Es denkt

Ein irakischer Journalist wirft während einer Pressekonferenz in Bagdad mit seinen Schuhen nach George W. Bush (Foto) – und sein deutscher Kollege Carsten Kühntopp macht daraufhin aus seinem Herzen keine Mördergrube:

„Schade, dass er nicht getroffen hat.“

Das dächten jedenfalls „viele Menschen in der arabischen Welt, sehr viele“. Und auch in Kühntopp denkt es, ganz öffentlich-rechtlich. Wie gerne hätte er mit Muntasser al-Zaidi getauscht! Wie gerne hätte er dem gehassten Präsidenten der USA mitgeteilt: „Siehe, du bist noch niedriger als meine Sohlen, die immer im Dreck sind!“ Wie gerne hätte er selbst seine Treter „mit aller Kraft nach Bush“ geworfen und sich dafür von Muhammar al-Gaddafis Tochter einen Orden umhängen lassen! Denn als al-Zaidi sein Schuhwerk von sich schleuderte, „da steckte viel in seinem rechten Arm“:

„Zum Beispiel die Wut darüber, dass die Amerikaner den Irak zwar von einem grausamen Diktator befreiten, aber das Land dann wegen ihrer Ignoranz und Arroganz in Trümmer legten. Dazu die Trauer über die mehreren hunderttausend Iraker, die seit der Invasion getötet oder verletzt wurden. Schließlich der Zorn über das verpfuschte Leben der mehr als vier Millionen Menschen, die auf der Flucht sind. Und außerdem das erniedrigende Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber dem Westen, gegenüber fremden Mächten, die im eigenen Land, in der gesamten arabischen Welt, beliebig schalten und walten.“

Kennt man ja alles noch aus jener Zeit, als dem Deutschen viel in seinem rechten Arm steckte – bevor die Amerikaner im Verbund mit Briten, Sowjets und Franzosen das „Dritte Reich“ ignorant und arrogant in Trümmer legten, mehrere hunderttausend Arier töteten oder verletzten, Millionen Volksgenossen zur Flucht zwangen und das erniedrigende Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber dem Westen erzeugten, gegenüber fremden Mächten, die im eigenen Land, in der gesamten deutschen Welt, beliebig schalteten und walteten. Und die so Geknechteten rächten sich auf ihre Weise – sie stellten die Marschstiefel notgedrungen in die Ecke und wurden stattdessen „Israelkritiker“:

„Auch manch ein Palästinenser würde gerne mal seine Schuhe nach Bush werfen oder nach Tony Blair oder Angela Merkel – alles Politiker, die das eine sagen, aber das andere tun, die von Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung reden, aber die jahrelange Abriegelung von anderthalb Millionen Menschen im Gaza-Streifen für normal halten.“

Ob der deutsche Radiomann im Anschluss an die Pressekonferenz in Bagdad zur Mega-Geburtstagsparty der Hamas nach Gaza fuhr, ist nicht überliefert. Was dort bei den „frei gewählten Vertretern eines unter Besetzung stehenden Volkes“ (Kühntopp) und ihrer Anhängerschar vonstatten ging, hätte ihm jedenfalls gewiss imponiert. Man warf zwar nicht seine Fußbekleidung durch die Gegend und ausnahmsweise auch keine Raketen auf Juden, aber die Stimmung war trotzdem bestens. Sie erreichte ihren Siedepunkt, als ein als Gilad Shalit verkleidetes Hamas-Mitglied auf die Bühne trat und den vor zweieinhalb Jahren entführten israelischen Soldaten zur Freude des Mobs lächerlich machte. Hätte Kühntopp das zu kommentieren gehabt, er hätte wohl wie schon in Bagdad von „Gefühlen“ gesprochen, die sich „aus einer nüchternen Analyse der Dinge in diesem Teil der Welt“ speisten und bloß eine Folge „westlicher Einmischung“ seien.

George W. Bush reagierte übrigens sportlich-gelassen auf den Bewurf: Als der erste Schuh flog, duckte er sich elegant weg, und das zweite Exemplar kam so unpräzise des Wegs, dass der US-Präsident nicht einmal zuckte. Anschließend erklärte er: „Alles, was ich dazu sagen kann, ist, der Mann hat die Schuhgröße 10. Das passiert eben in freien Gesellschaften, wenn jemand Aufmerksamkeit erhaschen will.“

Herzlichen Dank an This louder Voice für wertvolle Hinweise.

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