Nahostexpertologie

Wenn irgendwo in der arabischen Welt etwas geschieht, das man in Europa für erläuterungsbedürftig hält, obwohl die obligatorischen Erklärungsmuster längst bekannt sind, schlägt stets die Stunde der Nahostexperten. Einige verfügen zwar trotz allerlei Doktoren- und anderer Titel kaum über etwas, das sie ernsthaft als Kenner der Materie ausweisen würde, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Denn ähnlich leider allzu vieler Nahostkorrespondenten – die zu kaum mehr fähig sein müssen, als die Israelis als Täter und die Palästinenser als Opfer zu präsentieren – veranstalten auch Politik- und Islamwissenschaftler, Historiker und Spezialisten diverser Institute mit ihrer Phrasendreschmaschine ein veritables antiisraelisches Getöse, wenn man sie um eine Stellungnahme zu Geschehnissen im Nahen Osten bittet. In Österreich ist John Bunzl ein solch gefragter Experte, und kurz vor Weihnachten hat er deshalb in der Tageszeitung Der Standard darüber räsonieren dürfen, „warum erst die Instrumentalisierung des Holocaust im Kontext des Nahen Ostens die Strategie des Leugnens in der islamischen Welt erklärt“. Derlei verquere Logik analysiert Karl Pfeifer in seinem Gastbeitrag.

Karl Pfeifer

Die verquere Logik des John Bunzl

Wann immer John Bunzl (Foto), Nahostexperte des Österreichischen Instituts für Internationale Politik (ÖIIP), sich zu Wort meldet, kann man mit einer Apologie der arabischen und insbesondere der palästinensischen „Narrative“ rechnen. Daher war es kein Zufall, dass er im Standard vom 19. Dezember letzten Jahres – ähnlich wie zuvor seine Freunde der Antiimperialistischen Koordination auf ihrer Homepage – einen Unterschied zwischen europäischen Holocaustleugnern einerseits und muslimischen sowie arabischen andererseits zu konstruieren versuchte. (1) Wenn Bunzl – um eine Symmetrie zu behaupten, wo es keine gibt – schreibt, „dass der Holocaust zur Legitimierung israelischer Politik benützt wird“, dann ist seine Argumentation schief. Möglich, dass irgendein rechtsgerichteter Politiker in Israel ähnlich argumentiert, aber das ist schon seit einigen Jahrzehnten eher die Ausnahme als die Regel.

Die jüdisch-israelische Nation umfasst sechs Millionen Menschen, von denen mehr als die Hälfte im Land geboren sind, und es gibt eine lebhafte israelisch-hebräische Kultur. Außerdem hatten bereits die 400.000 Juden, die im Land lebten, als 1937 die Peel-Kommission die Teilung Palästinas befürwortete, das Recht auf Selbstbestimmung, was zehn Jahre später von den Vereinten Nationen anerkannt wurde – wie übrigens auch das entsprechende Recht der palästinensischen Araber. Selbst der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko befand 1948: „Der Umstand, dass kein abendländisches Land in der Lage gewesen ist, die Grundrechte des jüdischen Volkes zu verteidigen und es gegen die von den faschistischen Henkern ausgelöste Gewalttätigkeit zu beschützen, erklärt den Wunsch der Juden, einen eigenen Staat zu gründen. Es wäre ungerecht, diese Tatsache nicht zu berücksichtigen und dem jüdischen Volk das Recht zu verweigern, seine Wünsche zu verwirklichen.“ (2) Die arabischen Nationalisten jedoch argumentieren gegenüber den Europäern, die Juden seien zwar Opfer des Holocausts geworden, doch die Rechnung dafür habe man den arabischen Palästinensern präsentiert. Darauf folgt unweigerlich die Behauptung, diese arabischen Palästinenser – die eine der höchsten Geburtenraten der Welt haben – seien die eigentlichen Opfer des Holocausts, Opfer eines von Israel begangenen Völkermords, der noch schlimmer sei als die Shoa. Das ist der Stehsatz der antiisraelischen Propaganda.

