Zionist sozialdemokratischer Prägung

Im Oktober 1942 wurde Rudi Gelbard als elfjähriger Junge zusammen mit seinen Eltern aus Wien ins KZ Theresienstadt deportiert. Die Familie überlebte die Shoa, weil die Mutter in der Glimmerspalterei, einer kriegswichtigen Produktion, eingesetzt war. Als das Lager am 5. Mai 1945 befreit wurde, lebten von den etwa 10.000 Kindern, die dorthin verschleppt worden waren, noch 1.633 – darunter Rudi Gelbard. Neunzehn seiner Angehörigen hingegen wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Gelbard kehrte mit seinen Eltern nach Wien zurück. Sein Vater, ein gebrochener Mann, starb 1952 schwer krank mit 48 Jahren. Auch seine Mutter litt ihr Leben lang an den Folgen von Haft, Zwangsarbeit und Demütigungen. Sie starb 1973.

All das prägte Rudi Gelbard (Foto) für sein weiteres Leben. Bereits im Konzentrationslager war er zum Zionisten geworden; nach seiner Befreiung und Rückkehr kämpfte er – in der Kultusgemeinde und bei den Sozialdemokraten – gegen Holocaustleugnung, Antisemitismus, Naziaufmärsche und für die Aufklärung der NS-Verbrechen. Und er tut es noch heute. Nun ist im Verlag Franz Steinmaßl ein Buch über die Lebensgeschichte dieses in jeder Hinsicht bemerkenswerten, soeben 78 Jahre alt gewordenen Mannes erschienen: Die dunklen Seiten des Planeten. Rudi Gelbard, der Kämpfer. Eine Reflexion. Chava Gurion hat es gelesen.

VON CHAVA GURION

„Schon wieder ein Buch über die KZs. Als hätten die Israelis diese Sachen nicht schon genug instrumentalisiert für ihre widerliche Apartheid-Politik.“ Man kann sich sein Gegenüber auf der Rückfahrt per Bahn, von der Buchpräsentation in Linz nach Wien, nicht aussuchen. Einer Buchpräsentation, die mit der Begrüßung des Gastgebers vom Linzer Wissensturm sowie einfühlsamen Reden von Peter Weidner (Bund der Freiheitskämpfer Linz) und Sozialminister Erwin Buchinger eingeleitet wurde, anhand treffend ausgesuchter Textstellen eine spannende wie bannende Autorenlesung bot und schließlich im Vortrag der Hauptfigur Rudi Gelbard über die Shoa gipfelte. Niemand ging von diesem Abend, ohne ergriffen zu sein, aber es ging auch niemand ungetröstet.

Diesen Zufall, auf ein Gegenüber mit unmissverständlichem Zugang zu „diesen Sachen“, der Shoa nämlich, samt der leider weit verbreiteten, „zeitgemäßen“ Verknüpfung mit einer Feindseligkeit gegenüber Israel zu treffen, hat das Buch wirklich nicht verdient. Jenes Buch, das ich nun druckfrisch in den Händen halte und dessen Rückseite ich unvermeidlich dem Blick meines Gegenübers aussetze. Eines Gegenübers, der gewiss nicht bildungsfern ist und doppelt bedauerlich vom Mainstream instrumentalisiert wird. Die unfreiwillige, doch notwendige Diskussion mit ihm hat mit dem Buch selbst nichts zu tun und wäre eine andere, eigene Geschichte.

Andererseits: Gerade der Kämpfer Rudi Gelbard, qua Selbstbezeichnung „Zionist sozialdemokratischer Prägung“, wäre wohl erfreut, dass das Buch über ihn, eine zentrale Figur der Shoa-Überlebenden in Österreich, schon in den ersten Minuten seiner Öffentlichwerdung eine solche Diskussion über Israel und eine straffe Gegenargumentation zu einem offensichtlich stark links orientierten Friedensbewegten einleiten konnte. Das, was sich zwischen einem einfühlsam gestalteten, berührenden Umschlag in seiner äußeren Form als Buch präsentiert, ist allerdings in seiner unmittelbaren, immer wieder nachklingenden Wirkung viel mehr als das. Es ist vor allem mehr durch das, was es nicht ist, nie sein wollte und auch an keiner Stelle zu sein vorgibt.

