Makkabi chai!

Seit knapp einem Monat ist im Berliner Centrum Judaicum die bis zum 15. Dezember dauernde Ausstellung „Kicker, Kämpfer, Legenden – Juden im deutschen Fußball“ zu sehen. Sie beschäftigt sich mit den jüdischen Fußballpionieren wie etwa dem Gründer der Fachzeitschrift kicker, Walther Bensemann, den deutschen Nationalspielern Julius Hirsch und Gottfried Fuchs – letzterer ist bis heute mit zehn Toren in einem Spiel und einer Quote von sage und schreibe 2,33 Treffern pro Spiel immer noch einsamer Rekordhalter –, dem langjährigen Präsidenten von Bayern München, Kurt Landauer, oder dem Erfolgstrainer Richard „Little“ Dombi. Und sie befasst sich mit dem Antisemitismus im deutschen Fußball, der bis heute ein ständiger Begleiter jüdischer Klubs, Trainer und Spieler ist. Der TuS Makkabi Berlin kann ein Lied davon singen, wie die Ausstellung dokumentiert. Zwei Wochen nach deren Beginn ereignete sich in einem Spiel der Reservemannschaft des Vereins bei der Zweitvertretung der VSG Altglienicke ein neuerlicher Vorfall: Eine Gruppe Neonazis grölte unentwegt antisemitische Parolen, die sowohl der Schiedsrichter als auch die Trainerin der Gastgeber partout nicht vernommen haben wollen. Nach 78 Minuten verließen schließlich die Makkabi-Spieler den Platz; die Partie wurde abgebrochen. Am heutigen Dienstag kommt es deshalb zu einer Sportgerichtsverhandlung.

„Synagogen müssen brennen“, „Führer, Führer, Führer“, „Auschwitz ist wieder da“, „Dies ist kein Judenstaat, dies ist keine deutsche Judenrepublik“, „Vergast die Juden“, „Wir bauen eine U-Bahn bis nach Auschwitz“ und andere Parolen hätten die Nazis skandiert respektive gesungen, berichtet Vernen Liebermann, Mittelfeldspieler des TuS Makkabi, und er ergänzte: „Ich hatte den Eindruck, Spieler und Störer kannten sich.“ Letztere hätten sich unmittelbar neben die Bank gestellt, auf der die Trainerin und die Reservisten der Altglienicker saßen, und in regelmäßigen Abständen ihre antisemitischen Tiraden zum Besten gegeben. Liebermann weiter: „Die Stimmung in einem sehr fairen Spiel wurde aber nicht nur dadurch aggressiver, sondern auch ganz klar durch den Schiedsrichter, der leider nicht die Sensibilität aufbrachte, um die Gemüter zu beruhigen, sondern durch das schnelle Zücken von gelben Karten gegen die Spieler von Makkabi, die Aberkennung eines regulären Tors, das Wegschauen und das nicht Hinhören die ganze Situation anheizte. Zusätzlich verwies er den Trainer des TuS Makkabi des Platzes.“ Während des Spiels sei der Referee mehrfach auf die Hassgesänge aufmerksam gemacht worden – ohne Erfolg. „Mitte der zweiten Halbzeit, nachdem die Anhänger des VSG Altglienicke immer mehr Bier getrunken hatten und schon fast auf dem Platz standen, bekamen einige Spieler des TuS Makkabi Angst und fragten sich, wie das hier enden soll, wenn die gegnerischen Fans immer aggressiver würden“, schilderte Liebermann den weiteren Verlauf.

