Befreiung auf der Bühne



Wenn ein Theaterstück, das die „schicksalhafte Verbindung“ junger Erwachsener aus Deutschland, den palästinensischen Gebieten und Israel zum Thema hat, in der deutschen Presse überschwänglich gelobt wird, muss man als Besucher dieser Inszenierung mit dem Schlimmsten rechnen. Trotzdem hat sich Lea T. Rosgald
die Aufführung in Dessau für Lizas Welt angesehen.


VON LEA T. ROSGALD


„Wir sind längst keine Opfer mehr, sondern in der dritten Generation zu Tätern geworden“ – ein solcher Satz aus dem Mund eines Juden oder einer Jüdin lässt das Herz eines jeden „Israelkritikers“ höher schlagen. Gesagt hat ihn Yael Ronen, die israelische Regisseurin des mit deutschen, arabischen und israelischen Schauspielern bestückten Bühnenwerks „Die dritte Generation“, in einem Interview mit der taz. Der Holocaust werde von der israelischen Politik instrumentalisiert, behauptete Ronen darüber hinaus – und wurde dafür von der Tageszeitung, der Henryk M. Broder einmal das Prädikat „Kreuzberger Kinderstürmer“ verlieh, denn auch gelobt: Sie gehöre zu jener Generation von Israelis, die erkannt habe, „dass es gerade das sture, alles rechtfertigende Beharren auf dem eigenen Opferstatus ist, das den Kreislauf der Gewalt auf beiden Seiten immer wieder mit mörderischer blinder Wut anfüttert“. Applaus gab es auch im Neuen Deutschland; dort begeisterte sich Christoph Funke über den „Slapstick“ der Schauspieler, die „frisch und frech die Belastungen im Verhältnis der drei Nationen Deutschland, Israel, Palästina“ darstellten, und die Berliner Morgenpost jubelte, „die Stereotypen der beliebten Opfer- und verordneten Täterrollen“ würden „aberwitzig über den Haufen geworfen“.

Diese Lobeshymnen, soviel sei vorweg genommen, sind berechtigt. Wenn ein deutscher Schauspieler das Stück mit einem Selbstgespräch einleitet, in dem er sich für alle möglichen Dinge entschuldigt, für Banalitäten wie den Holocaust und ärgere Dinge wie das schlechte Wetter, dann feixt das Publikum, weil es weiß, dass es nichts zu entschuldigen gibt. Diese Freude wird nur kurz getrübt, wenn eine der israelischen Schauspielerinnen anklagend fragt, weshalb die Deutschen seinerzeit weggesehen hätten, als Juden erst durchs Dorf getrieben und anschließend ermordet wurden. Denn die Entlastung des ohnehin nicht belasteten deutschen Gewissens folgt auf dem Fuß: Schließlich baue die israelische Regierung „eine schlimme Mauer“, weil „die Israelis nicht wissen wollen, was in den besetzten Gebieten vor sich geht“. Der mögliche Einwand, dass dieser Schutzzaun die Israelis vor dem Terror der palästinensischen Mörderbanden schützt, wird von der Schauspielerin antizipiert und in ihrem Monolog sogleich gekontert: Die Terroristen fänden trotzdem ihren Weg, außerdem sei es „schrecklich, über eine Million Menschen in einem Gefängnis ohne Essen einzusperren“. (Dass eines der dringlichsten gesundheitlichen Probleme der Menschen im Gazastreifen das Übergewicht ist, sei hier nur am Rande erwähnt.) Ähnlich der Eröffnungsrede ihres deutschen Kollegen soll auch der Monolog der Israelin offenbar witzig daherkommen, wenn nach jedem Statement – etwa über die Shoah und die „Nakba“ – die Versicherung angefügt wird, das könne man „überhaupt nicht vergleichen“, wie auch der Holocaust mit dem Völkermord in Ruanda nicht zu vergleichen sei, weil Ruanda ja „ein ganz anderer Kontinent“ sei.

