Volksgemeinschaft gegen Rechts

Gegen Neonazis auf die Straße zu gehen, ist längst nicht mehr nur das Anliegen einer kleinen Minderheit. Als sich die rechtsradikalen Kameraden beispielsweise am vorvergangenen Wochenende in Dresden zu einem Aufmarsch zusammenrotteten, wurden sie von mehreren tausend Gegendemonstranten aufgehalten. „Trotzdem ist bei volksgemeinschaftlichen Zusammenkünften der Deutschen Vorsicht und Skepsis geboten – auch dann, wenn sie sich einmal ausnahmsweise gegen die größten Freunde solcher Zusammenkünfte richten“, befand unlängst die Zeitschrift Bonjour Tristesse aus Halle. Wie Recht sie hat, belegt der nachfolgende Gastbeitrag.


VON LEA T. ROSGALD UND MELANIE HÜBNER


Um Punkt 18.06 Uhr vermeldete der Kommandostand „Dresden Nazifrei“ am vorvergangenen Samstag stolz Vollzug: „Wir haben Europas größten Naziaufmarsch erfolgreich blockiert!“ Neben Berichten über Verwundete („Es gab mehrere Dutzend zum Teil Schwerverletzte durch Übergriffe von Polizei und Nazis“), dem Darbringen persönlicher Opfer im Einsatzgebiet, in dem „die Lage für alle auf den Straßen nicht leicht“ gewesen sei, sowie der Klage über die Grausamkeit der feindlichen Kräfte, die „massiv Wasserwerfer, Knüppel und Pfefferspray gegen DemonstrantInnen“ eingesetzt hätten, stand das Lob der eigenen, raffinierten Schlachtenführung, in deren Folge „dank flexibler Strategie, intensiver Vorbereitung und vor allem dank euch den Nazis eine weitere empfindliche Schlappe bereitet“ worden sei. Der Sieg wurde insbesondere den „20.000 BlockiererInnen“ der Volksgemeinschaft gegen Rechts zugeschrieben, die aus „dem gesamten Bundesgebiet“ und „unterschiedlichen Spektren“ zusammengekommen war.

Wie breit das Spektrum, das sich zur Verteidigung Dresdens anschickte, tatsächlich gewesen ist, zeigt eine Begebenheit am Dresdner Hauptbahnhof: In einem unmittelbar am Ort der Gegendemonstration gelegenen Café, in dem sich viele durch stalingradsche Temperaturen Unterkühlte aufwärmten und sich von den Strapazen der Dresdner Kesselerrichtung erholten, suchte auch ein junger Demonstrant Zuflucht, der sich eine Flagge der Royal Air Force umgehängt hatte – jener Streitkräfte also, die an der militärischen Zerschlagung des Nationalsozialismus einen maßgeblichen Anteil hatten und bekanntermaßen auch der sächsischen Hauptstadt eine Kriegserfahrung bescherten, aus der sich die Dresdner Identität bis heute speist. Als eine Gruppe schwarz gekleideter Gestalten nun jener Flagge gewahr wurde, begann sie, den Sympathisanten Sir Arthur Harris’ zu beschimpfen und zu bedrängen; zudem versuchte sie, ihm seine Flagge zu entreißen.

In dieser misslichen Lage intervenierte eine Gruppe von vier Leuten, die sich zwischen die Angreifer und den Bedrängten stellte, um den stetig größer werdenden, aggressiv auftretenden Haufen nach dem Grund für seine Attacken zu fragen: „Keine Nationalfahnen!“, „Nur die Rote Armee hat Deutschland befreit [sic!], sonst niemand!“, „Scheiß Engländer, scheiß Amis!“, schallte es aus dem mittlerweile auf 15 bis 20 stolze Antifa-Deutsche angewachsenen Block. Unter dem Schlachtruf „Hier sind Antideutsche!“ drängte der zunehmend gewalttätiger auftretende Mob die vier als Volksfeinde Entlarvten aus dem Café heraus auf die Straße und mitten in die Gegendemonstration. Als nun einer der langsam Zurückweichenden eine israelische Flagge hochhielt, gab es kein Halten mehr. Die zuvor nur mühsam zurückgehaltene Aggression brach sich beim Anblick des verhassten Davidsterns endgültig Bahn.