Eine Viertelstunde vor dem regulären Spielende habe Mitspieler Raffael Tepmann nach einer neuerlichen antisemitischen Parole deren Urheber dann die Meinung gesagt – und vom Schiedsrichter dafür die gelbe Karte bekommen. Er selbst sei mit der gelb-roten Karte des Feldes verwiesen worden, nachdem er zum Referee gesagt habe: „Wenn Sie eine Funken Anstand haben für die Geschichte in diesem Land, dann müssen Sie uns jetzt helfen.“ Sein Team habe sich schließlich entschieden, „den Platz [zu] verlassen, um so schnell wie möglich die Heimreise anzutreten. Die Angst war berechtigt, stellten die letzten Spieler fest, als sie die Kabine verließen, denn vor dem Sportgelände, wo die Autos parkten, wurde eben diesen Spielern aufgelauert. Sie wurden sowohl verbal, als auch körperlich bedroht“. Liebermann bekräftigte zudem seine Kritik am Unparteiischen: „Der einzige Mensch, der das Recht hatte, offiziell in dieser Situation dem TuS Makkabi zu helfen und ein Exempel zu statuieren“, habe es vorgezogen, Augen und Ohren zu verschließen. „Dieser Umstand machte uns Sorgen, bestärkte uns aber gleichermaßen, selbst zu handeln und den Platz zu verlassen, bevor es noch mehr eskaliert wäre. Nachdem wir den Platz verlassen hatten, hielt sich der Schiedsrichter noch etwa 25 Minuten mit den gegnerischen Spielern und Anhängern auf und unterhielt sich, wie es uns schien, sehr angeregt mit diesen, anstatt den Ernst der Lage zu erkennen und mehr Toleranz und Courage zu zeigen.“

Der Kritisierte, Referee Klaus Brüning, stellte sich in seinem schriftlichen Sonderbericht taub: „Da ich nichts gehört hatte, konnte ich nicht eingreifen.“ Er habe aber „beide (!) Mannschaften ermahnt“, „dass ich ausländerfeindliche Äußerungen und Beschimpfungen bestrafen werde“. Auch Kerstin Forchert, Trainerin der VSG Altglienicke, konnte sich nicht an antijüdische Hassparolen erinnern, wollte aber trotzdem beherzt eingegriffen haben: „Auf Grund“ (!) einer roten Karte gegen einen Makkabi-Spieler „soll es eine Äußerung eines uns unbekannten Zuschauers gegeben haben, die weder ich noch der Schiedsrichter hörten. Es soll sich hierbei um eine ausländerfeindliche Parole gehandelt haben. Als ich erkannte, dass der Spieler mit der Nummer acht von TuS Makkabi [Vernen Liebermann] und dieser Zuschauer diskutierten, schickte ich alle dort vorhandenen Zuschauer von der Sportanlage.“

Folgt man den Einlassungen des Referees und der Altglienicker Übungsleiterin, gab es offenbar keine rechtsradikalen Zuschauer, sondern nur Gästespieler, die mit übertriebenen Unsportlichkeiten ein völlig normales Fußballspiel grundlos zur Eskalation brachten. Der Unparteiische hatte bis zum Abbruch gleich drei Makkabi-Spieler des Feldes verwiesen und den Trainer von der Seitenlinie verbannt – nach eigenen Angaben jeweils wegen übermäßiger Proteste und Beleidigungen – sowie weitere Sanktionen gegen den Gästeklub angedroht. Und die Trainerin behauptete: „In der Halbzeitpause wurde der Schiedsrichter von einigen Spielern sowie vom Trainer von TuS Makkabi beschimpft und beleidigt, woraufhin der Schiedsrichter nicht in seine Kabine ging, sondern draußen auf der Tribüne blieb. Der Trainer von TuS Makkabi betitelte ihn auch als Arschloch.“ Von der Situation, in der ein Makkabi-Kicker mit den Zuschauern aneinander geriet, gab sich der Referee vollkommen überrascht: „Auf einmal fühlte sich ein Spieler von Makkabi von den Zuschauern beleidigt, und alles stürzte zur Seitenlinie, wo die Zuschauer standen.“ Als Konsequenz zeigte er eine gelb-rote Karte gegen Liebermann, weil der seine Mitspieler zum Verlassen des Platzes aufgefordert habe. Auch Coach Kerstin Forchert sah in dem Makkabi-Akteur den eigentlichen Schuldigen: „Das Publikum war im Begriff zu gehen, als der Spieler mit der Nummer acht, der noch immer nicht das Spielfeld verlassen hatte, dem Zuschauer eine Bemerkung hinterher rief, worauf sich die gehenden Zuschauer noch einmal umdrehten.“

