Allahu Nakba!

Im postmodernen Einerlei gibt es bekanntlich keine Realität, sondern nur lauter prinzipiell gleichberechtigte „Narrative“ – also „Erzählungen“ –, weshalb es sich dort mit der Wirklichkeit so ähnlich verhält wie mit dem berühmten Schokoriegel, der für die einen halt nur eine Süßigkeit ist und für die anderen die längste Praline der Welt. Genauso mag sich die deutsche Medienlandschaft nicht festlegen, wie sie eigentlich zu sechzig Jahren Israel stehen will; was für die Juden Anlass zum Feiern ist, betrauern die Palästinenser schließlich als „Nakba“, als Katastrophe also, die der jüdische Staat mit seiner Gründung herbeigeführt habe – und wer will da schon Partei ergreifen? Ergo ließen die Redaktionen ausführlich die vermeintlichen Opfer der Opfer zu Wort kommen, vordergründig um das bemüht, was als „Ausgewogenheit“ gilt und letztlich doch nicht mehr ist als die Kolportage einer veritablen antizionistischen Geschichtsfälschung, in der die Shoa und die „Nakba“ mal de facto und mal expressis verbis gleichgesetzt werden.

In den Tagesthemen beispielsweise porträtierte Richard Chaim Schneider den Bewohner eines „Flüchtlingslagers“, der dort „auf seine Rückkehr nach Palästina“ warte. „Flüchtlingslager“ – das klingt nach provisorischer Zeltstadt und erbärmlichem Dahinvegetieren, doch die Wirklichkeit war und ist eine andere. Anfangs wurden diese Lager noch von den Vereinten Nationen betrieben, und der Lebensstandard in ihnen war nachweislich vielfach besser als außerhalb. Auch heute handelt es sich in aller Regel um kleine Städte, die jedenfalls nichts mit dem gemein haben, was man sich üblicherweise unter einem Flüchtlingslager vorstellt. Vor allem aber zeugt deren Fortexistenz von der fehlenden Bereitschaft der arabischen Staaten, die Flüchtlinge zu integrieren; die Palästinenser waren als Manövriermasse gegen Israel stets willkommen, aber zu Staatsbürgern wollte man sie nicht machen. Das jedoch ließ Schneider unerwähnt, und selbst das „Zur Hölle mit den Juden“ des von ihm mit erkennbarer Sympathie Vorgestellten war dem ARD-Korrespondenten keinen Kommentar wert.

Die Süddeutsche Zeitung wiederum ließ den Leiter des Dritte-Welt-Zentrums München, Fuad Hamdan, zu Wort kommen, der sich vermutlich vor allem dadurch für einen Gastbeitrag qualifiziert haben dürfte, dass „das Dorf seiner Eltern 1948 von der israelischen Armee zerstört worden war“. Hamdan darf deshalb von „ethnischen Säuberungen“ durch „jüdische Verbände“ schwadronieren, von der „Entrechtung eines ganzen Volkes“ und von den angeblichen Parallelen zwischen Israel „und dem Apartheidregime in Südafrika“, das „nur durch Boykott der Weltgemeinschaft besiegt und beendet“ worden sei – womit der Autor zugleich deutlich machte, dass er die Forderung „Kauft nicht beim Juden!“ auch 63 Jahre nach Auschwitz und sechs Jahrzehnte nach der Gründung des jüdischen Staates für legitim und erfolgversprechend hält.

Beiträge von ähnlicher Qualität gab es auch in anderen deutschen Medien zuhauf; ganz selbstverständlich war allenthalben vom „Trauma“ der Palästinenser die Rede, das eine Folge der „jüdischen Landnahme“ respektive der „Judaisierung palästinensischen Bodens“ (Fuad Hamdan) sowie der anschließenden Flucht und Vertreibung sei – und zwar bis heute. Der neueste Kniff ist dabei, auch die Palästinenser zu Holocaust-Opfern zu machen. „Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache: Die palästinensische Tragödie ist eine Folge der jüdischen Tragödie in Europa“, formulierte Hamdan ganz in diesem Sinne paradigmatisch; schließlich sei der israelische Staat „auf den Ruinen eines anderen Volkes“ entstanden. Mit der historischen Wahrheit hat das alles zwar wenig gemein, aber die erscheint im Kosmos der „Diskurse“ ohnehin bloß als bürgerliche Illusion.

In den überregionalen Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehanstalten kam jedenfalls niemand auf den Gedanken, dass die „Nakba“ hausgemacht und selbstverschuldet sein könnte. Hausgemacht, weil sich die palästinensischen und arabischer Führer weigerten, die Zweistaatenlösung zu akzeptieren, die von den Vereinten Nationen 1947/48 angeboten worden war. Selbstverschuldet, weil es diesen Führern und ihren Nachfolgern samt Gefolgschaft nie ernsthaft um die Gründung eines palästinensischen Staates ging, sondern immer nur um die Zerstörung des israelischen. Anders gesagt: Ohne Ablehnung des UN-Teilungsplans keine „Nakba“, ohne Kriegserklärung an Israel keine „Nakba“. 700.000 Palästinenser verließen während des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948 – den die Feinde des jüdischen Staates bekanntlich zu einem genozidalen erklärt hatten – ihre Häuser: einige aus eigenem Antrieb, einige auf Druck der arabischen Führer und einige durch den Zwang des israelischen Militärs. Keiner dieser Menschen hätte Israel verlassen müssen, wenn die Palästinenser und die arabischen Staatsführungen den Willen gezeigt hätten, eine Zweistaatenlösung zu befürworten.

