Die Gosse im Salon

Im norwegischen Staatsfernsehen wurde unlängst ein Auftritt des Comedians Otto Jespersen ausgestrahlt, der zu einem heftigen Streit führte. Jespersen hatte eine üble antisemitische Zote gerissen und wurde daraufhin von einem Mann, der neun seiner Angehörigen in der Shoa verloren hatte, bei der Polizei angezeigt. Sein Chef und einige Kollegen verteidigten den Schauspieler jedoch. Auf dem zum American Jewish Committee gehörenden Weblog Z-Word setzte sich Ben Cohen mit diesem Vorfall auseinander und zeigte dabei, dass Jespersen durchaus kein Einzelfall in dem skandinavischen Land ist – wo vor zwei Jahren bereits Jostein Gaarder mit judenfeindlichen Tiraden punkten konnte.

Kennen Sie schon den über die Juden, die Flöhe und die Läuse?

VON BEN COHEN, übersetzt und redigiert von Karl Pfeifer

Otto Jespersen erzählte seinem Publikum den folgenden „Witz“:

„Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen und an die Milliarden Flöhe und Läuse erinnern, die ihr Leben in deutschen Gaskammern verloren haben, ohne dass sie etwas Unrechtes getan haben – außer dass sie sich auf Personen mit jüdischem Hintergrund angesiedelt hatten.“

Er ist dabei nicht der erste europäische Komödiant, der in einem Auftritt Antisemitismus einsetzte – in Frankreich etwa gibt es den berüchtigten Dieudonne. Und so, wie Dieudonne Schwierigkeiten mit der Justiz bekam, so hat auch Jespersen Ärger bekommen. Die führende norwegische Zeitung Aftonbladet berichtete, dass Kurt Valner – ein Mann, der neun Angehörige durch die Nazimörder verlor – Jespersen bei der Polizei wegen Verhetzung anzeigte. Jespersen selbst schwieg dazu, aber andere Schauspieler verteidigten ihn, gemeinsam mit seinem Vorgesetzten Alf Hildtrum, der sagte: „Die Behauptung, Jespersen hege antisemitische Sympathien, ist vollkommen falsch. Ich glaube sie einfach nicht. Otto Jespersen hat sich in seinen Monologen um eine Pointe bemüht, und sein Text sollte im Kontext und nicht isoliert beurteilt werden.“

Ich bin nicht ganz sicher, was die Pointe und den Kontext betrifft. Aber ich verfolge aufmerksam einen anderen Kontext, der vom Wissenschaftler Manfred Gerstenfeld und anderen dokumentiert wurde: den nämlich, dass Antisemitismus – oft in Kombination mit antizionistischen Bildern – in Norwegen alarmierend häufig auftritt. Wie die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet, sagte der ehemalige norwegische Ministerpräsident Kåre Willoch, die Behauptungen über Antisemitismus in Norwegen seien Ausdruck „der traditionellen Taktik, die Aufmerksamkeit vom realen Problem – Israels wohldokumentierter und unbestreitbarer Quälerei der Palästinenser – abzulenken“. Das ist die norwegische Version dessen, was David Hirsh das „Livingstone-Rezept“ nennt.

Willoch hat nicht auf Gerstenfelds spezifische Beispiele reagiert, die interessanterweise eine Reihe von Zeitungscartoons beinhalteten, die das gleiche abschätzige, moralisch scheinbar überlegene boshafte Kichern verursachen sollten wie der „Witz“ von Jespersen. Eine Karikatur beispielsweise zeigte einen ultraorthodoxen Juden, der „Du sollst morden“ in die zehn Gebote schreibt.* Eine andere Karikatur zeigte den israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert als Aufseher eines Vernichtungslagers, der lächelt und ein Gewehr trägt.**

All das veranschaulicht einen weiteren Punkt. Heutzutage werden rassistische Witze über Schwarze und andere Minderheiten weitgehend – und zu Recht – als Peinlichkeit betrachtet, als Domäne von gescheiterten Komödianten, die vor einem angeheitertem Publikum in zwielichtigen Klubs vortragen. Aber wenn diese Themen auf Juden bezogen werden, dann bekommen sie ganz plötzlich den delikaten Geschmack eines Spiels mit dem Verbotenen. Was reaktionär ist, wird radikal, was verblödet und beleidigend ist, wird bahnbrechend. So betritt die Gosse die erhabenen Höhen des Salons.

* Oberes Bild. Der Cartoon erschien am 7. Januar 2004 in der linken Zeitung Dagsavisen. Die Bildunterzeile lautet: „Die sieben Todessynonyme“; auf der Schriftrolle steht unter anderem: „morden“, „töten“, „erledigen“, „umbringen“ und „hinrichten“.
** Unteres Bild. Der Cartoon erschien am 10. Juli 2006 in der Zeitung Dagbladet und ist offenkundig eine Anspielung auf eine Szene in dem Film Schindlers Liste, in der der Kommandant des Konzentrationslagers Płaszów, Amon Göth, von seinem Balkon aus willkürlich auf KZ-Häftlinge schießt.

Herzlichen Dank an André Z. für wertvolle Hinweise.

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