Kaum hat Bunzl eine Apologie hinter sich gebracht, folgt schon die nächste: „Nehmen wir für einen Moment an, die Zionisten hätten sich entschlossen, nicht Palästina, sondern etwa Argentinien zu besiedeln bzw. zu kolonisieren.“ Die Zionisten waren, wie schon der Name sagt, immer auf Zion fixiert, auf den Ort also, in dem Juden einmal als selbstständige Nation existierten und auf den sich die im jüdischen Gebetsbuch kodifizierten Sehnsüchte konzentrieren. Weil Juden in das Land kamen, mit dem sie historisch verbunden waren, sei alles verständlich, was die Araber dagegen unternahmen und unternehmen, so die „Narrative“ von Bunzl. Doch wie steht es beispielsweise mit Neuseeland und Australien? Dort gab es eine Urbevölkerung, und die Einwanderer aus Europa hatten, nebenbei bemerkt, keinerlei historische Beziehungen zu ihren neuen Heimatländern. Trotzdem versuchte zu keinem Zeitpunkt jemand ernsthaft, diese im 19. Jahrhundert entstandenen Nationen zu delegitimieren.

Warum aber ist das Arabern, Muslimen und Antizionisten in Bezug auf Israel ein Anliegen? Die Araber Palästinas, so erklären sie, wollten ja nur ihr Blut und ihren Boden schützen. Ähnliches postulieren auch die NPD für Deutschland und die FPÖ für Österreich. Doch während Linke und Linksliberale in der Regel wenig bis nichts für eine derartige gegen Ausländer gerichtete Argumentation übrig haben, sind nicht wenige ganz begeistert, wenn palästinensische Araber ihre Ablehnung Israels mit „Blut“ und „Boden“, mit „gekränkter Ehre“ und mit ihrer „Demütigung“ begründen. Tatsächlich betrachteten Muslime, historisch gesehen, Juden als Dhimmis – also als zweitklassige Schutzbefohlene –, und deshalb waren sie besonders empört, als ihre anfangs besser gerüsteten Armeen 1948 von den von ihnen als feige qualifizierten Juden geschlagen wurden. Auch wenn John Bunzl und andere Apologeten es nicht wahrhaben wollen: Die Juden Israels sehen genau, wie die arabischen Völker mit ihren Minderheiten umgehen – sowohl mit den ethnischen (zum Beispiel den Kurden) als auch mit den religiösen (etwa den Christen), nicht zu vergessen, was im Irak tagtäglich geschieht, und dort gehören doch alle zur Umma –, und sie wissen daher, dass nur der Nationalstaat ihre Existenz garantiert. Deshalb, aber auch wegen des historischen Traumas der Schutzlosigkeit während der Shoa, ist der jüdische Staat für die meisten Juden eine absolute Notwendigkeit.

Man kann natürlich die Logik Bunzls auch so verstehen, dass die Nazis nicht den Antisemitismus zur Mobilisierung ihrer Anhänger hätten einsetzen können, wenn es in Deutschland und Österreich keine Juden gegeben hätte. Fast an allem sind also die Juden schuld, denn ein „nicht unwesentlicher Beitrag zu diesem Amalgam [das die Judenfeindlichkeit in der arabischen Welt charakterisiere, K.P.] resultiert aus dem Selbstverständnis Israels als Staat der Juden“, schreibt er, womit ihm wieder einmal eine semantische Manipulation gelungen ist. Denn in Wirklichkeit versteht sich Israel als jüdischer und demokratischer Staat, in dem – anders als in den arabisch verwalteten Gebieten Palästinas, wo von 1948 bis zum Juni 1967 kein einziger Jude leben durfte – von Anfang an eine große arabische Minderheit mit eigenem Erziehungssystem lebte. In Israel muss die arabische Minderheit sich auch nicht – wie beispielsweise die slowenische Minorität in Österreich – an die Gerichte wenden, um topografische Bezeichnungen in ihrer Muttersprache durchzusetzen, denn das gehört zu den Selbstverständlichkeiten. Darüber hinaus ist es pauschalisierend und nicht korrekt, heute zu behaupten, alle Zionisten und israelischen Politiker hielten den Zionismus für die „richtige“ Antwort auf den Holocaust. Es gibt seit Jahren sogar eine Sendung des israelischen Rundfunks für Israelis, die dauerhaft im Ausland leben, in der es nicht zur zionistischen Agitation kommt. Man nimmt es gelassen hin, dass allein in den USA mehrere hunderttausend Israelis leben.

