Am Israel chai!



Antizionisten in der Offensive: Vor der UN-Vollversammlung erklärt Mahmud Ahmadinedjad, wie die Juden die Welt beherrschen, in einem Buch behauptet der israelische Historiker Shlomo Sand, die Juden seien gar kein Volk, sondern bloß eine Religionsgemeinschaft, und die FAZ lässt Evelyn Hecht-Galinski Klage über die „Antisemitismuskeule“ der „jüdisch-israelischen Lobby“ führen. Drei nicht gerade randständige Ereignisse, deren zeitlicher Zusammenfall zwar zufällig ist, die aber sehr anschaulich zeigen, welche Popularität die angeblich so marginale und unterdrückte „Israelkritik“ genießt.

In den letzten Wochen waren die deutschen Feuilletons voll mit Beiträgen zur Auseinandersetzung zwischen Evelyn Hecht-Galinski und Henryk M. Broder. In den weitaus meisten Texten wurde implizit oder explizit Partei für die Erstgenannte ergriffen, und manche Kommentatoren großer Tageszeitungen verstiegen sich dabei gar zu der Behauptung, es sei „moralischer Totschlag“, wo nicht gleich „tödlich“, jemanden als Antisemiten zu bezeichnen. „Man hatte den Eindruck, dass sich eine eingeschüchterte deutsche Öffentlichkeit vor ‚Antisemitismus-Jägern’ kaum noch retten kann“, resümierte Matthias Küntzel treffend. Wären diese „Antisemitismus-Jäger“ tatsächlich so allgegenwärtig, wie es von FAZ bis taz suggeriert wurde, dann hätte es hierzulande angesichts der Rede des iranischen Präsidenten vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen folgerichtig einen regelrechten Aufschrei geben müssen. Doch der blieb schlicht und ergreifend aus. Man nahm „die Provokation von New York als solche nicht einmal wahr“ (Küntzel). Und das, obwohl die deutsche Politik doch, folgt man Evelyn Hecht-Galinski, „hinter den israelischen Medien verschwunden“ und „die jüdisch-israelische Lobby mit ihrem Netzwerken“ überall „am Arbeiten ist“.

Möglicherweise ist diese Lobby also gar nicht so mächtig, wie Hecht-Galinski es vermutet. Immerhin hat sie weder Ahmadinedjads Ansprache noch den Artikel der Berufstochter in der FAZ zu verhindern vermocht – und auch nicht das Buch des israelischen Historikers und früheren Matzpen-Aktivisten Shlomo Sand mit dem Titel „Wann und wie das jüdische Volk erfunden wurde“. Sand behauptet darin, die Juden seien – anders, als es „zionistische Mythen“ wollten – nie ein richtiges Volk gewesen, sondern immer bloß eine religiös-kulturelle Gemeinschaft, weshalb Israel auch seine Identität als jüdischer Staat aufgeben müsse, um weiter existieren zu können. Zwar sei „nach Hitler eine Solidarität unter Juden sehr sinnvoll“, diese sei aber „nicht national“ und dürfe „nicht dazu führen, dass Juden sich in Israel wie die Hausherren verhalten“.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Mahmud Ahmadinedjad, Evelyn Hecht-Galinski und Shlomo Sand. Ahmadinedjad ist ein fanatischer Judenhasser und trachtet danach, Israel mittels Atomwaffen auszulöschen. Hecht-Galinski dämonisiert den jüdischen Staat, rückt ihn in die Nähe des NS-Regimes und beklagt die angebliche Allmacht einer pro-israelischen Lobby. Trotzdem wäre sie nicht weiter der Rede wert, hätte sie nicht einen so prominenten Vater gehabt, dessentwegen sich die deutsche Presse auf sie stürzt, um sich per Kronzeugenregelung die eigene „Israelkritik“ salvieren zu lassen. Sand wiederum ist ein areligiöser Geschichtswissenschaftler, der geflissentlich übergeht, dass Mythen unweigerlich zu jedem Volk und zu jedem Nationalismus gehören, dass den knapp zweitausend Jahren Judenverfolgung – mit der Shoa als Kulminationspunkt – in einer staatlich organisierten Welt nur durch die Gründung eines eigenen, explizit jüdischen Staates wirksam zu begegnen war und dass dieser jüdische Staat als solcher bestehen bleiben und sich gegen seine Feinde verteidigen muss, um weiterhin Zufluchtsort für alle vom Antisemitismus bedrohten Juden sein zu können.

