Der neue Sophismus

Mit wem „multilaterale“ deutsche Friedensforscher für eine „raketenfreie Zone Nahost“ kämpfen, wie man Israel moderat und pragmatisch aus der Welt schafft, wer derlei großzügig unterstützt und was das alles mit deutschen Tugenden zu tun hat – darüber gab eine Konferenz Aufschluss, die kürzlich in Berlin vonstatten ging. Christian J. Heinrich hat sich für Lizas Welt mit ihr auseinander gesetzt und begreift nun besser als je zuvor, was man im „Land der Ideen“ unter „Einfallsreichtum“, „schöpferischer Leidenschaft“ und „visionärem Denken“ versteht.

VON CHRISTIAN J. HEINRICH

Es ist üblich geworden, unsere Zeiten als „postideologisch“ oder „postmodern“ zu bezeichnen und das als Fortschritt zu verstehen. Wir haben, so wird behauptet, die Ideologien und die Moderne hinter uns gelassen; aus der angestrengten Suche der Aufklärer nach der einen Wahrheit ist der Reichtum vieler, jeweils kulturell bestimmter Wahrheiten geworden. Diese Vielfalt kultureller Wahrheiten trifft auch das politische Feld. Einige der ehemaligen Bundeskanzler beispielsweise (nach eigenem Verständnis: Demokraten) bemühen sich redlich, der Demokratie ihren universalen Wert abzusprechen. Gerhard Schröder bezeichnet Putin als „lupenreinen Demokraten“, und Helmut Schmidt nimmt China in Schutz: „Ich halte nichts davon, mit westlicher Überheblichkeit von außereuropäischen Staaten mit ganz anderer Geschichte und kultureller Prägung Demokratie zu verlangen.“ Statt solcher „Überheblichkeit“ wird – nicht zuletzt zum eigenen Nutzen – der respektvolle „Dialog“ anempfohlen.

Derlei Anschmiegsamkeit an Despotie und Barbarei ist nichts Neues unter der Sonne. Schon der Aufklärer Christoph Martin Wieland ließ in seiner „Geschichte des Agathon“ den altgriechischen Sophisten Hippias sich selbst preisen: „Der Weise hingegen ist der allgemeine Mensch, der Mensch, dem alle Farben, alle Umstände, alle Verfassungen und Stellungen anstehen; und er ist es eben darum, weil er keine besondere Vorurtheile und Leidenschaften hat, weil er nichts als ein Mensch ist. Er gefällt allenthalben, weil er, wohin er kommt, die Vorurtheile und Thorheiten gefallen läßt, die er antrifft. Wie sollte er nicht geliebt werden, er, der immer bereit ist sich für die Vortheile andrer zu ereifern, ihre Begriffe zu billigen, ihren Leidenschaften zu schmeicheln?“*

Hippias im Land der Ideen

Die Kulturrelativisten dieser Tage scheinen sich an Hippias ein Vorbild zu nehmen. Denn die alte Idee des Sophismus erlebt eine neue Blüte, derweil im verschlammten Bewusstsein für Wielands Kritik kein Ort mehr ist. Und Deutschland, das war und ist das Land der Kultivierung ganz besonderer Ideen; „wesentliche Eigenschaften der Deutschen“ sind – so stellte es eine Initiative unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler fest – „Einfallsreichtum, schöpferische Leidenschaft und visionäres Denken“. Diese Initiative mit dem tönenden Titel „Deutschland – Land der Ideen“ fand heraus, dass insbesondere die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) in Frankfurt am Main ein Ort ist, an dem die vorbenannten deutschen Tugenden zu finden sind. So viel Lorbeer will verdient sein.

Wenn die Frankfurter Friedensforscher nach Frieden forschen, so tun sie dies zum Beispiel im Rahmen einer „Multilateralen Studiengruppe raketenfreie Zone Nahost“. Was da klingt wie das ambitionierte Projekt der Linkspartei, Ortsgruppe Neu-Isenburg Süd, ist in Wirklichkeit eine Unternehmung der erwähnten Hessischen Stiftung und als solche der Bundesregierung, der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) und nicht zuletzt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau „großzügige Unterstützung“ wert. Denn die Studiengruppe macht schon mit ihrem Namen alles richtig. Wer wollte auch etwas gegen Multilateralismus und einen raketenfreien Nahen Osten einwenden? Nur die Amerikaner setzen bekanntlich eher auf Unilateralismus und die Israelis eher auf atomare Abschreckung.