Genozid und tote Juden als Schenkelklopfer, die Israelis als Volk von Tätern – das macht Laune hierzulande, zumal, wenn die Vergangenheit so „frisch und frech“ bewältigt wird, wie es nicht nur das Neue Deutschland gerne hat. In einer anderen Szene begegnet ein palästinensischer „Geist“ seinem israelischen Mörder in Uniform und beteuert ihm gegenüber, er habe damals in Jenin statt einer Handgranate doch nur eine Coladose in den Händen gehalten – wodurch auf die Lüge vom „Massaker in Jenin“ Bezug genommen wird. Anschließend wird die israelische Armee auch noch des Mordes an den Bewohnern des Zoos von Gaza für schuldig befunden, was im Land der Tierfreunde und Judenhasser natürlich besonders gut ankommt. Und schließlich versichert eine Schauspielerin augenzwinkernd, Israel habe die moralischste Armee der Welt; die Soldaten der Zahal täten keiner Fliege etwas zuleide. Da lacht der Theaterbesucher, hat er doch kurz zuvor erfahren, dass Israelis generell „nicht zurechnungsfähig“ und „traumatisiert“ seien – nicht etwa durch den realen Massenmord, sondern durch die eigene Regierung, die doch tatsächlich Erinnerungsfahrten für israelische Schulklassen nach Auschwitz organisiert, was für die Schauspieler Anlass zu einem mit der Gitarre begleiteten Liedchen ist: „Don’t stop sending us to Auschwitz, so Auschwitz could never happen again“, trällert es fröhlich von der Bühne, und die deutschen Zuschauer sind entzückt.

Bemerkenswert ist der Zuruf einer israelischen Darstellerin an ihre Kollegen, mit dem Stück werde lediglich der Wunsch der Deutschen nach jüdischen Tätern zum Zwecke der eigenen Entlastung erfüllt; die Deutschen liebten die Juden aber dennoch nicht. Diese ausgesprochene – und gerade dadurch dementierte – Wahrheit ist allerdings augenscheinlich nicht das Resultat einer kritischen Reflexion der eigenen Darbietung, sondern eher der ins Stück integrierte Vorwurf, der den Schauspielern in Israel begegnete und sowohl ihnen als auch dem Publikum so absurd erscheint, dass über ihn nicht weiter nachgedacht werden muss. In der sich kürzlich in Dessau an die Aufführung anschließenden Diskussionsrunde, die ihren Namen nicht verdiente, marschierten die Künstler, das Publikum und der Moderator Andreas Montag – Kulturredakteur bei der notorisch „israelkritischen“ Mitteldeutschen Zeitung und also schon von Berufs wegen Liebhaber der „Dritten Generation“ – denn auch im Gleichschritt zum Dreiklang Antizionismus, deutsche Vergangenheitsbewältigung und palästinensischer Befreiungskampf. Das inszenierte Rebellentum, ohne das kein antizionistisches Spektakel auskommt, kulminierte schließlich darin, dass die Schauspieler berichteten, sie hätten vor der Premiere in Israel „Angst vor Tomatenwürfen“ gehabt (die dann aber doch ausblieben) und sich der „Zensur“ im jüdischen Staat widersetzen müssen – die das Ensemble in dem schlichten Umstand zu erkennen glaubte, dass das israelische Außenministerium ihnen die Co-Finanzierung des Stückes versagte.

„Provozierend“, „verstörend“, „revolutionär“ gar, wie es in den Jubelorgien über die Aufführung zu lesen war, ist in „Dritte Generation“ jedenfalls gar nichts. Vielmehr handelt es sich um eine konformistische Revolte auf der Theaterbühne, in der die Schauspieler mit dem Publikum in antizionistischer Sehnsucht gemeinsam aufgehen und die „letztendlich befreiend“ wirkt, wie die Berliner Morgenpost frohlockte, um zu ergänzen, das Stück sei „eine Option auf die Zukunft“ – was angesichts der Darbietung unbedingt als Drohung verstanden werden muss.

Das Foto zeigt einen Ausschnitt aus dem Theaterstück „Die dritte Generation“. Hier reißt der deutsche Schauspieler Niels Bormann das Publikum zu Beifallsstürmen hin.

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