wurde zwei Jahre nach seinem Backenfutter für Lothar Matthäus sogar Champions-League-Sieger. Grandiose Aussichten für Lukas Podolski also.

Außerdem: Heißt es nicht immer, dem deutschen Fußball fehlten die Typen? Na also. Und so ziemlich alle, die dieses Prädikat bislang verliehen bekommen haben, ließen im Laufe ihrer Karriere mindestens einmal buchstäblich fünfe gerade sein: Mario Basler, Stefan Effenberg, Ansgar Brinkmann und Uli Stein beispielsweise, um nur einige zu nennen. Und war es nicht der allseits geschätzte Oliver Kahn, der sich noch häufiger an Mitspielern vergriff als an gegnerischen Kickern? Eben. Alles in allem ist der Nutzen des „Ohrfeigen-Skandals von Cardiff“ (Bild) also weitaus größer als der Schaden, der sowieso bloß herbeifantasiert worden ist. Beim DFB hat man das auch gleich erkannt und dafür gesorgt, dass sich die beiden Testosteronmonster in der Kabine abklatschen. Wer dabei gewonnen hat, ist leider nicht überliefert, aber da Michael Ballack auf Vizemeisterschaften abonniert ist, kann man sich den Ausgang denken.

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