Um diese „raketenfreien Zone Nahost“ zu befördern, lud man am 24. und 25. Juni in die Vertretung des Landes Hessen nach Berlin. Es kamen ausgewiesene Experten zusammen, darunter neben dem etwas glücklosen einstigen Chef der Internationalen Atomenergieorganisation, Hans Blix, auch der ehemalige Vizeaußenminister des Iran, Mohammad Javad Ardashir Laridjani. Diese Einladungspolitik ist konsequent: In einem Strategiepapier der hessischen Friedensfreunde wurden gerade erst „pragmatische“ respektive „moderate“ iranische Politiker gelobt; man solle – so die Empfehlung an die deutsche Außenpolitik – auf ein Comeback „des pragmatisch-konservativen Rafsandjani oder des moderaten Chatami“ setzen, denn ihre „zurückhaltendere Wortwahl dürfte die Voraussetzungen für konstruktive Gespräche wie überhaupt für Direktdiplomatie zwischen Washington und Teheran […] merklich verbessern“.

Zu Gast bei Freunden

Wie eine solche „zurückhaltende Wortwahl“ aussieht, war schon an dem als „pragmatisch-konservativ“ gelobten Hashemi Rafsandjani auszumachen, der als Vorgänger Mahmud Ahmadinedjads im Amt des iranischen Präsidenten bereits 2001 spekulierte, dass sein Land in einer nuklearen Auseinandersetzung mit Israel vielleicht 15 Millionen Menschen verlöre, was nur ein kleines Opfer für die eine Milliarde Muslime weltweit im Tausch für das Leben von fünf Millionen israelischen Juden sei. So viel vornehme Reserviertheit qualifiziert natürlich für „konstruktive Gespräche“ (und deutsche Stiftungen haben sich bekanntlich noch keinem „Dialog“ verweigert), denn die Vernichtung Israels kann dann – quasi direktdiplomatisch, aber mit Sicherheit unter Umgehung Washingtons – ganz „pragmatisch“ und „moderat“ angegangen werden. Eine ebenso „zurückhaltende Wortwahl“ wählte auch einer der most distinguished guests auf der Berliner Konferenz der HSFK, nämlich der erwähnte Mohammad Laridjani (Foto), als er die Tagungsteilnehmer zur Annullierung des „zionistischen Projekts“ aufrief, das in den vergangenen 60 Jahren zu einem „fehlgeschlagenen Plan“ geworden sei und „nur Gewalt und Grausamkeiten“ geschaffen habe.

Die deutschen Gastgeber reagierten darauf, wie gute Gastgeber eben reagieren, insbesondere dann, wenn sie dem neuen Sophismus anhängen: gar nicht. Antiisraelische Ausfälle werden als Teil der politisch-kulturellen Eigenart islamischer Gelehrter und Politiker durchaus akzeptiert und nicht selten auch goutiert. Einer der Organisatoren – Bernd W. Kubbig, seines Zeichens PD Dr. habil. – bat nach Laridjanis Rede darum, Nachfragen ausschließlich zum unmittelbaren Thema der Konferenz („Raketenabwehr, Russland und der Nahe Osten“) zu stellen, so, als wünschte er geradezu, dass Laridjani sich ohne Widerworte über Israel echauffieren kann. Einige für israelische Tageszeitungen arbeitende Journalisten hielten sich aber nicht an dieses Gebot und empörten sich, weshalb Laridjani nachlegte: Die Leugnung des Holocaust in der muslimischen Welt habe nichts mit Antisemitismus zu tun; darüber hinaus habe Präsident Mahmud Ahmadinedjad niemals die Judenvernichtung geleugnet. Außerdem dürfe der Holocaust nicht Begründung für einen „neuen Holocaust“ sein – wie er derzeit im Gazastreifen geschehe. Und last but not least dirigiere Israel eine internationale „Kampagne“ gegen den Iran.

Selbst diese Attacken Laridjanis waren den Veranstaltern kein Anlass, den „Dialog“ abzubrechen und Laridjanis Ausführungen als indiskutabel zu verurteilen. Das wiederum verstanden syrische, libanesische und saudi-arabische Teilnehmer der Konferenz ganz recht – sie fühlten sich nun ihrerseits ermuntert, gegen Israel zu Felde zu ziehen. So nahm die ins offen Antisemitische gekippte Konferenz ungehindert ihren „diskursiven“ Verlauf. Es war an Stephan J. Kramer, dem Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Konferenz mit der nötigen Deutlichkeit zu skandalisieren: „Antiisraelische Äußerungen und die erneute Leugnung des Holocausts auf einer mit deutschen Steuergeldern, von FES, Auswärtigem Amt, SPD und EKD geförderten und in Berlin ausgerichteten Konferenz, stellen im 70. Jahr der Erinnerung an die Reichspogromnacht die regierungsamtlichen Solidaritätsbekundungen mit Israel in Frage. […] Dass weder das Auswärtige Amt noch Außenminister Frank-Walter Steinmeier persönlich den kruden Vergleichen Laridjanis energisch widersprochen haben, zeigt die Doppelmoral und Gleichgültigkeit im Umgang mit dem Mullah-Regime. […] Die deutsche Regierung hofiert das Mullah-Regime, indem sie ihm unkritische Plattformen bietet, seine menschenverachtende Propaganda und Hetze zu verbreiten, von der erodierenden Glaubwürdigkeit deutscher Außenpolitik gar nicht zu reden.“