Der österreichische „Nahostexperte“ John Bunzl hingegen fantasiert von „der häufigen Instrumentalisierung der Tragödie, um Kritiker zum Schweigen zu bringen“. Auch das ist eine Behauptung, die er nicht mit Fakten belegen kann. Die Argumentation, man dürfe Israel (und die Juden) wegen des Holocausts nicht kritisieren, wird zumeist von Rechtsextremisten verwendet und ist außerdem oft genug Ausdruck eines Antisemitismus, der aus der Mitte der europäischen Gesellschaften kommt. Antisemiten – und „Antizionisten“ – möchten nicht nur ihren Antisemitismus ausleben, sondern sich dabei noch besonders mutig fühlen. Das wiederum passt zum sekundären Antisemitismus, der sich antifaschistisch gibt und immer wieder Israels Besatzungspolitik mit dem nationalsozialistischen Völkermord gleichsetzt respektive als „faschistisch“ verteufelt. Auch Bunzl bedient ihn, bewusst oder unbewusst. Darüber hinaus versucht er unter dem Schlagwort „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“, auch die Kollaboration der palästinensischen Führung unter Hadj Amin el-Husseini (Foto) mit den Nationalsozialisten implizit zu rechtfertigen. Doch weshalb haben die PLO respektive ihre Unterorganisationen diesen Mann bis zu seinem Tod im Sommer 1974 verehrt? (3) Warum haben sie mit der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann gemeinsame Sache gemacht?

Wer, wie Bunzl, dazu neigt, die Palästinenser lediglich als Objekte und nicht als selbstständige Akteure der Geschichte wahrzunehmen, der wird alles unternehmen, um diesen Teil der palästinensischen Geschichte und den aktuellen Antisemitismus zu verharmlosen. Wenn Bunzl sich dann auf Edward Said beruft, um einen perversen Vergleich zwischen der größtenteils mit den Mitteln der Industrie geplanten und durchgeführten Ermordung aller Juden und dem verlorenen Krieg der arabischen Armeen gegen den 1948 gegründeten jüdischen Staat vorzunehmen, dann akzeptiert er die verquere Logik der verschiedenen „Narrative“. Doch während die europäischen Juden – mit wenigen Ausnahmen – schutzlos der mörderischen deutsch-österreichischen Volksgemeinschaft ausgeliefert waren, begannen Araber palästinensischer und anderer Provenienz mutwillig mit einem Krieg zunächst gegen den Jischuv und dann gegen den soeben gegründeten jüdischen Staat, nachdem ihre Führer mit der Vernichtung der Juden gedroht hatten. Auch die Flucht palästinensischer Araber wurde zumeist von den eigenen Führern be- oder empfohlen, und nur eine Minderheit von einigen zehntausend Arabern wurde während der von ihnen initiierten Kriegshandlungen vertrieben. Um von all dem abzulenken, passt es, den Holocaust zu leugnen und eine jüdische Weltverschwörung zu behaupten, die es zwar nicht gibt, als Weltanschauung jedoch keine Widerlegung duldet und noch die Gegenargumente als Bestätigung ihrer Richtigkeit wertet.

John Bunzl behauptet weiter: „Edward Said, der 2003 verstorbene große palästinensische Intellektuelle, dachte anders. Er argumentierte überzeugend, dass eine Anerkennung des Holocausts als Genozid am jüdischen Volk die Legitimität der eigenen Forderung nach Anerkennung der palästinensischen Tragödie erhöhen würde; er wies jedoch auch darauf hin, dass dieselbe Anerkennung es erleichtern würde, bestimmte Aspekte der israelisch-jüdischen Gesellschaft zu verstehen und zwar als Folgen eines genuinen Traumas – und nicht nur von politischer Instrumentalisierung.“ Nun, wenn Äpfel mit Rossäpfeln zu vergleichen eine intellektuelle Leistung ist, so hat sie Said tatsächlich vollbracht, als er meinte, es gebe für die Anliegen der Palästinenser „einen unmittelbaren Präzedenzfall, nämlich [die] israelischen Forderungen gegenüber Deutschland“. Immerhin ist im Falle Israels zu bedenken, dass fast eine Million Juden ihr Vermögen in arabischen Staaten zurücklassen mussten, als sie aus ihren Heimatländern flohen. Während die Ereignisse des von Arabern willkürlich vom Zaun gebrochenen Krieges weltgeschichtlich nichts Außergewöhnliches waren, kann man das von der durch die deutsch-österreichische Volksgemeinschaft vorgenommenen Vernichtung der Juden nicht behaupten.

