Die ewige Lust der Gewohnheitstäter

Seit einiger Zeit schon treibt ein Genre neue Blüten, das zuvor durchaus an Popularität verloren hatte: Das absurde Theater rafft sich auf, der Welt neue Grotesken zu vermachen. Deren Unterhaltungswerte und Inszenierungsvermögen können sich mit den Ursprüngen dieser Ausdrucksform zwar nicht messen, aber man weiß ja, dass Geschichte, die sich wiederholt, beim zweiten Mal als Farce auftritt. Die Proben für das neueste Stück dieser künstlerischen Gattung finden zwar bisher nur virtuell statt; an Engagement – um nicht zu sagen: an Besessenheit – fehlt es gleichwohl nicht. Ob es auch live aufgeführt wird, darf jedoch füglich bezweifelt werden; irgendwie ist das Drehbuch gar zu schlecht. Und da die Protagonisten die Beschränktheit ihres Talents vielleicht sogar ahnen, bleibt den Teilnehmern und Besuchern der Podiumsdiskussion „Die ewige Lust an den Tätern – von der Schwierigkeit, den Opfern ihr Überleben zu sichern“, die am 29. Oktober das viertägige XIII. Else-Lasker-Schüler-Forum in Zürich beschließen wird, eine peinliche Performance womöglich erspart.

Nun soll an dieser Stelle gar nicht behauptet werden, man könne an dieser Welt nicht verrückt werden; meist genügt ein flüchtiger Blick in eine Tageszeitung, den Fernseher oder das Internet, um das Gegenteil konstatieren zu müssen. Das größte Problem stellen dabei allerdings diejenigen dar, die im Brustton der Überzeugung als Fleisch gewordene Vernunft sich ausweisen zu sollen meinen und doch nur durch obsessiven Verfolgungswahn, unaufklärbare Ressentiments und andere Beleidigungen des Verstandes dokumentieren, dass die Aufklärung tatsächlich im adornitischen Sinne dialektisch ist. Nicht selten genügen in diesem Zusammenhang kleinste Anlässe, um die Paranoia manisch werden zu lassen – beispielsweise die Einladung Henryk M. Broders zu einem Symposium einer Gesellschaft, die sich des Vermächtnisses einer von den Nazis verfolgten, vor 61 Jahren verstorbenen jüdischen deutschen Dichterin angenommen hat.

Das brachte jedenfalls zunächst Shraga Elam auf die Palme, einen in Zürich lebenden Mann, der sich selbst den Titel „israelischer Recherchierjournalist“ verliehen hat und stolz damit hausieren geht, Träger des gewiss weltberühmten „australischen Preises Gold Walkley Award für ausgezeichneten Journalismus“ zu sein, den er vermutlich für seine Fähigkeit zur Bildung bis dato gänzlich unbekannter Tautologien verliehen bekam. Elam hat bei seinen investigativen Untersuchungen zum Beispiel herausgefunden, dass Auschwitz eigentlich eine Besserungsanstalt war, Israel „Nazi-Methoden“ anwendet und der Zentralrat der Juden in Deutschland der „Komplizenschaft mit den israelischen Kriegsverbrechern, grober Verletzung der jüdischen Interessen und einer rassistischen Haltung“ verdächtig ist. Und er weiß, dass die Teilnahme Broders an besagter Podiumsdiskussion eine „Beleidigung für Frau Else Lasker-Schüler“ darstellt. Das hat er deshalb auch gleich dem Moderator der Veranstaltung geschrieben und in Kopie neben vielen anderen auch dem Vorstand der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft.

Hajo Jahn, der als Vorsitzender dieser Vereinigung das erwähnte Forum organisiert, muss ein freundlicher und unglaublich geduldiger Mensch sein. Und darüber hinaus auch jemand, der das freie und kontroverse Wort schätzt. Augenscheinlich nicht ahnend, mit was für einem Maniker er es zu tun hat, antwortete er Elam in bester Absicht höflich und zurückhaltend, pochte mit Rosa Luxemburg – einer Freundin Lasker-Schülers – auf die „Freiheit der Andersdenkenden“, verteidigte die Einladung Broders und lud den Berufstautologen zu den Veranstaltungen des Forums ein. Doch das brachte diesen erst so richtig auf Touren, zumal nachdem er erfuhr, dass die ursprünglich eingeladene, in Tübingen lebende Schriftstellerin und Anwältin Felicia Langer nicht an der Diskussion teilnehmen wird, weil die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft deren nicht eben geringen Honorarforderungen nicht nachkommen konnte noch wollte.

Was folgte, war nach Jahns Worten ein „kleines Bombardement von Mails und Anrufen“ – von den in solchen Fällen üblichen Verdächtigen wie etwa Erhard Arendt, Arne Hoffmann, Abraham Melzer, Hajo Meyer, Rainer Rupp und Claudia Karas –, mit dem er zur Ausladung des Publizisten genötigt werden sollte: „Alle Mails wurden gleichzeitig an eine Reihe von Persönlichkeiten geschickt, um zu imponieren oder um mich einzuschüchtern?“, schrieb Jahn auf der Website der Gesellschaft, und er wunderte sich ein wenig über die Praktiken des „Recherchierjournalisten“: „Eine Vorabanfrage, ob einige der in den gemailten Vorwürfen aufgestellten Behauptungen stimmen, hat es durch den Zürcher Journalisten Shraga Elam bei mir nicht gegeben.“ Auch für Argumente scheine dieser nicht zugänglich zu sein; vielmehr beharre er „auf seiner Anweisung, Henryk M. Broder auszuladen“. Jahn hätte alles Verständnis dieser Welt verdient gehabt, wenn er die Debatte nicht zuletzt mit dem Verweis auf die Priorität wichtigerer Dinge beendet und den Ukas Elams einfach ignoriert hätte, doch Transparenz war ihm eine vornehme Pflicht: „Als zum Schluss die Androhung kam, nunmehr eine Kampagne gegen [Broders] Teilnahme zu organisieren, habe ich mich entschlossen, den Vorgang öffentlich und auch Herrn Broder (Foto) zugänglich zu machen, um jedem Interessenten ein eigenes Bild zu ermöglichen.“

