Eine deutsche Dynastie

Wer am vergangenen Sonntag nach der Hälfte des Zweiteilers Die Frau vom Checkpoint Charlie, der schwerfälligen Anne Will und dem altgedienten Titel, Thesen, Temperamente immer noch nicht genug von der ARD hatte und auf die in den Fernsehzeitschriften angekündigte Dokumentation über Inge Meysel wartete, wurde überrascht: Statt eines Porträts der Schauspielerin servierte Das Erste mit Das Schweigen der Quandts eine Reportage über eine der betuchtesten deutschen Unternehmerfamilien und deren Verflechtungen mit dem Nationalsozialismus sowie die Nachkriegskarriere dieser Dynastie. Offiziell begründete die Rundfunkanstalt ihre scheinbar spontane Programmänderung damit, dass man die Dokumentation nach ihrer Vorführung auf dem Hamburger Filmfest zeitnah habe ausstrahlen wollen. Doch diese Argumentation ist wenig glaubhaft. Vielmehr dürften zwei andere Faktoren eine entscheidende Rolle gespielt haben: zum einen die Furcht, dass die Sendung im Zuge einer Klage der Familie Quandt per einstweiliger Verfügung ausgesetzt werden muss, und zum anderen die Hoffnung auf einen Coup, der Quote und medialen Nachhall bringt.

Das Unterfangen gelang: Knapp 1,3 Millionen Zuschauer sorgten für einen respektablen Marktanteil von 13,5 Prozent, und die Zeitungen berichteten ausführlich. Allenthalben weiß man nun, was im Grunde genommen gar nichts Neues ist: Die Quandts waren mit den Nazis untrennbar verschränkt und haben massiv von der Zwangsarbeit und den Konzentrationslagern profitiert; nach dem Krieg wurden sie zu Unrecht als unbelastet eingestuft und konnten ihre Laufbahn in der Bundesrepublik ohne jeden Nachteil fortsetzen. Sie retteten BMW erst vor der Pleite, führten den Konzern dann zu voller Blüte und gehören heute mit einem Vermögen von geschätzten 24 Milliarden Euro zu den reichsten Familien hierzulande. Eine typisch deutsche Bilderbuchkarriere, der die NS-Zeit keinerlei Abbruch tat, im Gegenteil: Sie war geradezu die Voraussetzung für Reichtum und Wohlstand.

Weil aber die Quandts die Zeichen der Zeit – im Gegensatz zu Konzernen wie Volkswagen, Allianz, Daimler, Continental oder der Deutschen Bank – nicht erkannten und sich strikt weigerten, ihre Geschichte aufzuarbeiten oder aufarbeiten zu lassen, weckten sie das Interesse der Filmautoren Eric Friedler und Barbara Siebert. Die wiesen nach, was sich die Quandts zuschulden kommen ließen und dass sie dafür nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Daran ist überhaupt nichts Falsches, doch eine Frage drängt sich auf: Was sind die Konsequenzen? Deutsche Firmen, denen Zwangsarbeit und Konzentrationslager gerade recht kamen, gibt es sonder Zahl; Nachteile hatten sie nach dem Krieg gleichwohl allesamt nicht zu befürchten, bis Sammelklagen und damit Umsatzeinbußen in den USA drohten. Diesen begegneten sie mit der Gründung eines Entschädigungsfonds, der letztlich zur Erfolgsstory wurde: Mit gerade einmal zehn Milliarden Mark befreiten sich der deutsche Staat und die deutsche Wirtschaft höchst preiswert von allen Ansprüchen.

BMW war eines der Gründungsmitglieder dieses Fonds, doch das reichte den Filmemachern nicht: Sie wollten noch die formelle Anerkennung der Schuld durch die Quandts. Diese hatten nach der Ausstrahlung der Reportage über sie genau zwei Möglichkeiten: Sie konnten das beharrliche Schweigen fortsetzen oder sich dazu entschließen, die Familienhistorie offen legen zu lassen. Und nach anfänglichem Zögern entschieden sie sich für die letztgenannte Option: Der ARD-Film habe die Familie „bewegt“, hieß es in einer Erklärung der Dynastiemitglieder Susanne Klatten, Gabriele Quandt-Langenscheidt, Sven Quandt und Stefan Quandt. „Wir erkennen, dass die Jahre 1933 bis 1945 in unserer Geschichte als deutsche Unternehmerfamilie noch nicht ausreichend aufgearbeitet sind. Wir sind uns als Familie einig, dass wir mit diesem Teil unserer Geschichte offen und verantwortungsvoll umgehen wollen.“

Zu diesem Behufe soll nun ein eigens beauftragter Zeithistoriker im Rahmen eines „an wissenschaftlichen Kriterien ausgerichteten“ Forschungsprojektes die Vergangenheit der Familie unter die Lupe nehmen. Dafür wolle man Akten und Dokumente aus den Familienarchiven zur Verfügung stellen, versprachen die Quandts. Die Ergebnisse werde man dann der Öffentlichkeit vorlegen. Unabhängig davon, was dabei herauskommt, steht eines schon jetzt fest: Die Untersuchung wird ihnen nicht schaden. Es ist längst Konsens in der Bundesrepublik Deutschland, dass man sich offensiv zu seiner Vergangenheit bekennt, solange dadurch keine nennenswerten Kosten entstehen. Und da darf man inzwischen unbesorgt sein: Unter die Forderungen von ehemaligen Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen hat die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft im Juni einen Schlussstrich gezogen. Daher wird auch die BMW-Familie nicht mehr ihr Konto plündern müssen. Was bleibt, ist daher der Nutzen, den die Quandts wie die Deutschen überhaupt aus der Shoa ziehen dürfen. Er besteht aus dem moralischen Kredit namens Vergangenheitsbewältigung, der so preiswert zu haben war wie eine Badehose im Sommerschlussverkauf und inzwischen zu einem echten Investitionsvorteil geworden ist. Doch daran nimmt niemand Anstoß.

Zum Foto: Josef Goebbels mit Familie. Von links: Tochter Hildegard, Ehefrau Magda Goebbels – geschiedene Quandt –, Tochter Helga, Goebbels und Stiefsohn Harald Quandt. – Am 22. November 2007 wird Das Schweigen der Quandts im NDR wiederholt.

Hattips: barbarashm, Marlies Klein

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