Wehe, wenn ein Jude äußern würde: „Verpflichtet sind wir in erster Linie gegenüber unserem eigenen Volk.“ Doch genau das sagte der laut Bunzl „große palästinensische Intellektuelle“ Edward Said (Foto ganz oben und rechts), der von „Wühl-Tätigkeiten einer politischen Lobby“ schrieb: „Die äußerst einflussreiche jüdische Gemeinschaft in Amerika drängt dem israelischen Willen immer noch Geld und eine reduzierte Sichtweise auf.“ Und dann behauptete der in Kairo aufgewachsene Said, der seinen Lebenslauf fälschte, um sich den Anschein eines palästinensischen Flüchtlings zu geben: „Während der letzten hundert Jahre blieb kein Jude vom Zionismus unberührt.“. Auch das war eine Behauptung, die er durch nichts beweisen konnte. Mehr noch: Für ihn war sogar Yassir Arafat nicht radikal genug, denn er habe „die Intifada einseitig abgebrochen“. Attentate auf Israelis rechtfertigte Said als „Akt der Schwäche und Verzweiflung“, und das Friedensabkommen von Oslo nannte er „ein palästinensisches Versailles“ (4) – eine bezeichnende Wortwahl.

Übrigens zog Said überdies seine Unterschrift unter einen Aufruf an die libanesische Regierung zurück, mit dem gegen eine international besetzte, neonazistisch orientierte Holocaustleugner-Konferenz 2001 in Beirut protestiert wurde, wie Cordelia Edvardson in der Süddeutschen Zeitung berichtete: „Nie hätte er einen Aufruf an die Regierung des Libanon, die Konferenz abzusagen, unterschrieben, erklärt er nun. Gewiss sei er gegen die Leugnung des Holocaust. Aber er sei auch dagegen, eine Regierung aufzufordern, die Meinungsfreiheit zu beschränken. Als er telefonisch aus Paris gebeten worden sei, den Protest zu unterschreiben, sei ihm nicht klar gewesen, dass man sich damit an die libanesische Regierung wenden wollte. Es sei, so Said, daher ein ‚fürchterlicher Missbrauch des Vertrauens gewesen, seinen Namen in diesem Zusammenhang zu benutzen‘. Die neofaschistische Organisation, die hinter der Konferenz stand, beeilte sich sehr, den Brief des Professors auf ihrer Seite im Internet zu veröffentlichen. Nun steht Edward Said in ausgesprochen schlechter Gesellschaft da, und wird wohl noch einmal erklären müssen, es so nicht gemeint zu haben.“ (5) Said engagierte sich, um Israel systematisch zu verunglimpfen und zu verteufeln; er griff dabei auf klassische antisemitische Stereotype zurück, indem er zum Beispiel von einer „jüdisch-zionistischen Verschwörung zur Herrschaft über den Nahen Osten“ fantasierte, die angeblich die amerikanische Außenpolitik bestimmt. Oder indem er sich auf eine überaus mächtige „jüdische Lobby“ berief, die Gerechtigkeit im Nahen Osten verhindere.

Am 6. Dezember 2006, einige Tage vor der Konferenz von Leugnern und Befürwortern des Holocausts im Iran, kam Hamas-Führer Ismail Hanija (Foto, links) nach Teheran, wo er während des Freitagsgebets in der Moschee der Universität laut Neue Zürcher Zeitung erklärte: „Wir werden niemals die räuberische zionistische Regierung anerkennen und werden unsere Djihad-ähnliche Bewegung bis zur Befreiung Jerusalems fortsetzen“. Anscheinend hört der palästinensische Ministerpräsident nicht auf die guten Ratschläge des österreichischen „Nahostexperten“ John Bunzl, der meinte, die Palästinenser könnten „wahrlich auf die ‚Hilfe’ von Ahmadinedjad verzichten“. Hanija hingegen, dessen Hamas seit langem vom Iran gefördert und finanziert wird, betonte in seiner Rede die Bedeutung der Unterstützung des Mullah-Regimes für die Palästinenser: „Sie [die Israelis] glauben, dass die palästinensische Nation allein ist. Das ist eine Illusion. Dieses Land [der Iran] ist unser mächtiger, dynamischer und stabiler Rückhalt.“ Wenn dann Israel mit der Hamas – die die Nichtanerkennung des jüdischen Staates und die jüdische Weltverschwörung mit kruden Anleihen bei den Protokollen der Weisen von Zion in ihrer Charta festschrieb – nicht verhandeln will, solange diese an ihren Zielen festhält, gibt dies wiederum Anlass zu einem Israel-Bashing. Denn trotz aller offensichtlicher Tatsachen versuchen die Apologeten der palästinensischen Extremisten, diese als gemäßigt und kompromissbereit anzupreisen, weil einige Hamas-Funktionäre zu einer Hudna, einem Waffenstillstand also, bereit sind, bis sie genug Kraft gesammelt haben, um ihr Ziel – die Vernichtung des Staates Israel – in Angriff zu nehmen.

