Retro-Welle bei C&A

Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte: Retro ist schwer angesagt. Sie haben gar keine Ahnung, was das ist? Nun, es handelt sich um eine, sagen wir, spezifische Art von Mode, die schon länger in allen möglichen Bereichen – insbesondere bei Kleidung und Musik – Einzug gehalten hat und die sich dadurch auszeichnet, dass sie Stile und Ausdrucksformen, ja Lebensgefühle vergangener Jahrzehnte recycelt und schließlich mehr oder weniger dezent modernisiert – man ist ja schließlich nicht von gestern – auf den Markt geworfen wird. Selbst vor einem Aufguss der größten ästhetischen Verbrechen wird nicht zurückgeschreckt – was man gestern noch kopfschüttelnd als geschmackliche Abseitigkeit vergangener Tage belächelt hat, findet man spätestens morgen in szenigen Klamottenläden, hippen CD-Shops oder als Sonderangebot beim Friseur.

Ein Retro-Accessoire, das schon eine Weile eine solche Renaissance erfährt, ist das so genannte Palästinensertuch. Sie wissen schon: diese Kopfwindel, die man in erster Linie wohl mit dem verblichenen Yassir Arafat verbindet und im Gefolge mit der Protestgeneration der 1970er und 1980er Jahre. Das Textil zeigt die Solidarität mit dem gegen Israel kämpfenden palästinensischen Volk an und gilt darüber hinaus ganz grundsätzlich als Ausweis des Linksseins. Der Hals, den man auf die herrschende Klasse hat, wird so noch dicker und demonstrativer. Dass dieses Stück Stoff nicht bloß eine stockreaktionäre Geschichte hat, sondern auch seine jeweilige Gegenwart zu keiner Zeit irgendetwas ausdrückte, was man als auch nur einigermaßen aufgeklärter Mensch begrüßen würde, könnten seine Träger wissen, wenn sie es denn wissen wollten.

In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schwand die Popularität der Kafiya zunächst ein wenig, bevor sie im Zuge der zweiten Intifada, des 11. September 2001 und des Irak-Kriegs ein fulminantes Comeback erlebte: Die Älteren kramten ihre gescheckte Halskrause – inzwischen leicht vergilbt, etwas speckig geworden und muffig riechend, weil man sie ja nie wusch – wieder aus dem Kleiderschrank hervor (wenn sie denn je dort verstaut war), und die Jüngeren kratzten ihr Taschengeld zusammen, um sich auch mit so einem Feudel behängen zu können. Inzwischen kursierte jedoch zumindest ein kritisches Flugblatt zu diesem Baumwolllappen, von der Gruppe JungdemokratInnen/Junge Linke in Umlauf gebracht und mit der etwas arg sozialpädagogisch formulierten Überschrift „Coole Kids tragen kein Palituch!“ versehen. Der Text kulminierte in der Feststellung: „Das Palituch ist die Geschichte einer linksradikalen Verirrung oder eines Irrtums. Es ist Zeit, diesen Irrtum zu erkennen und in Zukunft einen Schal von H&M, C&A oder von Vati genäht zu tragen.“

Genützt hat das, scheint’s, zumindest nicht viel; der Run auf das Teil hielt unvermindert an, zumal es längst auch die Neonazis zu einem ihrer Lieblingskleidungsstücke gemacht hatten. Es war daher nur eine Frage der Zeit, wann man zu dessen Erwerb nicht mehr auf fliegende Händler, seine palästinensische Gemeinde oder stickige Infoläden angewiesen sein, sondern solcherlei Gesinnungskleidung marktfähig werden und in größeren Modegeschäften die Auslage verunzieren würde. Spätestens jetzt ist es so weit: Unter der Artikelnummer A1184.606 bietet C&A für schlappe sechs Euro Arafats Kopfbedeckung feil (womit sich ein Teil des Tipps im genannten Flugblatt erledigt haben sollte) – und damit dürfte sich das Unternehmen tatsächlich eine neue Käuferschicht erschließen, denn die Kette galt bei Jüngeren wegen ihres Ambientes und ihres Angebots bisher als eher hausbacken. Dass die Einführung dieses Kampfschmucks etwas mit den intensivierten Handelsbeziehungen der Hamas nach ihrem Wahlsieg oder mit der gestiegenen Beliebtheit der Religion des Friedens™ zu tun hat, ist bislang allerdings nur ein Gerücht.

Bevor Sie jetzt ihrer Empörung in der Kommentarspalte dieses Blogs Luft verschaffen, seien zwei bessere Ideen ins Gespräch gebracht: Rufen Sie doch einfach bei der Hauptverwaltung von C&A an (0211/1660) oder schreiben Sie ihr (Abt. Einkauf, Bleichstr. 20, 40211 Düsseldorf). Und auch die Konfrontation mit Trägern des Palästinensertuchs lohnt sich fast immer. Vor allem, wenn man sie mit der Frage eröffnet: „Ist dir kalt oder hast du was gegen Juden?“

Hattip: Honestly Concerned

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