Was diese drei jedoch eint, ist ein Antizionismus, der allerspätestens seit 1933 – dem Zeitpunkt, ab dem das nie eingelöste Assimilationsversprechen allmählich in die Vernichtung überging, weshalb anschließend erst recht keine andere Wahl mehr blieb als die Ausrufung eines jüdischen Staates – gar nichts anderes mehr sein kann als eine Abart des Antisemitismus. Wo Mahmud Ahmadinedjad von der „kleinen, aber hinterlistigen Zahl von Leuten namens Zionisten“ spricht, die „in einer tückischen, komplexen und verstohlenen Art und Weise einen wichtigen Teil der finanziellen Zentren sowie der politischen Entscheidungszentren einiger europäischer Länder und der USA“ beherrschten, weshalb „die großen Völker Amerikas und verschiedene Nationen in Europa einer kleinen Zahl habgieriger und aggressiver Leute gehorchen“ müssten, lässt sich Evelyn Hecht-Galinski – unter dem vernehmlichen Beifall ungezählter nichtjüdischer Mitstreiter – über die „jüdisch-israelische Lobby“ aus, die Kritiker der israelischen Politik „mundtot machen“ wolle, im Zentralrat der Juden in Deutschland ein „Sprachrohr“ habe und in deutschen Politikern willfährige Erfüllungsgehilfen finde. Wo Neonazis, Antiimps und Islamisten bestreiten, dass die Juden überhaupt ein „echtes“ Volk sind, bedient Sand sie mit seinen Ausführungen darüber, dass die Zionisten dieses Volk erst erfunden hätten.

Der Antizionismus hat den Antisemitismus nach 1948 sozusagen modernisiert, indem er Elemente des alten, ursprünglichen Judenhasses auf Israel übertragen hat, das dadurch gewissermaßen zum „Juden unter den Staaten“ wurde, wie es der Historiker Léon Poliakov einmal treffend formulierte. Wenn beispielsweise Israel unterstellt wird, einen Ausrottungskrieg gegen die Palästinenser zu führen, im Gazastreifen sowie der Westbank das Warschauer Ghetto zu wiederholen und überhaupt die größte Gefahr für den Weltfrieden darzustellen, dann scheint die alte Mär vom Juden auf, der mit seinem kriegerischen Wesen und Tun die ganze Welt ins Verderben stürze. Wenn es heißt, der Zentralrat der Juden in Deutschland sei nichts weiter als ein „Sprachrohr der israelischen Regierung“, dann findet der antisemitische Topos von der jüdischen Illoyalität und Zersetzungstätigkeit seine aktualisierte Neuauflage. Wenn europäischen und amerikanischen Politikern vorgehalten wird, sie kuschten vor einer „jüdisch-israelischen Lobby“ und verschwänden hinter den israelischen Medien, dann ist das die Neuformulierung der antisemitischen Behauptung, die Juden beherrschten fremde Staaten und die dortige Presse. Und wenn – in welcher Absicht auch immer – behauptet wird, die Juden seien kein (Staats-) Volk und auch nie eines gewesen, dann wiederholt sich die antisemitische Erzählung von der jüdischen Wurzellosigkeit und Künstlichkeit oder bekommt zumindest neue Nahrung.

Angesichts dessen ist es mitnichten so, dass allenthalben die „Antisemitismuskeule“ geschwungen wird, es ist mitnichten so, dass sich die Antizionisten und „Israelkritiker“ in der Defensive befinden oder gar unterdrückt werden, und es ist mitnichten so, dass sich der Antisemitismus auf dem Rückzug befindet, wie Avi Primor glaubt. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Und wer das nicht wahrhaben will, verharmlost den Judenhass oder betreibt ihn gleich selbst. Tertium non datur.

Foto (von der heutigen Demonstration gegen den „Al-Quds-Tag“ in Berlin): Just/Just.Ekosystem.org

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