Kollateralschäden der Friedensforschung

Nun erst, da neben der Stiftung auch ihre Finanziers unter anderem in Steinmeiers Außenministerium in die Kritik gerieten, reagierten die Veranstalter der Tagung mit einer Pressemitteilung, um die Kollateralschäden der Friedensforschung zu begrenzen. Diese Erklärung aber ist in ihrer dreisten Argumentation prototypisch für den neuen Sophismus: „Mit großer Bestürzung hat die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) Medienberichte aufgenommen, in denen im Zusammenhang mit ihrer Nahost-Konferenz vom vergangenen Mittwoch von Antisemitismus die Rede ist. Wir bedauern es außerordentlich, dass Äußerungen von Mohammad Laridjani, dem früheren iranischen Vizeaußenminister, auf dieser Konferenz die Gefühle einzelner israelischer Teilnehmer verletzt haben.“

Was auf der eigenen Konferenz los war, will man also erst aus „Medienberichten“ erfahren haben. Deshalb bedauerte die HSFK auch mit einiger Verspätung, dass „die Gefühle einzelner israelischer Teilnehmer verletzt“ wurden – und verlor kein Wort darüber, dass die Auslassungen Laridjanis nicht auf die Kränkung von Empfindungen, sondern schlicht und ergreifend auf die Existenz Israels und seiner Bürger zielten. Die Stiftung gab sich bestürzt über die Medien, in denen „von Antisemitismus die Rede ist“, nicht aber über den Antisemitismus, dem sie selbst ein Podium gab. Vielmehr wiegelte man routiniert ab: „Es gibt bei der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung keinen Antisemitismus.“ Wer würde das auch zugeben? Denn die Vernichtungsdrohungen, die der „pragmatische“ respektive „moderate“ Laridjani bei der Stiftung ausstieß, hat man im deutschen Wissenschafts- und Politikbetrieb noch selten als antisemitisch interpretiert.

Außerdem wollte man doch nur miteinander reden, und so folgte auch noch eine Lektion in Sachen Demokratie: „Keine der Reden wurde vorab kontrolliert oder zensiert. Das Veranstaltungsformat ermöglicht es, Kontroversen auszutragen.“ Und genau dies sei geschehen: „Eine unabhängige Organisation stellt ein Diskussionsforum zur Verfügung, auf dem Politiker und Experten ohne die Einschränkungen des diplomatischen Verkehrs Positionen austauschen können – durchaus auch kontrovers.“ Nur die israelische Regierung, so die hessischen Friedensforscher, war wohl nicht recht dialogbereit: „Die wiederholten Bemühungen der HSFK, Minister der israelischen Regierung für einen Redebeitrag zu gewinnen, waren leider erfolglos.“ Dennoch gab man sich generös: „Wir sind und bleiben mit Israel eng verbunden.“ Zweifelsohne war die Konferenz Ausdruck dieser Verbundenheit, und selbst Mohammad Laridjani ist – wie jeder Antisemit und jeder Antizionist – den Juden und ihrem Staat in recht eigener Art und Weise eng verbunden.

Der geschäftsführende Stiftungsvorsitzende Harald Müller, Professor selbstredend, betonte in der Presseerklärung, indem er abschließend sich selbst zitierte, gar nichts gegen Juden zu haben, ja, ihnen vielmehr dankbar zu sein, dass die deutschen Väter und Großväter den Holocaust an ihnen verüben durften: „Mit einer furchtbaren Vergangenheit konfrontiert, leiten wir heute unseren Stolz und Patriotismus daraus ab, uns dieser Vergangenheit gestellt zu haben.“ Auf den sekundären Antisemitismus, der den Juden Auschwitz nicht verzeihen wollte (so der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex), folgt nun also der tertiäre, der den Juden für Auschwitz aus patriotischen Gründen geradezu dankbar ist. So färbt sich der Sophismus der Friedensfreunde schwarz-rot-gold, und es entfalten sich die „wesentlichen Eigenschaften der Deutschen“: „Einfallsreichtum, schöpferische Leidenschaft und visionäres Denken.“ Der weise Hippias, er hat wirklich gute Schüler.

* Christoph Martin Wieland: Geschichte des Agathon, in: ders.: Sämtliche Werke, Erster Band, Leipzig 1794 (Göschen), S. 159. Rechtschreibung und Grammatik wie im Original.

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