Doch sie hegten und pflegten lieber den „Nakba“-Mythos, der stets vor allem dazu diente, sämtliche Probleme und Nöte der Palästinenser auf die schiere Existenz eines jüdischen Staates im Nahen Osten zurückzuführen und jegliche Eigenverantwortlichkeit für die Misere schlicht zu negieren. Hätten sie sich doch nur ein einziges Mal Israel zum Vorbild genommen! „In den Jahren nach 1945 wäre es für den Yishuv einfach gewesen, der britischen Herrschaft, der arabischen Opposition und dem Trauma der Shoa die Schuld zu geben, sich im Sumpf der Selbstgerechtigkeit zu suhlen und dabei zu erklären, warum ein jüdischer Staat unter solch schwierigen Bedingungen nicht gegründet werden konnte“, schrieb kürzlich der israelische Politikwissenschaftler Shlomo Avineri in der Haaretz. „Doch das von Herzl gegründete Rahmenwerk der zionistischen Bewegung mit ihren gewählten Institutionen, ihrer Mehrparteienvielfalt, die in einer grundsätzlichen Solidarität verankert war, und der Formulierung einer nationalen Autorität trotz Fällen von Unstimmigkeiten und Absplitterungen – all dies lieferte eine organisatorische und institutionelle Basis, die es möglich machte, die menschlichen und wirtschaftlichen Ressourcen einzusetzen, die nötig waren, um mit der harten Realität, die der UN-Teilungsresolution folgte, umzugehen.“

Die Palästinenser jedoch brachten weder einen Denker wie Herzl noch einen integrativen und entschlossenen Politiker wie Ben Gurion hervor, sondern nur antisemitische Desperados und korrupte Bandenchefs, die unfähig waren und sind, den politischen Realitäten ins Auge zu sehen und ein funktionierendes Staatswesen zuwege zu bringen. Noch die weitestgehenden Angebote Israels wurden erst in den Wind geschlagen und dann mit Terror quittiert, weil die „Befreiung ganz Palästinas“ – ein Euphemismus für die Vernichtung des jüdischen Staates – die conditio sine qua non blieb. Und so ruinierten die palästinensischen Politfunktionäre auch ihre – von den Europäern und den USA zu nicht eben geringen Teilen finanzierte – Selbstverwaltung gründlich und nachhaltig selbst.

Die eigentliche „Nakba“ spielt sich heute vor allem im Gazastreifen ab, den Ariel Sharon vor drei Jahren von allen jüdischen Siedlungen hatte räumen lassen. Was in diesem Gebiet anschließend geschah, ist symptomatisch: Die Israelis hatten unter anderem „die Gewächshäuser hinterlassen, in denen Gemüse, Obst und Blumen produziert wurden“, rief Karl Pfeifer die Situation des Jahres 2005 in Erinnerung. „Die Hamas ließ diese von einem Mob zerstören, und heute machen Einwohner von Gaza die Israelis dafür verantwortlich, dass sie so wenig Gemüse und Obst konsumieren. Vor allem aber nutzte die Hamas die Räumung, um eine Basis für den Terror zu schaffen und Israel innerhalb der Waffenstillstandslinien von 1949 bis heute mit Raketen zu beschießen.“ Wie diese Terrortruppe den 60. Jahrestag der „Nakba“ inszenierte, zeigt eindrucksvoll ein Filmbeitrag der IBA-News: Die Hamas ließ Kindersoldaten aufmarschieren (oberes Foto), die Kassam-Raketen schulterten und das „Victory“-Zeichen entboten – in den deutschen Medien wurde das jedoch wie üblich mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt.

Stattdessen betrieb man dort eine Mythenpflege, bei der nicht nur notorische Antizionisten, sondern auch deutsche Vertriebenenfunktionäre feuchte Augen bekommen haben dürften; schließlich werden die Palästinenser hierzulande nicht selten gewissermaßen als Sudetendeutsche des Nahen Ostens gehandelt. Fuad Hamdans Parole „Unrecht bleibt Unrecht, auch nach sechzig Jahren“ klingt daher nicht zufällig wie das Motto einer Versammlung deutscher „Heimatvertriebener“. Revanchismus? I wo. Bloß eine Frage des „Narrativs“. In diesem Sinne: Allahu Nakba!

Lesetipp: Martha Gellhorn, The Arabs of Palestine, in: Atlantic Monthly, Oktober 1961. – Ein Dankeschön an Christian Maaß für wertvolle Hinweise.

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