Es ist bezeichnend für den Zustand der arabischen Welt, in der es wenig Meinungsfreiheit gibt, wenn sich so viele arabische Intellektuelle für die Meinungsfreiheit von Holocaustleugnern wie etwa Roger Garaudy – der vom kommunistischen Philosophen zum Katholiken und schließlich zum gläubigen Moslem mutierte – aussprechen. Es ist auch kein Zufall, wenn in Ägypten und Jordanien – die Friedensverträge mit Israel geschlossen haben! – Verbände und linke Organisationen jeden Kontakt mit dem jüdischen Staat ablehnen. Natürlich betonen sie, nichts gegen Juden zu haben, und zum Beweis dafür lassen sich Islamisten, rechtsextreme österreichische Politiker und linksradikale Antiimperialisten gerne mit einem Wiener „Rabbiner“ fotografieren. Sie sind ja nur gegen „Zionisten“, die sich anmaßen, auf ihrer Menschenwürde zu bestehen. Ihnen geht es nicht um die Besetzung umstrittener Gebiete, sondern sie sind gegen die Existenz des einzigen Staates in der Welt, in dem Juden die Mehrheit bilden. Dieser Staat, der tatsächlich Juden schützt, ist ihnen zutiefst zuwider. Juden müssen, wenn es nach ihnen geht, schutzlos und auf das Wohlwollen von Nichtjuden angewiesen sein. Und dabei unterstützt sie die ultraorthodoxe Sekte Neturei Karta, deren Mitglieder lieber als gelegentlichen Pogromen ausgesetzte Dhimmis in einem arabischen Staat leben möchten. Wenn es gegen den Zionismus geht, dann ist auch für manche Linke jeder ultraorthodoxe Obskurantist als Persilscheingeber willkommen.

Der demokratische Staat Israel ist jedoch auch gegenüber diesen Fanatikern duldsam. Und Antizionisten oder andere Leute, die den jüdischen Staat abschaffen wollen, können an israelischen Universitäten lehren. So kommt es zu der absurden Situation, dass ein israelischer Universitätslehrer gegen seine eigene Universität im Ausland eine Boykottkampagne betreiben kann, während mancher ägyptische Intellektuelle, der es wagt, Israel auch nur zu besuchen, damit rechnen muss, von seinen eigenen Kollegen boykottiert zu werden. Während Israel auch dank des Wirkens der „Neuen Historiker“ Mythen der Historiografie beseitigt hat, ist bei den Palästinensern nichts von einem Verzicht auf die eigenen Mythen zu sehen, und nicht wenige von ihnen glauben im Gegenteil gar an eine „jüdische Weltverschwörung“. Während Intellektuelle in Israel in der Regel selbstkritisch auftreten, zeichnen sich palästinensische Intellektuelle gerade nicht durch Selbstkritik aus. Die meisten agitieren lieber gegen den jüdischen Staat. Während Israel Dokumente einsichtbar und publik macht, sind die meisten arabischen Archive bis heute für die Forschung nicht zugänglich. Frieden ist aufgrund von verlogenen „Narrativen“ nicht möglich. Wenn „eine Lösung für zwei Völker“ in zwei Staaten gefunden werden soll, so kann dies nur aufgrund der oft schmerzlichen Wahrheit und der unvoreingenommenen Konfrontation beider Völker mit der eigenen Vergangenheit geschehen.

