Kadima, Chelsea!

Diese Meldung sorgte nicht nur in England, sondern weit über die britische Insel hinaus für ein regelrechtes Erdbeben: José Mourinho ist nicht mehr Trainer des Londoner Premier League-Klubs FC Chelsea. Lange herrschte Rätselraten darüber, ob der Meistercoach nun zurückgetreten ist oder entlassen wurde. Der Verein selbst schrieb in einem offenen Brief, es habe eine einvernehmliche Trennung gegeben, nachdem beiden Seiten das Scheitern der Verbindung deutlich geworden sei. Wie auch immer: Der Portugiese sitzt nicht länger auf der Bank. Zwischen ihm und Klubbesitzer Roman Abramowitsch rumorte es immer wieder einmal, denn Chelsea war zwar auf nationaler Ebene erfolgreich, weniger jedoch auf der europäischen Bühne. Das erklärte Ziel, der Gewinn der Champions League, wurde bisher jedenfalls noch nicht erreicht. Nach dem holprigen Saisonstart nahmen die Spannungen im Klub zu; das enttäuschende 1:1 beim Europapokal-Heimspiel gegen Rosenborg Trondheim dürfte das Fass schließlich zum Überlaufen gebracht haben. Mourinho (Foto, unten) legte einen Abgang mit viel Getöse hin; inzwischen sind jedoch sowohl er als auch sein vormaliger Arbeitgeber bemüht, etwas mehr Stil in die Angelegenheit zu bringen.

Doch die Trennung von Mourinho war nur die eine Seite der Überraschung; die andere dreht sich um dessen Nachfolge. Man hätte vielleicht mit dem derzeitigen russischen Nationaltrainer Guus Hiddink, mit Sevillas Juande Ramos, mit dem seit seinem Rücktritt bei Juventus Turin im Mai vereinslosen Didier Deschamps oder auch mit Jürgen Klinsmann gerechnet – aber nicht mit Avraham Grant (Foto, oben). Der ist seit einigen Monaten zwar Chelseas Sportdirektor und war zuvor technischer Direktor beim englischen Erstligisten FC Portsmouth. Als Trainer schrammte er mit der israelischen Nationalauswahl zudem nur knapp an der Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Deutschland vorbei. Darüber hinaus gewann er mit Maccabi Haifa und Maccabi Tel Aviv zahlreiche nationale Titel. Dennoch gilt er in England als Newcomer, denn einen der ganz großen Vereine hat Grant noch nicht trainiert.

Nicht wenige bezweifeln deshalb, dass er seiner neuen Aufgabe gewachsen ist. Im Forum der Chelsea-Fans überwiegt die Ablehnung. Viele Anhänger halten ihn für unerfahren; sie hätten lieber einen internationalen Erfolgstrainer gehabt und fürchten nun einen Absturz ihres Lieblingsvereins. Auch andere äußern Bedenken: „Avram Grant wird so willkommen sein wie Camilla bei Dianas ‚Memorial’“, ätzte beispielsweise der frühere Chelsea-Spieler Pat Nevin. Auch beim Guardian kann man sich partout nicht vorstellen, dass der Neue viel bewegen wird: Grant habe immer nur viel Glück gehabt und bevorzuge außerdem beim Fußball eine unattraktive taktische Zurückhaltung, hieß es; erfolgreich und willkommen sei er nur bei Roman Abramowitsch und den Medien. In Deutschland geht man gleich davon aus, dass Grant nur eine Interimslösung ist und nicht auf Dauer Chelsea-Übungsleiter bleiben wird.

Doch es gibt auch andere Stimmen. „Ich glaube nicht, dass es viele Leute gibt, die in José Mourinhos Fußstapfen treten können“, sagte Leicester Citys Vorsitzender Milan Mandaric, der mit Avraham Grant zuvor in Portsmouth zusammengearbeitet hatte. „Aber wenn Avram ausgewählt wurde, verdient er eine Chance.“ So sieht es auch Avi Meller, der in seinem Beitrag für das ambitionierte englische Webportal Sportingo zu dem Ergebnis kommt, dass Grant der richtige Nachfolger für Mourinho ist. „Mein Gefühl ist, dass Chelsea einen intelligenten, anspruchsvollen, smarten, ehrgeizigen und hart arbeitenden Fachmann verpflichtet hat“, schrieb er. Grant sei ein „Fußballverrückter mit großem Wissen und großer Erfahrung, guten Augen und scharfen Instinkten“, der Jahre damit verbringe, „weltweite Trainingsmethoden, Trends, Phänomene und Spieler zu studieren“. Lizas Welt hat Mellers Text ins Deutsche übersetzt.