Wie zu erwarten war, genügte das den aufrechten Kämpfern für Frieden & Gerechtigkeit nicht, und so hackten sie eilends einen Aufruf „gegen die Beteiligung Henryk M. Broders am ELS-Forum in Zürich und gegen die Ausladung von Felicia Langer“ in die Tasten, stilisierten sich in ihm erneut zu den wahren Sachwaltern Lasker-Schülers und attackierten Broder mit heiligem Zorn als „Stichwortgeber für Rechtsradikale“, der zudem noch „vulgär“ und „zynisch“ und daher „auf einer Gedenkveranstaltung für eine friedliebende Lyrikerin völlig fehl am Platze“ sei: „Mit ihrem Engagement für Versöhnung und Verständigung steht die mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnete Felicia Langer der verstorbenen Lyrikerin geistig näher als Broder.“ Als Beleg führten die Initiatoren des Aufrufs einen Ausschnitt aus einem Beitrag Broders in der Jüdischen Allgemeinen vom 17. März 2005 auf, in dem es hieß: „Es stimmt, Israel ist heute mehr Täter als Opfer. Das ist auch gut und richtig so, nachdem es die Juden fast 2000 Jahre lang mit der Rolle der ewigen Opfer versucht und dabei nur schlechte Erfahrungen gemacht haben. Täter haben meistens eine längere Lebenserwartung als Opfer, und es macht mehr Spaß, Täter als Opfer zu sein.“

Was als schlagender Beweis dafür dienen soll, dass es besonders perfide sei, den Verfasser solcher Zeilen zu einer Diskussion mit dem Titel „Die ewige Lust an den Tätern“ einzuladen, entpuppt sich jedoch bestenfalls als Bauernschläue und noch weit mehr als Beleg dafür, dass sich hinter dem Ruf nach Frieden bloß die Mörder verschanzen, wie der verstorbene frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, es einmal treffend formulierte. Denn der Antizionismus toleriert in all seinen Varianten Juden nur tot oder als willige Kronzeugen gegen Israel. Sie haben das ewige Opfer zu sein; sobald sie sich zur Wehr setzen gegen das Mordprogramm derer, die sie lieber heute als morgen ins Meer treiben oder anderweitig ins Jenseits befördern wollen, ist Schluss mit lustig. Der christliche Antijudaismus, der moderne Antisemitismus, die Rücknahme bürgerlicher Gleichheitsversprechen inklusive der damit verbundenen Assimilationsangebote, der nationalsozialistische Massenmord, die stalinistische Judenverfolgung, die deutsche Schuldabwehr, der Antizionismus und die djihadistischen Fanale – all diese historischen und gegenwärtigen Erfahrungen unterstreichen die Legitimität der zionistischen Idee und die unbedingte Notwendigkeit eines Staates Israel als bewaffnete Notwehr gegen den eliminatorischen Judenhass auf dieser Welt. Das ist es, was Broder mit polemischer Eleganz auf den Nenner brachte. Doch das versteht nicht, wem das Ressentiment – mithin also die Lust an den Tätern und der Unwille, den prospektiven Opfern des antisemitischen Furors ihr Überleben zu sichern – längst die Synapsen verkleistert hat.

Felicia Langer hingegen ist die in friedensbewegten Kreisen willkommene Kronzeugin gegen den jüdischen Staat, weil sie die angebliche Kompromissbereitschaft der vernichtungswütigen Hamas lobt, die Selbstmordattentate zu Verzweiflungstaten verniedlicht und das allemal völkische Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser einklagt, die längst gezeigt haben, wozu sie fähig sind, wenn man sie gewähren lässt. All dies zu einem „Engagement für Versöhnung und Verständigung“ umzulügen und auch noch in die Tradition Else Lasker-Schülers zu stellen, ist strafrechtlich wohl irgendwo im Bereich zwischen der Störung der Totenruhe und der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener anzusiedeln, zumal wenn derlei Frevel ausgerechnet von Leuten in Szene gesetzt wird, die selbst keinen Satz geradeaus zu formulieren imstande sind, sich aber als legitime Erben einer Sprachkünstlerin begreifen, die nicht zufällig mit Karl Kraus befreundet war. Auch deshalb ist es eine ausgesprochen weise und geschichtsbewusste Entscheidung, Henryk M. Broder als Diskutanten für das Symposium zu gewinnen.

Das ganze Elend, nachzulesen auf der Achse des Guten:
Zwergenaufstand in Zürich – Was tun?
Der Zwergenaufstand geht weiter
Zwergenaufstand Runde zwei – Frau Evelyn ist auch dabei
Mullahs Little Helper
Alle Else oder was?


Oberes Bild: Else Lasker-Schüler (Radierung, 2003)

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