Zentrum für Ahnungslose

Eines vorneweg: Natürlich darf man alles mit jedem vergleichen. Man darf den Kommunismus mit dem Nationalsozialismus vergleichen, Bayern München mit der TSG Hoffenheim und selbstverständlich auch den Antisemitismus mit der Islamophobie. Niemand verbietet das, niemand will es verbieten. Vergleiche können nützlich sein, schließlich sind sie – zumindest theoretisch – dazu da, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zutage zu fördern. In der Praxis laufen Vergleiche allerdings nicht selten vor vornherein auf eine Gleichsetzung hinaus, das heißt, die Unterschiede werden gegenüber den angeblichen oder tatsächlichen Gemeinsamkeiten vernachlässigt oder sogar ganz ausgeblendet. So und nicht anders war es auch bei der Tagung „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“, die das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) am vergangenen Montag veranstaltet hat. Bereits die Ankündigung und das Programm der Konferenz ließen diesbezüglich keine Zweifel aufkommen: Über „Judenfeindschaft unter Muslimen“ – die das ZfA mit dieser Formulierung zu einer individuellen Angelegenheit herunterbrach, weil es das Problem offenkundig nicht „islamischer Antisemitismus“ nennen wollte – sei „in den vergangenen Jahren“ viel geredet worden; jetzt müssten die „pauschalen Anfeindungen“ gegen Muslime ein Thema sein, denen „Denkmuster“ zugrunde lägen, wie sie „aus der Geschichte des Antisemitismus bekannt“ seien, was wiederum die Frage aufwerfe, „welche Gemeinsamkeiten Judenfeinde und Islamfeinde teilen“.

Mit seiner Tagung hat sich das ZfA herbe Kritik eingehandelt – vor allem von Matthias Küntzel, Clemens Heni und Gudrun Eussner –, während beispielsweise Frank Jansen im Tagesspiegel, Stephan Speicher in der Süddeutschen Zeitung und Alan Posener auf der Achse des Guten die Konferenz verteidigten und verschiedene Medien, darunter die taz, dem ZfA-Leiter Wolfgang Benz (Foto) die Gelegenheit gaben, Stellung zu nehmen. Die Kritiker der Konferenz betonten dabei, kurz gesagt, die erheblichen weltanschaulichen Unterschiede zwischen dem Antisemitismus und dem Rassismus gegen Muslime. Und sie machten deutlich, dass eine Gleichsetzung den islamisch motivierten Judenhass sowie die Vernichtungsdrohungen gegen Israel völlig unter den Tisch fallen lasse. Die Verteidiger behaupteten demgegenüber, der Hass gegen Juden und der gegen Muslime wiesen etliche Übereinstimmungen auf, die sich mit dem Begriff „Rassismus“ zusammenfassen ließen. „Vorurteilsforscher“ Wolfgang Benz verstrickte sich derweil in Widersprüche: Eine Gleichsetzung von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit finde nicht statt und sei auch nicht beabsichtigt, sagte er der Süddeutschen Zeitung zufolge, nachdem er im soeben erschienen Jahrbuch seines Instituts noch geschrieben hatte: „Die Wut der neuen Muslimfeinde gleicht dem alten Zorn der Antisemiten gegen die Juden.“ Zudem wiesen der Gesandte der israelischen Botschaft, Ilan Mor, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlins, Lala Süsskind, und der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, Benz’ Behauptung zurück, er habe sich vor der Tagung ihre Zustimmung zu seinem Vergleich eingeholt.

Um das Selbstverständliche zu sagen: Kein ernst zu nehmender Mensch bestreitet, dass es Rassismus gegen Muslime gibt. Nur sollte man schon genau hinsehen, was da im einzelnen als solcher gehandelt und mit dem Antisemitismus gleichgesetzt wird. Auf der ZfA-Konferenz vertrat die Politikwissenschaftlerin und Historikerin Angelika Königseder beispielsweise die These, der Protest gegen den Bau von Großmoscheen finde seine Entsprechung in den Feindseligkeiten gegen die Errichtung von Synagogen im 19. Jahrhundert. Kein Zweifel: Ein Protest gegen den Moscheenbau kann rassistische Gründe haben. Es gibt allerdings auch sehr nachvollziehbare Einwände, wie sie etwa Necla Kelek vorbrachte, als sie schrieb, die Großmoscheen seien keine einfachen Gebetshäuser für Gläubige, sondern Ausdruck des Hegemonieanspruchs des Islam, „politische Statements in Beton“ und „Keimzellen einer Gegengesellschaft“. Ein anderes Beispiel entstammt dem Ankündigungsfaltblatt des ZfA für die Konferenz, in dem die Behauptung einer „Islamisierung Europas“ rundweg als „Verschwörungsfantasie“ bezeichnet wird. Auch hier kann der Vorwurf des Rassismus zwar fraglos berechtigt und zutreffend sein – schließlich wird oft genug bereits die Zuwanderung von Muslimen und deren schiere Existenz in Europa als „Beweis“ für eine solche „Islamisierung“ angeführt. Was aber, wenn – wie oft genug geschehen und damit durchaus keine Verschwörungsfantasie – islamische Geistliche und Politiker die Überlegenheit des Islam predigen, zu seiner Expansion aufrufen und damit tatsächlich die Bildung einer Gegengesellschaft mit all ihren Konsequenzen befördern? Was also, wenn sie gar keinen Hehl daraus machen, die Islamisierung voran treiben zu wollen, und zwar mit roher Gewalt?