Avi Meller

Warum Avraham Grant der richtige Nachfolger von Mourinho ist

Sportingo, 20. September 2007

Vor drei Jahren, als Avraham Grant Trainer der israelischen Nationalmannschaft war, wohnte er dem Afrika-Cup bei, der in Tunesien stattfand. Israelis können nicht frei nach Tunesien einreisen – weil es offiziell immer noch ein feindlicher Staat ist –, aber Grant (Foto) erhielt ein spezielles Visum mit Hilfe der guten Kontakte, über die der Pariser Korrespondent der führenden israelischen Tageszeitung Yediot Ahronot verfügte. Der Deal war ein ganz einfacher: Als Gegenleistung für die Unterstützung der Zeitung sollte Grant niemandem etwas von seiner Reise erzählen, bis er in Tunis gelandet ist; anschließend sollte Yediot die Chance auf eine richtige Sensationsnachricht bekommen: Ein israelischer Nationaltrainer wird auf feindlichem Boden willkommen geheißen!

Und genau so lief es. Mehr noch: Grant war so fest entschlossen, das Geheimnis (und Arrangement) zwischen ihm und Yediot zu hüten, dass er nicht einmal seinem Arbeitgeber, dem israelischen Fußballverband Ifa, von seinem anstehenden strittigen Ausflug berichtete. Die Ifa war natürlich alles andere als begeistert davon, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Aber Grant überlebte die Forderungen nach seinem Kopf, die aus dem Inneren des Verbands kamen. Was er hingegen nicht erahnte, war die Reaktion der israelischen Medien: Während Yediot seine Exklusivstory feierte, als ob diese Woodward und Bernstein in Watergate zum Thema gehabt hätte – und Grant als unfehlbaren Heiligen behandelte –, reagierten andere Zeitungen und Journalisten, die zurückgewiesen worden waren, als hätte sie ihr Vater verstoßen. Sie machten Grant fertig, malten ihn in den düstersten Farben, und schworen, bei nächster Gelegenheit Rache zu nehmen. Auch drei Jahre später sind die Auswirkungen dieses Vorfalls immer noch in der israelischen Presse spürbar, wenngleich in moderaterer Form.

Wenn es hier um Grant geht, dann deshalb, um einen Mythos zu brechen und wichtige Aspekte über einen Manager und Trainer bekannt zu machen, der in den letzten Monaten Chelseas Sportdirektor war – und nun Nachfolger von José Mourinho ist. Einerseits ist Grant ein gewandter Mann, der weiß, wo der Bartel den Most holt, und der infolge seines Charmes, seiner Faszination, seiner Überredungskünste und seiner ausgezeichneten rhetorischen Fähigkeiten mit den richtigen Leuten zur richtigen Zeit befreundet ist – seien sie Journalisten, Angestellte, Bosse oder Magnaten. Auf diese Art bahnte er sich den Weg an die Spitze, obwohl er nur ein mittelmäßiger Fachmann ist. Andererseits ist es diese Tunesien-Affäre, die deutlich macht, dass sämtliche „Public Relations und sonst nichts“-Theorien untauglich sind. Denn so trickreich und clever Grant in seinem Umgang mit der Presse sonst war, so sehr fragt man sich, warum er bloß in die Tunesien-Falle getappt ist und sich solch dauerhafte Feinde innerhalb der mächtigsten und einflussreichsten Schwerkraftzentren der israelischen Medien gemacht hat.