Es ist keine herkömmliche Biografie – dazu fehlen die vom Autor Walter Kohl bewusst vermiedenen, weil von Rudi Gelbard kategorisch ausgeschlossenen Details über private Aspekte des Lebens eines Überlebenden der Shoa. Das macht das Buch umso interessanter, da es abschweifende Gedanken der Lesenden ausschließt und alle Sinne auf die unermesslich leidvolle Dramaturgie eines Lebens wirft, dessen erster Phase einer fröhlichen Kindheit eine zweite der Verachtung, Verfolgung und tödlichen Bedrohung gefolgt war – Kindheitsjahre von besonders prägender Bedeutung, wie es die Psychologie nennt. Eine geraubte Jugend mit der geraubten Perspektive, wenigstens das sein und werden zu können, was allen Gleichaltrigen der vom Rassenwahn der Nazi-Ideologie Unbetroffenen so selbstverständlich offen stand. Jugendjahre, reduziert auf die täglich wiederkehrende Perspektive, „auf Transport“ zu kommen, darauf, jeden Überlebenstag als gewonnenen zu empfinden und dennoch nicht zu wissen, ob Dankbarkeit dafür überhaupt angebracht ist.

Wer das Buch nur als weitere Grundlage der Shoa-Literatur rein wissenschaftlich als Nachschlagwerk nutzen möchte, auf den kommt einige Arbeit zu: Das Zahlen- und Datenmaterial ist zwar akribisch genau in den Text gewoben, alle Fakten sind belegt und die Quellen genannt; auf ein Sach- und Personenregister wurde vom Autor aber bewusst verzichtet. Der Textfluss wird auch nicht durch Fußnoten nach Wissenschaftlerart gehemmt. So soll man im Inhalt festgehalten werden und fortschreiten – und nicht in individuelle Unsicherheiten abschweifen, die auch nachträglich geklärt werden können. Dadurch wird von den Lesenden – besser: von den Erlebenden – zu Recht ein besonderer Zugang zum Inhalt gefordert: Der Wissensdrang kommt an der Geschichte des Rudi Gelbard nicht vorbei. Dennoch bietet das Buch zahlreiche Einblicke in bisher wenig oder kaum Dokumentiertes, in Zitate, Ergänzungen, Erläuterungen und Querverbindungen zu zeitgeschichtlichen Fakten, die der Autor akribisch recherchiert hat.

Im Sinne des besonderen Zugangs zum Inhalt wurde von Walter Kohl auch bewusst auf ein Inhaltsverzeichnis verzichtet. Die Geschichte des Rudi Gelbard ist keine, der man sich abschnittsweise, über spezielle Interessenspunkte nähern kann, schnell mal zwischen Kaffee und Frühstücksbrot oder zwischen Abendnachrichten und Hauptfilm. Dieses Buch fordert den Respekt der ganzen Zuwendung, wie das Leben des Rudi Gelbard.

Rudi Gelbard ist ein Verführer, Autor Walter Kohl ist ein Verführer. Er nimmt uns an der Hand und führt uns in seine Reflexion der Lebensgeschichte dieses ungebrochenen Kämpfers gegen Faschismus und Antisemitismus hinein, die uns nicht loslässt, bis wir im Heute angekommen sind. Fast gefangen, verführt vom großen Verführer Rudi Gelbard, suchte Walter Kohl während seiner Arbeit dennoch Distanz und befragte auch dessen Weggefährten und Freunde. Das Ergebnis blieb das gleiche. Es ist kein Abstand möglich zur Geschichte des Rudi Gelbard. Ja, dieses Buch ist eine Reflexion. Es ist aber gleichzeitig auch ein Freund. Immer wieder ein mahnender Freund, wenn wir uns übermütig in Alltagsbanalitäten verwirren, ein aufmunternder Freund, wenn wir in Hoffnungslosigkeit versinken. Niemand bleibt unerschüttert, niemand bleibt ungetröstet zurück. Doch auch niemand bleibt unaufgerufen.

No pasarán!

Walter Kohl: Die dunklen Seiten des Planeten. Rudi Gelbard, der Kämpfer. Eine Reflexion. Edition Geschichte der Heimat, Buchverlag Franz Steinmaßl, Grünbach 2008, 236 Seiten, 24,50 Euro,
ISBN 978-3-902427-56-4.

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