Krull + Voltaire = Moskovitz

Verdächtig still war es zuletzt geworden um den „Felix Krull der israelischen Friedensbewegung“, wie Henryk M. Broder den Reuven Moskovitz (Foto) sehr zu Recht nennt. Man weiß nicht, was der Grund für Moskovitz’ zeitweiliges Abtauchen war – vielleicht haben die Vorbereitungen auf seinen achtzigsten Geburtstag einfach nur besonders lange gedauert; möglicherweise hielt er es aber auch für ratsam, sich eine Weile rar zu machen, nachdem der Schwindel mit seinem angeblichen Doktortitel aufgeflogen war. Doch jetzt haben die „Israelkritiker“ hierzulande einen ihrer liebsten jüdischen Kronzeugen wieder, und das freut beispielsweise die Freie Universität Berlin so sehr, dass sie lieber nicht wissen will, warum da einem ihre akademischen Würden so ganz ohne auffindbare Nachweise zugeschrieben worden sind. Vielmehr lud sie den „israelischen Friedenskämpfer“ sogar zu einem Vortrag; anschließend machte ein Aushang an der Hochschule deutlich, dass es gar nicht um die „verzweifelte Lage der Palästinenser“ geht, wie es der Titel der Veranstaltung verhieß, sondern um etwas ganz anderes (Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik etc. im Original):

„Moskowitz sagt uns, dass gerade wir als Deutsche nicht nur das Recht, sondern sogar die besondere Pflicht zu Kritik an jeder friedenswidrigen Politik (auch der Politik Israels) haben! Er ruft uns dazu auf, die Mauer des Schweigens und des sich Unterwerfens unter die politische und geistige Erpressung zu durchbrechen Zum Schluss verweist und M. auf das Buch ‚Hitler besiegen’, von dem ehem. Israelischen Knesset-Vorsitzenden Avram Burg, mit der Hauptthese, das sich Israel in der Übergangsphase von der Weimarer Republik zum Schreckensregime des Nationalsozialismus befinde. Viel zu lange haben sich Frieden suchende Menschen in Deutschland mit dem Ruf Friede! Friede! an der Nase herumführen lassen, während die israelischen Machthaber dem Frieden unablässig entgegenwirkten.“

Die Einladung des alten Recken in die frühere Reichskapitale und seine Ansprache an ein geneigtes Publikum waren also gewissermaßen Ausdruck eines so nachholenden wie vorauseilenden Antifaschismus’, mit dem die Veranstalter im Verbund mit weiteren Gerade-wir-als-Deutsche-Deutschen erstens doch noch den Führer um die Ecke brachten und zweitens den israelischen Brünings, Papens und Schleichers rechtzeitig den Kampf ansagten, bevor die den jüdischen Staat final faschisieren. So etwas in der Art muss es gewesen sein, das auch den Club Voltaire in München motiviert hat, Moskovitz aufs Neue in die vormalige Hauptstadt der Bewegung zu holen, zumal schon beim ersten Termin im September der Theatersaal aus allen Nähten geplatzt sein soll. Nun bekommt der Scheindoktor am nächsten Dienstag eine weitere Gelegenheit, über „den langen Weg zum Frieden“ zu referieren. Aus, sagen wir, aktuellem Anlass hat man dazu sogar das Programm ein wenig gepimpt (Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik etc. auch hier im Original):

„Eigentlich wollte Reuven Moskowitz uns seine LieblingsschriftstellerInnen und Dichter vorstellen, da aber sowohl die USA als auch Israel eine neue Regierung haben werden, bitten wir ihn, um seine Meinungsäußerung dazu. Heißt neue Regierung auch neue Politik? Gibt es wieder mehr Hoffnung auf einen friedlichen Weg aus dem kriegerischen Konflikt mit dem Palästinensischem Volk? Wer ist Zipi Livni, die nach eigenen Angaben von 1980-1984 für den Geheimdienst ‚Mossad’ gearbeitet hat, ist von ihr eine neue Politik zu erwarten? Wird der neue amerikanische Präsident einen Wechsel in der Nahostpolitik vorantreiben? Wenn ja, inwiefern?“

Man braucht also dringend neuen Input zu seinen Lieblingsfeinden, das heißt: Der Onkel „Doktor“ soll den Patienten, Verzeihung: Clubgästen erzählen, dass sie auch bei Livni und Obama nicht von ihren lieb gewonnenen Gewohnheiten lassen müssen. Und das Ambiente dafür passt – schließlich ist es die erklärte Absicht des Club Voltaire, „einen Freiraum zu schaffen, an dem sich emanzipatorischer und politischer Anspruch mit sinnlicher Freude und Genuss decken“. Reuven Moskovitz scheint demzufolge quasi die ideale Symbiose zu sein, der personifizierte Freiraum sozusagen. Wenn man dann noch bedenkt, dass der Namensgeber des Hauses eben nicht nur ein Aufklärer, sondern auch ein veritabler Antisemit vor dem Herrn war – dann, ja dann ist der Rahmen für den Friedensopa wirklich ein perfekter. Nur eine Sache sorgt für Irritationen: Weshalb zeichnet ausgerechnet eine Band, die sonst auf Hochzeiten und Beerdigungen spielt, für die musikalische Untermalung der Veranstaltung verantwortlich?

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