Nun, Avraham Grant (Foto, links, mit Mourinho) ist weder ein Heiliger noch ein Betrüger. Der 52-jährige in Israel geborene Trainer ist zuallererst self-made man und Manager. Obwohl er keinerlei Erfahrung als Spieler gemacht hatte, wurde er 1973 Jugendtrainer beim Erstligaklub Hapoel Petah Tikvah – mit 19 Jahren. 1978 gewann sein Team die Jugendmeisterschaft, und Grant wurde zum Coach der ersten Mannschaft ernannt – der jüngste, den es je in Israels höchster Liga gab. Grant ist ein Fußballfreak in Sachen Taktik, System, Entwicklung, Geschichte und Vielseitigkeit. Er verbringt Monate und Jahre damit, weltweite Trainingsmethoden, Trends, Phänomene und Spieler zu studieren. Er ist ein Charmeur und ein Causeur, der Verstand und Esprit mit israelischer (oder jüdischer) Chuzpe kombiniert. Aber er ist kein Scharlatan. Hinter jeder seiner von seinen Gegnern so genannten „Selbstinszenierungen“ steht ein Fußballverrückter mit großem Wissen und großer Erfahrung, guten Augen und scharfen Instinkten.

Das waren einige der Charakterzüge, die Grant dabei halfen, mit Maccabi Haifa (zwei Erstligameisterschaften und ein Pokalsieg) und Maccabi Tel Aviv (zwei Meistertitel) Erfolg zu haben, und die den israelischen Verband überzeugten, ihn mit 46 Jahren zum jüngsten israelischen Nationaltrainer aller Zeiten zu machen. Während seiner Amtszeit missglückten Grant die Ausscheidungsspiele zur Europameisterschaft 2004 kläglich, aber an der Qualifikation für die Weltmeisterschaft scheiterte er nur um Haaresbreite: Unter seiner Führung beendete Israel seine Qualifikationsgruppe ungeschlagen, bei Gegnern wie Frankreich (dem späteren Vizeweltmeister), Irland und der Schweiz – und nur einen Punkt entfernt vom zweiten Platz, der zur Teilnahme an der WM berechtigt hätte.

Doch selbst solche Erfolge mit einer sehr mittelmäßigen israelischen Mannschaft verschafften Grant nicht allzu viele neue Freunde. Die schiere Eifersucht seiner Kollegen – die sich in Hass verwandelte – und der übliche Hohn von Kritikern, die sich immer aufführen, als sei der Himmel die Grenze Israels, waren verantwortlich dafür, dass es nicht den angemessenen Beifall für ihn gab und nicht die Früchte seiner Arbeit gewürdigt wurden, sondern Grant als „Glückspilz“ tituliert wurde. Das führte sogar so weit, dass eigens ein hebräischer Ausdruck entstand: „Avrams Arsch“ – was implizierte, dass Glück und Zufall ihm durch Dick und Dünn halfen.

Aber das ist nicht der Grant, den Roman Abramowitsch traf. Es mag stimmen, dass die prestigeträchtige Ernennung an der Stamford Bridge eine Folge der Art und Weise war, in der Grant es schaffte, den russischen Magnaten zu beeindrucken und ein enger Freund von ihm zu werden. Aber Abramowitsch ist kein Dummkopf. Er zahlt niemandem fast eine Million Pfund pro Jahr für geschmeidige Unterhaltungen oder weil er ein gefälliger Verbündeter ist. Wenn es darum gegangen wäre, hätte er Grant eine Saison lang in die Karibik schicken können, statt die Stabilität seines Klubs mit seiner Berufung zu riskieren.

Nein, Abramowitsch wollte Grant an Bord haben, weil der kluge Manager ihn reichlich mit Einblicken, Beispielen, Plänen und Ideen versorgte. Nun will er ihm die Chance geben, diese Fähigkeiten in den Job einzubringen, der wirklich zählt – den des Mannes, der die Mannschaft führt. Grant mag sich einen Teil seines Anfangskredits mit seinen diplomatisch-akrobatischen Tätigkeiten verdient haben. Aber das war nicht alles. Nun wird er seinen Wert unter Beweis stellen müssen, und man wird ihn nach seinem Beitrag und seiner Leistung beurteilen. Mein Gefühl ist, dass Chelsea einen intelligenten, anspruchsvollen, smarten, ehrgeizigen und hart arbeitenden Fachmann verpflichtet hat, und dass viele Israelis sich auf die Zunge werden beißen müssen.

Hattip: barbarashm

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