Anmerkungen

(1) John Bunzl veröffentlichte am 18. Februar 2003 – nachdem die Antiimperialistische Koordination (AIK) auf der Homepage des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW) in der Rubrik Aktion gegen Antisemitismus kritisiert worden war – ein Verteidigungsschreiben für die AIK auf deren Website, in dem er dem DÖW vorwarf, den „antideutschen Linken auf den Leim“ gegangen zu sein. Doch auf die konkreten Vorwürfe des DÖW ging der Nahostspezialist, wie auch die AIK selbst, mit keinem Wort ein. Bunzl meinte, es sei verwirrend, „das altbekannte DÖW an der Front der wackeren Kämpfer gegen den völkischen Antisemitismus der Palästinenser (!) zu entdecken“, und mutmaßte: „Da muss ein Vertreter des Schwachsinns der ‚antideutschen Linken’ am Werk gewesen sein.“ Laut Bunzl „dient dieser Schwachsinn, der nichts mit der Realität des Nahen Ostens zu tun hat, den Profilierungsneurosen und der Identitätsakrobatik verkorkster deutscher (und österr.) Linker, die (in maßloser Selbstüberschätzung) endlich einmal auf der ‚richtigen’ Seite gegen den NS kämpfen und mehr noch den psychologischen Effekt genießen wollen, andere Linke des Antisemitismus zu zeihen“. Die AIK veröffentlichte auf ihrer Internetseite am 12. Juni 2003 eine Solidaritätserklärung für den „linken“ jordanischen Holocaustleugner Ibrahim Alloush, der enge Kontakte mit dem neonazistischen, revisionistischen Institute for Historical Review pflegt. Nach dem taktischen Rückzug beschlossen die „Genossen“ bereits fünf Tage später eine Änderung ihrer Linie, die sie dann aber erst am 1. Juli auf ihre Homepage stellten: „Mit Recht meinten in der Folge Stimmen von arabischer und antiimperialistischer Seite, dass es eurozentristisch wäre, die Dinge so einfach gleichzusetzen, und es bei diesen getroffenen Maßnahmen zu belassen. Nicht die Araber seien für den Holocaust verantwortlich.“ In einem darauf Bezug nehmenden Artikel auf seiner Website zeigte das DÖW, dass die österreichischen Holocaustleugner Gerd Honsik und Wolfgang Fröhlich ähnlich argumentieren. Aber die AIK hatte noch ein weiteres „Argument“ für die Rechtfertigung arabischer Holocaustleugnung; schließlich gebe es „eine konkrete und reale Verfolgung und Vernichtung des palästinensischen Volkes durch Israel und mit der Unterstützung der alles beherrschenden Weltmacht USA“. „Daher“, so erklärt die AIK großspurig, „müssen wir alle Kräfte unterstützen, die real gegen den Imperialismus kämpfen, so fern sie uns in ihren Ideen auch stehen mögen. Das gilt für die islamistischen Volksbewegungen genauso wie für Linke wie Ibrahim Alloush, die in ihrer Verzweiflung der zionistischen Aggression mit reaktionären und falschen Argumenten begegnen wollen“. Ähnlich argumentiert auch John Bunzl, der sich selbst nach dieser Verharmlosung der Holocaustleugnung durch die AIK nicht von dieser Gruppierung distanzierte.

(2) Diese vorübergehende zionismusfreundliche Haltung der Sowjetunion und der so genannten Volksdemokratien hinderte jedoch die arabischen Staaten und die PLO ein paar Jahre später nicht daran, sich mit der Sowjetunion und ihren Satelliten zu verbünden, so wie heute die Art, wie Russland mit den Tschetschenen umgeht, den Iran und die arabischen Staaten nicht von freundschaftlichen Beziehungen mit Russland abhalten.

(3) „Even Professor Edward Said believes that ‚Hajj Amin al-Hussaini represented the Palestinian Arab national consensus, had the backing of the Palestinian political parties that functioned in Palestine, and was recognized in some form by Arab governments as the voice of the Palestinian people.’ He was ‚Palestine’s national leader’ when he made his alliance with Hitler and played an active role in the Holocaust.” Aus: Alan Dershowitz, The Case for Israel, Seite 56.

(4) Alle Zitate von und über Edward Said aus Gerhard Scheits Beitrag Frieden mit Deutschland – Krieg mit Israel, in: Bahamas Nr. 35.

(5) Cordelia Edvardson: Katastrophe der Anderen, in: Süddeutsche Zeitung, 5. Mai 2001

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