Diese Schilderungen erscheinen allerdings wenig glaubwürdig, zumal sowohl Spieler als auch einige Vereinsangehörige der VSG Altglienicke eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben: Im Webforum des Klubs zeigten sich Mitglieder entsetzt von den Vorfällen und entschuldigten sich bei Makkabi*, und in einem Forum der Berliner Zeitung Tagesspiegel kommentierte ein Altglienicker Spieler die Geschehnisse, schrieb von „pöbelnden Idioten“ und „dummen Hassparolen“ und berichtete: „Kurz nach Spielende gingen einige Spieler meiner Mannschaft in die Kabine TuS Makkabis und entschuldigten sich für die verbalen Attacken.“ Zuschauer hätten die Polizei alarmiert, die jedoch erst eine Stunde später eingetroffen sei. Inzwischen habe der Verein Anzeige erstattet. „Wir haben zwei Personen ermittelt, die dabei gewesen sein sollen“, sagte der Altglienicker Jugendkoordinator Sven Klebe; „gegen diese Leute haben wir ein Stadionverbot verhängt“. Warum ein Engagement seitens der Altglienicker Kicker und Verantwortlichen nicht schon während der Partie möglich war, bleibt jedoch ein Rätsel.

Eine knappe Woche nach dem Spielabbruch bezog schließlich auch der Berliner Fußball-Verband (BFV) Position, dem der TuS Makkabi zuvor Passivität und den Versuch, „Gras über die Sache wachsen zu lassen“, vorgeworfen hatte. In einer Pressemitteilung kündigte der BFV Konsequenzen an und versprach, die Vorschriften des Weltfußballverbands FIFA umzusetzen, nach denen bei rassistischen respektive antisemitischen Schmähungen und Handlungen empfindliche Strafen gegen die betreffenden Vereine ausgesprochen werden können – ein Schritt, der längst hätte erfolgen müssen. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wurde über die Ereignisse in Altglienicke informiert. Der Makkabi-Vorsitzende Tuvia Schlesinger äußerte in einem offenen Brief an den BFV seine Zufriedenheit über die Bemühungen des Verbandes, erneuerte jedoch auch seine Kritik: „Weder der Schiedsrichter noch die Funktionäre des Heimvereins machten nur den geringsten Versuch, dieses skandalöse und menschenverachtende Verhalten zu unterbinden. […] Selbst nachdem unsere Spieler in der 78. Minute das Spielfeld verließen, weil sie sich nicht mehr dem über das ganze Spiel andauernden, psychischen Druck und diesen irregulären Verhältnissen sowie [der] pogromartigen Stimmung aussetzen wollten, wurde seitens des Heimvereins und des Schiedsrichters nicht dafür Sorge getragen, dass unsere Spieler belästigungsfrei die Kabine verlassen und die Heimfahrt antreten konnten. […] Hier wurden schwere verfassungsfeindliche Straftaten begangen, die durch Vertreter des Vereins und des BFV durch ihre Passivität geduldet wurden.“ Am heutigen Dienstag nun werden um 18.30 Uhr im Haus des Fußballs in der Berliner Humboldtstraße 8a im Rahmen einer Sportgerichtssitzung die Vorfälle erörtert und die drei Platzverweise gegen Makkabi verhandelt. Man darf gespannt sein, zu welchen Ergebnissen die Spruchkammer kommt – und ob sie die VSG Altglienicke mit Sanktionen bedenkt oder am Ende gar den TuS Makkabi für den Spielabbruch verantwortlich macht und ihm Punkte abzieht.