Hier deutet sich bereits an, wie falsch die Parallelisierung mit dem Antisemitismus ist. Denn zunächst einmal gibt es für die genannten Beispiele kein jüdisches Gegenstück: Weder waren Synagogen je Ausdruck eines Hegemonieanspruchs des Judentums, noch haben je jüdische Geistliche und Politiker die Überlegenheit des Judentums reklamiert und zu seiner Ausdehnung aufgerufen. Anders gesagt: Während die Einwände gegen den Islam sehr wohl rational sein können – insoweit sie nicht rassistisch motiviert sind, sondern sich gegen seine religiös grundierte, faktisch jedoch politische Herrschaftspraxis und -kultur richten –, ist der Hass gegen Juden immer irrational und immer eine gedankliche Eigenleistung der Antisemiten, die mit dem konkreten Verhalten von Juden nichts zu tun hat. Auf eine weitere erhebliche Differenz hat Richard Herzinger im Juli dieses Jahres in der Jüdischen Allgemeinen hingewiesen: „Von einer systematischen Diskriminierung oder gar Verfolgung der etwa 25 Millionen Muslime in Europa, wie sie den Juden des 19. und 20. Jahrhunderts widerfuhr, kann heute keine Rede sein“, befand er. „Dass Muslime als einzelne und als Gruppe tatsächlich vielfach herabwürdigenden Vorurteilen oder rassistischen Anwürfen und Angriffen ausgesetzt sind, ist zwar wahr und schlimm. Doch es gibt in den europäischen Demokratien keine offizielle Politik der Ausgrenzung und Diffamierung gegenüber der islamischen Religion und Kultur – von staatlich geförderten oder geduldeten Pogromen gar nicht zu reden. Im Gegenteil: Nachdem die muslimische Präsenz in Europa jahrzehntelang verdrängt oder ignoriert wurde, erleben wir heute einen intensiven Diskurs über ihren Platz in der Mitte der europäischen Gesellschaft.“

Darüber hinaus gibt es noch weitere, im Wortsinne wesentliche Unterschiede zwischen dem Rassismus – auch dem gegen Muslime – und dem Antisemitismus. Zwar verweigert sowohl der Rassist als auch der Antisemit von ihm definierten Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe an der eigenen Gesellschaft; zwar behauptet der eine wie der andere die Verschiedenwertigkeit von Menschen(gruppen) und die Höherwertigkeit des eigenen nationalen Kollektivs; zwar befürworten beide zur Durchsetzung ihrer Vorstellungen auch unmittelbare Gewalt und werden dabei gegebenenfalls selbst handgreiflich – auf eigene Faust wie auch im Mob. Doch während der Rassist meistens mit der staatlich organisierten Abschiebung, Versklavung und Kolonisierung seiner Hassobjekte – die er je nachdem für triebhaft, faul, schmutzig, hinterhältig, primitiv oder kriminell hält – ruhig zu stellen ist, geht es dem Antisemiten um nicht weniger als die Auslöschung seiner Feinde, der Juden.

Sie nämlich hält er für die absolute Gegenrasse, für das Anti-Volk, das die „Völker“ zersetzt; sie verdächtigt er, im Verborgenen die Weltherrschaft zu planen; sie macht er für alles Übel dieser Welt verantwortlich: für Globalisierung und Egoismus, für Vereinzelung und die Zerstörung traditioneller sozialer Beziehungen, für die Macht der Banken und die Dominanz des Geldes, für Kosmopolitismus und Krieg. Kurz: Der Rassist konstruiert „Untermenschen“, denen er sich überlegen fühlt und die er dauerhaft aus den Augen geschafft haben und beherrschen will; der Antisemit sieht in den Juden so unsichtbare wie allgegenwärtige „Übermenschen“, deren von ihm selbst erfundene Allmacht letztlich nur durch eine möglichst vollständige Vernichtung zu brechen ist. Diese Vernichtung begreift er als Erlösung, als Rettung der Welt vor der Zerstörung durch Parasiten. Dass die Allmachtsfantasien, die der Antisemit den Juden unterstellt, seine eigenen sind, verweist auf die Projektionsleistung, die dem Judenhass zugrunde liegt und die Ausdruck einer schweren Persönlichkeitsdeformation ist. Mit Argumenten ist ihr deshalb auch nicht beizukommen, weshalb jede Diskussion mit einem Antisemiten immer dem Versuch ähnelt, einem Tier das Sprechen beizubringen.

Ob das ZfA es nun beabsichtigt hat oder nicht: Mit seiner Gleichsetzung von Antisemitismus und „Islamophobie“ hat es tatsächlich die Shoa bagatellisiert und den Judenhass in der islamischen Welt – inklusive der Vernichtungsdrohungen des iranischen Mullah-Regimes gegenüber Israel – zu einer vernachlässigenswerten Größe gemacht. Dem widerspricht auch nicht, dass die ZfA-Mitarbeiterin Juliane Wetzel zum letztgenannten Thema einen Vortrag auf der Konferenz hielt. Denn in diesem behauptete sie unter anderem, der „islamisierte Antisemitismus“ unter in Europa lebenden Muslimen habe sich erst in jüngster Zeit „aufgrund von Erfahrungen im Einwanderungsland“ entwickelt und sei eine „Reaktion auf soziale Ausgrenzung und Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt“. Solche verständnisinnigen Einschätzungen kommen einer Rechtfertigung gleich; sie erinnern stark an die „akzeptierende Sozialarbeit“ mit Neonazis und zeigen, dass ihre Urheberin von der Genese, Funktion und Wirkungsmacht des Antisemitismus nicht viel verstanden hat. Aber womöglich ist das auch nur logisch, wenn man seinen Arbeitsbereich im Zentrum für Ahnungslose allen Ernstes „Vorurteilsforschung“ nennt.

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