Neighborhood Bullies

„Die Juden sind heute die Gruppe, die praktisch wie theoretisch den Vernichtungswillen auf sich zieht, den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert. Sie werden vom absolut Bösen als das absolut Böse gebrandmarkt.“ Es gibt Gedanken, die schon vor Jahrzehnten formuliert wurden und – leider – immer noch nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. 1944 verfassten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer die Elemente des Antisemitismus, denen das Zitat entstammt, und auch 62 Jahre danach ist es erhellend, sie zu lesen – etwa mit Blick auf die eliminatorischen Absichten der Hizbollah, der Hamas und der Mullahs, damit verbunden aber auch hinsichtlich der deutschen und europäischen Appeasement-Politik und der hiesigen Reaktionen auf die israelischen Maßnahmen gegen den Terror. Mag das Gewand, in dem der Antisemitismus daherkommt, auch Formen und Farben wechseln: Er zielt immer auf Vernichtung, begreift Juden als das Anti-Volk, das keinen Frieden kennt und für das es darum keinen Frieden geben kann, sondern nur Auslöschung.

Offener, unverblümter Antisemitismus ist nach der Shoa in Deutschland und Österreich offiziell verpönt; das Ressentiment suchte und sucht sich daher immer neue Formen, immer neue Gestalten, ohne je seinen Kern zu verändern. Der Antizionismus war und ist seine erfolgreichste Camouflage, und obschon – respektive gerade weil – er im Antisemitismus enthalten ist „wie das Gewitter in der Wolke“ (Jean Améry), war und ist ihm von links bis rechts eine glänzende Karriere beschieden. In den 1970er und 1980er Jahren waren es nicht nur, aber vor allem, antiimperialistische Linke, die den Staat Israel mit dem nationalsozialistischen Deutschland gleichsetzten, für die die Juden die neuen Nazis und die Palästinenser die „Opfer der Opfer“ waren – gleichsam so, als habe es sich bei Auschwitz, Treblinka und Sobibór um Besserungsanstalten gehandelt und nicht um Vernichtungslager –, doch längst schon ist diese Sichtweise mehrheitsfähig: 68,3 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, Israel führe „einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“, genauso viele ärgern sich darüber, „dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden“, 62,2 Prozent sind „es leid, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören“, und immerhin 51,2 Prozent meinen: „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben“.

Just gestern wurde das Ergebnis einer weiteren Umfrage veröffentlicht, und es zeigt, dass die Deutschen sich nicht nur im schwarz-rot-goldenen WM-Taumel einig sind, sondern auch in Bezug auf die Beurteilung des Geschehens im Nahen Osten wissen, was die Stunde geschlagen hat:

„Drei Viertel der Bundesbürger (75 Prozent) halten die militärische Offensive der israelischen Armee im Libanon sowie im Gazastreifen für unangemessen. Nach einer Umfrage des Hamburger Magazins ‚stern’ billigen nur 12 Prozent die Angriffe auf palästinensische und libanesische Siedlungen, nachdem die radikale Hizbollah-Miliz zwei israelische Soldaten entführte. 13 Prozent der Befragten sind sich unschlüssig, wie sie die Situation im Nahen Osten beurteilen sollen.“

Die Ansicht, das Vorgehen Israels sei „unangemessen“, hört und liest man dieser Tage ständig, und die Wiener Gruppe Café Critique brachte es daher auf den Punkt, als sie schrieb:

„Die Öffentlichkeit hierzulande und in Europa übt sich […] wieder einmal darin, das Recht Israels auf Selbstverteidigung so auszulegen, dass dieser Staat eben nur das Recht hätte, den Vorbereitungen zur eigenen Liquidierung zuzusehen und bei der UNO Resolutionen einzureichen. Die Militäraktionen seien nicht ‚verhältnismäßig’, heißt es immerzu, und das Verhältnis, das man hergestellt sehen möchte, ist – wie die Äußerungen von Zapatero bis Steinmeier zeigen –, dass sich der israelische Souverän solange dem internationalen Recht beugen soll, bis es ihn nicht mehr gibt. […] In dem Vorwurf, die Militäraktionen Israels seien unverhältnismäßig, können sich heutzutage die alten Mordfantasien am besten verbergen. Die Rettung von Jüdinnen und Juden galt hierzulande immer schon als unverhältnismäßig.“

Geduldig erläutert darüber hinaus beispielsweise Dan Diner (Foto), dass Israel die Grenzen von 1948 verteidigt, und Natan Sznaider, dass eben diese Grenzen aufs Brutalste verletzt wurden; allein, es geht denen, die es wissen sollten, zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Denn es ist erneut die Stunde der Völkerrechtler und Konfliktforscher, die mit ihren Expertisen die öffentliche und veröffentlichte Meinung dominieren, mögen ihre Ansichten auch noch so aberwitzig sein. Der Berliner Rechtsprofessor Christian Tomuschat etwa meinte, Israel verstoße gegen die Genfer Konvention, und der nicht minder notorische „Nahost-Experte“ Michael Lüders schloss sich der Drohung des EU-Außenbeauftragten Javier Solana an, den Iran als „Vermittler“ einzuschalten – ein ernst gemeinter Vorschlag, der ungefähr der Idee entspricht, einen Pyromanen bei der Feuerwehr zu beschäftigen. Johannes M. Becker wiederum, Koordinator des Zentrums für Konfliktforschung der Universität Marburg, warf in einem Beitrag für eine im Lahnstädtchen erscheinende Lokalzeitung „der herrschenden Klasse in Tel Aviv“ den „endgültigen Verzicht auf Frieden mit ihren Nachbarn“ vor und wusste auch gleich die Hintermänner zu benennen: „Bemerkenswert ist bei alldem, dass diese zweifellos von langer Hand geplante Militäraktionen vor exakt zehn Jahren von einer Gruppe führender US-Neokonservativer gefordert wurde.“ Da war sie wieder, die zionistische Ostküsten-Lobby, und auch die allfällige Ansicht, die Juden seien selbst schuld an ihrer prekären Lage, fehlte nicht: „Die Regierung in Tel Aviv stärkt durch ihre aggressive Politik die autoritären Regierungen in den arabischen Staaten und verhindert so jegliche Demokratisierung. Da kann kein Friede aufkommen.“