Die antisemitischen Ausschreitungen in diesem Kreisligaspiel waren dabei ein weiterer Höhepunkt einer Entwicklung, die es schon länger im Berliner Fußball – und nicht nur dort – gibt. Bereits nach dem Aufstieg der ersten Mannschaft Makkabis in die Landesliga vor etwas mehr als einem Jahr hatte deren Trainer Claudio Offenberg in einem von Martin Endemann für das Magazin Ballesterer geführten Interview** eine Zunahme der Ressentiments festgestellt: „Der Aufstieg sei erkauft, die Spieler spielten nicht für die Ehre, sondern nur für einen Haufen Geld. Das funktioniert dann oft in dem Tenor, jetzt spielen die Proletarier gegen die jüdischen Millionarios.“ Nun konstatierte der Coach der Mannschaft, die mittlerweile sogar in der Verbandsliga spielt, erneut: „Die Stimmung ist in letzter Zeit aggressiver geworden.“ Pöbeleien von Gegenspielern und Zuschauern seien nichts Ungewöhnliches. Das könne man nicht an einzelnen Vereinen festmachen, sagte Offenberg; „es ist eher ein undefinierbares Gemisch, was uns da entgegenschlägt“. Und der Vorsitzende Tuvia Schlesinger berichtete: „Nach einem Spiel sind Spieler als Judensäue beschimpft worden.“

Trauriger Alltag für einen Klub, der 1898 unter dem Namen Bar Kochba ins Leben gerufen wurde und dem die Nationalsozialisten 1938 ein Ende setzten. 1970 gründete sich Makkabi neu und schaffte es in den 1980er Jahren bis in die damals höchste deutsche Amateurklasse, die Oberliga, bevor fehlende finanzielle Mittel den Verein bis in die Niederungen des Freizeitkickens stürzten. Nun spielt er in der höchsten Klasse des BFV, hat rund 500 Mitglieder und ist einer von 30 Makkabi-Klubs in Deutschland. In der ersten Mannschaft „gibt es Christen, Juden, Buddhisten und Muslime“, erzählte Trainer Offenberg; Radio Berlin-Brandenburg bezeichnete den Klub als „wahrscheinlich ethnisch bunteste Mannschaft Berlins“. In ihr spielen unter anderem Türken und Iraner, Polen und Russen, Armenier und Inder, Chinesen und Deutsche. Ende April dieses Jahres richtete der TuS Makkabi Berlin gemeinsam mit der European Maccabi Confederation und Makkabi Deutschland die jährlich stattfindende Maccabi-Football-Trophy aus, ein europäisches Turnier für Auswahlmannschaften, an dem die Makkabi-Nationalteams aus Großbritannien, Ungarn, Russland und Deutschland ihren Europameister ermittelten. Gewidmet wurde der diesjährige Wettbewerb Julius Hirsch – einem jüdischen Fußballpionier und Nationalspieler. Er wurde in Auschwitz von den Deutschen ermordet.

Update 11. Oktober 2006: Das Sportgericht vertagte sich nach einer mehr als vier Stunden dauernden Verhandlung auf den kommenden Freitag. Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußball-Verbandes, sagte jedoch bereits gestern Abend, er halte die Darstellung der Makkabi-Spieler für glaubwürdiger als die Angaben des Schiedsrichters und der Altglienicker Trainerin: „Wir wollen uns nicht mit Aussagen abfinden, dass der Schiedsrichter nichts gehört und nichts gesehen hat.“ Schultz kündigte entsprechende Schulungen für Vereinsvertreter und Referees an. Nach seiner Auffassung droht Altglienicke neben einem Punktabzug eine Geldstrafe von bis zu 3.000 Euro.

Update 18. Oktober 2006: Das Urteil ist gesprochen – siehe den Beitrag Kavaliersdelikt Antisemitismus auf diesem Blog.

* Die Einträge wurden nach kurzer Zeit gelöscht; eine Kopie ist jedoch auf der Homepage des TuS Makkabi zu sehen.
** Printausgabe, nicht online abrufbar.

Hattip: Clemens Heni

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