Deutschlands Lieblingsamerikaner

Die Deutschen lieben Barack Obama. Hätten sie zu entscheiden, wer neuer Präsident der USA wird, dem 46-Jährigen wäre eine satte Dreiviertelmehrheit gewiss. Das liegt allerdings weniger daran, dass Obama, wie ein amerikanische Genealoge errechnet hat, zu exakt 4,6875 Prozent deutsch ist, weil sein 1722 geborener Ururururururgroßvater Christian Gutknecht aus dem Elsass stammte (das damals unter der Herrschaft eines bayerischen Pfalzgrafen stand) und sich 1749 jenseits des Atlantiks niederließ. Vielmehr schwärmt man für den freundlichen Mann aus Illinois, weil er der „Anti-Bush“ (Die Welt) ist und erzählt, was man hierzulande so überaus gerne hört: Er kündigt einen Abzug der US-Truppen aus dem Irak an, will mit dem Iran verhandeln und träumt von einer Welt ohne Armut und Atomwaffen, Krieg und Klimawandel. Das alles möchte er im Verbund mit den Europäern erreichen, und dementsprechend klang seine Wahlkampfrede im Schatten der Berliner Siegessäule am Donnerstag dann auch. Alleine sechzehnmal ging es um Mauern, die niedergerissen worden seien – in Berlin, in Belfast, auf dem Balkan – oder noch niedergerissen werden müssten, wie die zwischen Arm und Reich, „Rassen“ und „Stämmen“, Eingeborenen und Einwanderern sowie Christen, Muslimen und Juden. Immerhin neunmal appellierte er dazu an ein gemeinsames Handeln: „come together“ (dreimal), „stand together“, „work together“, „bind together“, „live together“, „join together“, „trade together“. Mehr together war selten. „Obamas Reden spannen fast immer den gleichen Bogen“, kommentierte David Brooks den Berliner Auftritt des Präsidentschaftskandidaten in der New York Times spitz. „Irgendein Problem steht ins Haus, und die Uneinigkeit ist den Kräften der Gerechtigkeit im Weg. Doch dann vereinigen sich Menschen guten Glaubens, und Mauern fallen“ – quasi wie von selbst.

Wie weltfremd und damit originär deutsch-europäisch Obamas Vorstellungen sind, zeigt vor allem ein Blick auf sein Szenario von einem „Neubeginn im Nahen Osten“: „Mein Land muss gemeinsam mit eurem und mit Europa die direkte Botschaft an den Iran senden, dass er seine atomaren Ambitionen aufzugeben hat“, sagte er in Berlin. Worin diese „direkte Botschaft“ besteht, hatte er zuvor schon mehrmals deutlich gemacht: Man müsse mit den Mullahs reden und ihnen eine wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen anbieten, damit sie von ihrem Nuklearprogramm Abstand nehmen. Schlage das Regime diese Angebote aus, müsse man eben die Sanktionen verschärfen, bis der Iran einlenkt. Genau das aber wird seit Jahren versucht – ohne jeden Erfolg, wie man weiß. Eine militärische Option als ultima ratio schließt Obama jedoch kategorisch aus. Israelis und Palästinenser, „die nach einem sicheren und dauerhaften Frieden streben“, will er unterstützen – als ob die Palästinenser nicht täglich beweisen würden, dass sie unter einem „dauerhaften Frieden“ nichts anderes verstehen als die Auslöschung Israels. Die US-Truppen im Irak wiederum gedenkt Obama innerhalb von 16 Monaten zurückzuziehen. Dass das der Sicherheit des Landes nicht gerade zuträglich ist, um es zurückhaltend zu formulieren, ist zweifellos keine sonderlich gewagte Prognose. Appeasement at its worst.

Die Menge in Berlin nahm diese auf der „Messe edler Gesinnung“ (noch einmal Die Welt) gesprochenen Worte gleichwohl – besser gesagt: genau deshalb – mit warmem Applaus auf. Vernehmlicher Unmut regte sich bezeichnenderweise nur, als Barack Obama betonte: „Die afghanische Bevölkerung braucht unsere Truppen und eure Truppen, unsere Unterstützung und eure Unterstützung, um die Taliban und Al-Qaida zu besiegen.“ So etwas will man sich nämlich nicht sagen lassen in Deutschland, wo nur 14 Prozent finden, dass der Kampf gegen den internationalen Terrorismus die wichtigste Aufgabe Obamas ist, sollte er die Wahl gewinnen. Doch der Kandidat der Demokraten bekam rasch die Kurve mit seinem unmittelbar folgenden Appell für „eine Welt ohne Atomwaffen“ und seinem Aufruf, „den Planeten zu retten“. Da klatschten auch diejenigen wieder, die mit „Arrest Bush“-, „Bush is a war criminal“- oder „Hands off Iran“-Devotionalien ausgestattet waren. Und natürlich diejenigen, die zwar frank und frei zugeben, über Obamas republikanischen Kontrahenten John McCain rein gar nichts zu wissen, sich aber dennoch sicher sind, dass er „ein weißes Arschloch“ und von der „Kriegslobby“ abhängig ist. Der Wiedergänger des in Deutschland und Old Europe so verhassten Bush eben.

Dennoch ist die „Obamania“ vor allem ein Medienhype. Nach anfänglich stark schwankenden Schätzungen in Presse, Rundfunk und Fernsehen war schließlich nahezu einvernehmlich von 200.000 Menschen die Rede, die Obamas Auftritt in der deutschen Hauptstadt vor Ort mitverfolgt hätten. Eine Zahl, die nicht einmal ansatzweise der Realität entsprach, wie der amerikanische Journalist John Rosenthal zeigte. Augenscheinlich war der Wunsch Vater des Gedankens – der Wunsch nämlich, den Mann des „anderen“, des „besseren Amerikas“ zu pushen, einen Mann, der so recht nach dem Geschmack der Deutschen und Europäer ist, weil er denkt und redet wie sie. Gar als „Erlöser“ rühmte ihn der Stern (die deutlich kleiner geschriebene Frage „oder Verführer?“ deutet auf vorhandene Restzweifel hin, schließlich ist der Mann immer noch Amerikaner). Und dem Spiegel muss der Freud die Feder geführt haben, als er in seinem „Live-Ticker“ die rheinland-pfälzische US-Militärbasis Ramstein – deren Besuch Obama schließlich absagte – mit der deutschen Brutalo-Band Rammstein verwechselte, die für ihre Videos auch schon mal das Filmmaterial von Hitlers Lieblingsregisseurin Leni Riefenstahl verwendet. Ein Triumph des Wollens gewissermaßen, den die deutsche Presse da feierte – dafür allerdings sollte Barack Obama bei aller Kritik dann doch nicht in Haftung genommen werden.

Ein herzliches Dankeschön an barbarashm für wertvollste Hinweise.

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