Der Mann, der ihnen mit der Degel Yisrael das Staat gewordene Scheitern ihrer Großväter vorgehalten hatte, wurde zu Boden getreten, wodurch er ungebremst mit dem Kopf auf dem Steinpflaster aufschlug. Eine weitere Person wurde ebenfalls niedergeschlagen. Die nun vollkommen enthemmte Gruppe trat auf die am Boden Liegenden ein und entwand die Fahne, um sie – Antisemiten sind immerhin dabei doch einigermaßen berechenbar – dem Schmutz der Straße auszusetzen. Bis auf eine Ausnahme kam keiner der sich in unmittelbarer Nähe des Angriffs aufhaltenden Anti-Nazi-Demonstranten zu Hilfe. Erst das Eingreifen der Polizei beendete die Treibjagd. Als die Ordnungshüter dankenswerterweise mehrere der Angreifer festnahmen und die verbliebenen Attackierten – der zu Boden Getretene wurde derweil ins Krankenhaus eingeliefert – als Zeugen befragten, wurden diese in Rufen als „antideutsche Denunziantenschweine“ beschimpft: Ganz offensichtlich konnten es die geistig verrohten Angreifer nicht fassen, dass sie für Attacken auf einen Judenfreund ernsthaft zur Rechenschaft gezogen werden würden.

Nun ist es nicht so, dass sich unter den Demonstrierenden nicht auch eine kleine Anzahl an Freunden Israels befand; zumindest waren hin und wieder Flaggen des jüdischen Staates in der Menschenmenge zu erkennen. Die integrative Kraft, die von einer Großdemonstration gegen Nazis und für die Verteidigung Dresdens offenbar ausgeht, lässt bekennende Antisemiten und Israelfreunde nämlich normalerweise einträchtig, sich gegenseitig nicht behelligend – getrennt in den Farben, vereint in der Sache –, nebeneinander ihre Abneigung gegen das nationalsozialistische Kasperltheater kund tun. Dabei hatten die Klügeren unter den Linken ihre Energie noch vor ein paar Jahren in die Kritik des Dresdner Opfermythos’ investiert. Die Aktivitäten richteten sich damals gleichermaßen gegen Nazis und jene ganz normalen Dresdner, die bis heute nicht müde werden, von einem „Feuersturm“ zu schwadronieren, der im Februar 1945 ihre geliebte Stadt heimgesucht habe. Die diesjährige Dresdner „Menschenkette“ brachte gar das beachtliche Kunststück fertig, sich gleichzeitig gegen Neonazis und „alliierten Bombenterror“ zu positionieren, den Opfermythos also gewissermaßen politisch korrekt zu inszenieren.

Dieser Frieden mit den Dresdner Zuständen war die Grundlage einer Mobilisierung, wie sie die deutsche Linke lange nicht gesehen hat. Wenn sich allein aus Berlin, der linken Hauptstadt der Bewegung, über fünfzig rappelvolle Reisebusse nach Dresden begeben, ist das kein Ausdruck von Dissidenz, sondern ein Konvoi des gesunden Volksempfindens, in diesem Fall: gegen Nazis. Wird man dieser dann aufgrund fieser „Bullen“ oder „schlechter Taktik“ nicht habhaft, wird das Bedürfnis übermächtig, eben eine andere Sau durchs linke Dorf zu treiben. In Ermangelung genuiner Nazis verschiebt sich dabei der Hass. Die Feindbestimmungen des Kollektivs unterliegen zwar gewissen Modeerscheinungen; „der Jude“ – und sei es der Staat gewordene – dürfte in Deutschland die inoffizielle Top 3 jedoch noch nie verlassen haben. Es ist deshalb kein Zufall, dass es gerade dort, wo von Neonazis weit und breit nichts zu sehen war – Konstantin Wecker blökte seine Greatest Hits, „Blockierse-Thierse“ ätzte gegen eine sprachlose Polizeiführung, Linkspartei-Feldherren peitschten die Menge an und verschoben Menschenmaterial in verschiedene, vom Zentralkomitee festgelegte Schützengräben –, zum Gewaltausbruch gegen die der Israellobby zugeschlagenen so genannten Antideutschen kam.

Den Soundtrack zur konformistischen Revolte lieferte schlussendlich der freie Dresdner Radiosender Coloradio, der gemeinsam mit dem Nachrichtenradio MDR Info den Großteil seiner Sendezeit der Kriegsberichterstattung widmete. Neben diversen Liveschaltungen zur Front („durchhalten“, „verstärken“, „zusammenhalten“) lief mit einem „No Flags, No Nations“ propagierenden Song nicht nur der passende Beat zum Angriff auf die „Antideutschen“; das antifaschistische Deutschland feierte zudem seine Wachsamkeit unter den Klängen des Titels „Deutsche, kauft nicht bei Nazis“. Und treffender lassen sich die Dresdner Verhältnisse nun wirklich nicht zusammenfassen.

Zum Foto: Wenn Deutsche ihre Vergangenheit „bewältigen“ und sich selbst läutern, kommt so etwas dabei heraus. Eine anständige Deutsche demonstriert während der Fußball-WM 2006 in Deutschland gegen einen Neonazi-Aufmarsch. Unbekannter Ort, Sommer 2006. Quelle: Stoooopid People.

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