Eine echte Wahl für Syrien

Die Entwicklung einer freien Zone in Syrien ist die praktikabelste Option für die Vereinigten Staaten, Europa und den Rest der internationalen Gemeinschaft. Dieses »kleinere Syrien« könnte zur Basis für die Befreiung des Landes und den Aufbau einer pluralistischen und friedlichen Gesellschaft für alle Syrer werden.


VON WALID PHARES*


Im nordöstlichen Teil Syriens, der an den Irak und die Türkei grenzt, liegt al-Hasaka oder das Dreieck, auch bekannt als die Provinz al-Jazeera. Dieses Gebiet, das so groß ist wie der Libanon, wird von ungefähr vier Millionen Kurden, einer Million Christen und einer halben Million Araber bewohnt. Assads Streitkräfte haben es praktisch verlassen, und kurdische Milizen haben Patrouillen eingerichtet, die Al-Qaida-Milizen daran hindern, in diesen Bereich einzudringen. Diese Region sollte zum Grundstein für ein freies Syrien werden. Hier sollte man eine freie Zone aufbauen und fördern, die das Potenzial hat, schnell zu wachsen und sowohl das Assad-Regime als auch die Djihadisten zu besiegen. Mit Hilfe der USA und des Westens könnten die Kurden, Christen und Araber, die dieses Gebiet bewohnen, eine solche befreite Zone einrichten, die dank ihrer Städte, Flüsse und ausgebauten Flughäfen in der Lage wäre, Hilfsgüter in Empfang zu nehmen. Die Freie Syrische Armee und andere Oppositionsgruppen könnten dazu eingeladen werden, sich in dieser Region niederzulassen. Dieses pluralistische »kleinere Syrien« würde so zur Basis für die Befreiung des ganzen Landes und den Aufbau einer pluralistischen und friedlichen Gesellschaft für alle Syrer.

Das klingt unrealistisch? Nun, es ist nicht unrealistischer als die Hoffnung, dass Wladimir Putin und die Russen einen ehrlichen Frieden in Syrien vermitteln. Wenn man sich die drei derzeit diskutierten Zwischenlösungen für die syrische Krise anschaut, dann sollte eigentlich klar werden, warum dieser Plan eine echte, langfristige Hoffnung bietet. Der amerikanische Präsident Barack Obama ist für einen »begrenzten Schlag« gegen Assad und diejenigen Kräfte, von denen man annimmt, für die furchtbare Vergasung von über tausend Zivilisten verantwortlich zu sein – nachdem im Bürgerkrieg schon zuvor mehr als hunderttausend Syrer brutal getötet worden waren. Obama will mit diesem begrenzten Schlag ein dadurch geschwächtes Assad-Regime zwingen, den Konflikt in Verhandlungen beizulegen. Erfahrene Beobachter wissen jedoch, dass es keine Verhandlungslösung für diesen Konflikt geben wird. Dafür ist er zu weit fortgeschritten, und die Spaltung ist einfach zu tief.

Der zweite Vorschlag bietet auch nicht mehr Hoffnung als die von Obama bevorzugte Lösung: Die Isolationisten wollen einfach beide Seiten die Sache ausfechten lassen, da Amerika kein Pferd in diesem Rennen habe. »Lasst es Allah in Ordnung bringen«, sagt Sarah Palin. Diese vermeintlich sichere Option ist jedoch überaus gefährlich. Denn wenn es zwei radikale Kräfte in diesem Spiel gibt – die von Assad und die von al-Qaida –, dann werden sie beide immer mehr Zulauf bekommen und schließlich die Schlacht durch irgendeine islamistische Vermittlung beenden – oder, noch schlimmer, durch einen mutwillig vom Zaun gebrochenen Krieg gegen Israel. Und selbst wenn dieser Krieg vermieden würde, blieben am Ende zwei extremistische und hochgerüstete Terrorgruppen in Syrien zurück.

Eine dritte Option, die von Senator John McCain angeregt worden ist, ist kaum weniger gefährlich. McCain will die Rebellen vollständig bewaffnen, mit dem Ziel, Assad zu stürzen. Die dieser Idee zugrunde liegende Naivität kann von islamistischen Lobbygruppen in die von ihnen gewünschte Richtung manipuliert werden: Sie würden versuchen, die amerikanische Unterstützung zu ihren radikalen Gesinnungsgenossen innerhalb der Opposition zu lenken statt zu den säkularen Kräften. Am Ende könnte al-Qaida gestärkt werden und in Zukunft in Syrien Anschläge wie in Benghazi durchführen. In der Zwischenzeit könnte all dies zu einem Krieg mit dem Iran und der Hizbollah führen beziehungsweise – angesichts der Tendenz zum Rückzug, durch die sich die derzeitige Regierung auszeichnet – in einem weiteren Sieg für Radikale kulminieren.

Darum schlage ich die praktische und definitiv gewinnbringende Option für die Schaffung eines freien Syriens vor. Wir haben in dieser Region, in der al-Qaida und al-Nusra in Schach gehalten werden und wo das Assad-Regime nicht allgegenwärtig ist, eine Gruppe von erprobten und etablierten Alliierten. Diejenigen in den USA, die befürchten, eine von zwei bedrohlichen Kräften zu unterstützen, könnten in der Region al-Hasaka mit freien und unabhängigen Kurden, Christen und Arabern zusammenarbeiten. Diejenigen, die die Rebellen bewaffnen wollen, finden ein Gebiet vor, in der das möglich ist. Wenn die amerikanische Regierung Luftangriffe auf Ziele des Regimes unternehmen will, ohne zugleich al-Qaida in die Hände zu spielen, kann sie im Laufe der Zeit ihre wirklichen Verbündeten dazu ertüchtigen, von dieser Zone aus vorzurücken. Die Entwicklung eines freien Syriens ist der am besten gangbare Weg für die Vereinigten Staaten, Europa und den Rest der internationalen Gemeinschaft. Dies ist der Ort, wo gefährdete Minderheiten geschützt werden können und sich zu den Liberalen und Säkularen unter der arabisch-sunnitischen Mehrheit gesellen. Die Syrer sehnen sich nach Freiheit. Die Amerikaner sehnen sich nach effektiver Außenpolitik. Lasst uns damit beginnen, auf dieses Ziel hinzuarbeiten.

* Dr. Walid Phares ist ein Berater des US-Kongresses bei der Terrorismusbekämpfung und Autor von zehn Büchern, darunter Future Jihad: Terrorist Strategies against America und The Coming Revolution: Struggle for Freedom in the Middle East. Er lehrt an zahlreichen Universitäten und unterrichtet die Gremien der Regierung über Terrorismus und den Nahen und Mittleren Osten. Sein Beitrag erschien unter dem Titel A real choice for Syria zuerst bei Fox News und wurde von Stefan Frank mit freundlicher Genehmigung des Autors für Lizas Welt ins Deutsche übersetzt.

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