Weshalb es allemal angezeigt sei, mit diesen „autoritären Regierungen“ endlich zu verhandeln – mögen diese auch ungezählte Male deutlich gemacht haben, dass sie derlei Diplomatie für ein Zeichen westlicher Dekadenz halten und sie daher erst recht zum Anlass nehmen, um den Krieg zur Vernichtung Israels zu verschärfen. Doch das kümmert weder Medienschaffende wie die Tel Aviver ARD-Radiokorrespondentin Bettina Marx („Israel muss sich mit seinen Nachbarn und vor allem mit den Palästinensern arrangieren, auch wenn es schwer fällt. Die Feindschaft lässt sich nicht mit Bomben, Aushungern und Demütigen beseitigen“) noch Politiker jedweder Couleur wie etwa den FDP-Abgeordneten und Hamas-Fan Karl Addicks („Die Europäische Union muss von Ihrer bisherigen Haltung im Nah-Ost Konflikt abrücken und das Gespräch mit der Palästinenserführung suchen“) oder den außenpolitischen Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag, den – na klar – Völkerrechtler Norman Paech („Die Linkspartei plant vom 3. bis 5. November eine Palästina-Konferenz mit israelischen und palästinensischen Vertretern sowie mit europäischen und deutschen Wissenschaftlern und Politikern. Wir sind bereits im Kontakt mit der Hamas und werden sicherstellen, daß zwei bis drei ihrer Vertreter an der Konferenz teilnehmen“). Was zum Völkerrecht zu sagen wäre, erledigt daher Café Critique:

„Die Israel Defense Forces machen in diesen Tagen nur das, was sie immer tun, tun müssen und was ihr Name schon sagt: sie verteidigen Israel. Diese Verteidigung hat absoluten Primat, ob dabei nun das internationale Recht gebrochen werden mag oder nicht. Der Souverän des Judenstaats muss dafür sorgen, die Zufluchtsstätte aller vom Antisemitismus Verfolgten vor der Zerstörung zu bewahren; alle, die ihm vorwerfen, dass er das Völkerrecht breche […], täuschen darüber hinweg, dass die Kräfte, gegen die er vorgeht, dieses Recht längst und ungezählte Male gebrochen haben, ungestraft von den internationalen Organisationen und nationalen Regierungen, die so viel vom Völkerrecht reden. Und so stellt die wirkliche Bedrohung Israels immer nur unter Beweis, dass dieses Recht nicht wirklich existiert.“

Sondern sich vielmehr der neue Behemoth mit seiner Herrschaft der Rackets, den „NGOs und GOs der Vernichtung“, erhebt:

„Das Recht hingegen, das wirklich existieren kann, das Recht, wie es innerhalb eines Staates, gedeckt von einem anerkannten Gewaltmonopol, möglich wäre, wurde und wird im Gazastreifen wie im Südlibanon mit allen Mitteln verhindert. Hier herrscht Unstaat und Chaos, rechtsfreie Räume, in denen die Mörderbanden Hamas und Hisbollah, die solange von der EU gehätschelt wurden, ungestört die Vernichtung Israels vorbereiten können. In dieser Vernichtung allein haben sie ihre politische Identität, aus ihr schöpfen sie Hoffnung auf Erlösung wie einstmals Hitlers Mörderbanden aus der Vernichtung des europäischen Judentums. Die Vorbereitung der Auslöschung Israels ist nämlich zugleich die Vorbereitung zur endgültigen Gründung des islamischen ‚Gottesstaats’.“

Und wer nun immer noch manisch einwendet, Gewalt erzeuge doch bloß Gegengewalt, sei darauf verwiesen, dass die nach dieser These benannte und einmal mehr allenthalben beschworene Spirale keine ist:

„Der Militäreinsatz wird keine Lösung des Nahostkonflikts bringen, er ist notwendige Sisyphosarbeit in einer Welt, die den antisemitischen Vernichtungswahn systematisch hervorbringt; die es dem politischen Subjekt auf immer neue Weise ermöglicht, das Zerstörungspotenzial, das vom kapitalistischen Ganzen erzeugt wird, zur eigenen Sache zu machen und in der antisemitischen Tat zu realisieren. Es ist lebensnotwendige, gefährliche Sisyphosarbeit. Ohne sie gibt es für Israel keine Atempausen, ohne sie kann das Schlimmste nicht weiter verhindert werden, und dieses Schlimmste zu verhindern ist die Voraussetzung dafür, dass einmal wirkliche Versöhnung möglich wäre.“

Und was nun tun? Mit den bescheidenen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, seinen Teil beizutragen. Auf der Straße etwa, heute in Wien und Köln beispielsweise oder am Freitag in München. Und wer dafür noch einen kleinen Anstoß benötigt, sollte noch mal die alten Bob Dylan-Platten hervorkramen, namentlich das grandiose Stück Neighborhood Bully aus dem Jahre 1983, das während des Krieges im Libanon geschrieben wurde und auch 23 Jahre später seine Relevanz behalten hat. Leider.

Hattips: Sven Quenter, Thomas von der Osten-Sacken, Franklin D. Rosenfeld, Mona Rieboldt, Planet Hop.

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