Faschissen!

Es ist nicht überliefert, ob Uwe Leichsenring das Radio eingeschaltet hatte und vielleicht gerade den Hit „Goodbye“ von Sasha hörte, als er am Mittwoch seinen Mercedes auf der Bundesstraße von Königstein nach Pirna bei einem Überholmanöver in einen Lastkraftwagen steuerte (Foto) und sich dabei spektakulär aus der Volksgemeinschaft verabschiedete. Vermutlich wird es eher das „Horst-Wessel-Lied“ gewesen sein, bei dem der Neonazi die Reihe nicht mehr geschlossen bekam. Gleichwie: Die sächsische NPD hat nun einen weniger, der sich im Landtag die Reaktivierung von Sonderzügen und Vernichtungslagern wünschen kann – und nicht irgendeinen: Leichsenring war immerhin ihr Fraktionsvize, wurde bei den letzten Stadtratswahlen in Königstein von satten 21,1 Prozent der Volksgenossen gewählt und hatte gute Kontakte zu den Skinheads Sächsische Schweiz (SSS).

Den Heldentod ist der Ostfascho also nicht gerade gestorben, für den Führerbunker hat es auch nicht gereicht, und selbst nach Spandau oder zum Galgen war der Weg noch ziemlich weit. Trotzdem – respektive gerade deshalb – schießen immer dann die wildesten Gerüchte ins Kraut, wenn Politiker durchaus verschiedener Couleur das Zeitliche segnet, zu deren Leidenschaften der Kampf gegen die jüdische Weltverschwörung zählte. Als beispielsweise Jürgen Möllemann seinen, nun ja, letzten Flyer machte, spekulierte so mancher ihm Zugeneigte, ob nicht der Mossad zuvor die Reißleine des Fallschirms funktionsunfähig gemacht haben könnte. Und nachdem Yassir Arafat die Uniform endgültig abgelegt hatte, mochten sich nicht wenige seiner Landsleute ebenfalls nicht damit abfinden, dass ihr Idol entschlafen war, ohne dass der Feind nachgeholfen hatte. Dabei macht die israelische Armee in der Regel kein großes Geheimnis daraus, wenn sie – wie im Falle Abd al-Aziz ar-Rantisis oder Scheich Yassins – vorzeitig für die Jungfrauen im Paradies sorgt.

Doch die deutschen Neonazis verstünden wenig von ihrem Handwerk, wären sie nicht in der Lage, nach dem Ableben ihres Sachsenführers (Foto) entsprechende Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen. Die Dresdner NPD-Fraktion hielt sich zwar noch zurück: Man werde „sich nicht an Spekulationen zum Unfallhergang beteiligen und zunächst das Ermittlungsergebnis des Landeskriminalamtes abwarten“, hieß es in einer Pressemitteilung, und auch Fraktionschef Holger Apfel forderte, ganz Staatsmann, „eine rückhaltlose Aufklärung der genauen Umstände des Todes“. Doch auf den einschlägigen Websites und Foren geht es anders zur Sache*. Dort findet es zum Beispiel der Münchner „Kameradschaftsführer“ und NPD-Funktionär Norman Bordin „auffällig, daß gerade die NPD-Fraktion und Wahlkandidaten der NPD Mitstreiter durch ‚Unfälle’ und ‚Krankheit’ verlieren. Hat der Staat seine Finger im Spiel? Uwe Leichsenring war das Zugpferd in Sachsen!“. Auch „odal“ mag nicht an einen Unfall glauben: „Ich würde nicht unbedingt von einer ‚eingefädelten’ Aktion seitens des Systems sprechen, dennoch ist es komisch was so alles rund um den Sächsischen Landtag passiert und das grade ein alter ‚Hase’ im Fahrschul Geschäft bei einem Überholmanöver ums Leben kommt!“

Dass Leichsenring Inhaber einer Fahrschule war, lässt auch „werwindsaet“ an Zufällen zweifeln: „Eigentlich stehe ich nicht sonderlich auf Verschwörungssachen, aber wenn so etwas passiert wie heute Vormittag Herrn Leichsenring, wird man regelrecht dazu verführt, mehr dahinter zu sehen, als einen einfachen Autounfall (als jahrelanger Fahrlehrer sehr unwahrscheinlich).“ „Daedalus“ wiederum fragt sich zunächst: „Aber wie sollte man so einen Unfall manipulieren können?“, bevor ihm doch noch die Erklärung einfällt: „Vielleicht hat der zu überholende PKW seine Finger im Spiel gehabt, indem er sich der Geschwindigkeit Leichsenrings, als er neben ihm fuhr, angepasst hat, sodass dieser nicht mehr rechtzeitig in die rechte Spur kommen konnte.“ Er halte zwar „nicht viel von Verschwörungstheorien, aber dass es gerade solche wichtigen Spitzenkräfte wie Leichsenring erwischen muss, genauso wie vor der letzten Bundestagswahl eine gewisse Dame, die für den Wahlkreis Dresden antreten sollte und überraschend verstarb“, ließ ihn dann doch eine Konspiration mutmaßen. Mit der „gewissen Dame“ ist Kerstin Lorenz gemeint, die Direktkandidatin der NPD zur Bundestagswahl 2005 im Wahlkreis Dresden I. Kurz vor dem Wahltermin fiel sie nach einem Hirnschlag ins Koma und starb schließlich; die Wahlen in diesem Kreis wurden daraufhin verlegt. Als Nachfolger stand Franz Schönhuber parat, der kürzlich jedoch ebenfalls seinem Führer in die ewigen Jagdgründe folgte.

Manche ziehen außerdem Parallelen zum Tod Ian Stuarts. Auch der Sänger der Neonazi-Band „Skrewdriver“ und Gründer des internationalen Nazi-Netzwerks „Blood & Honour“ war 1993 mit seinem Auto tödlich verunglückt. Seine Anhänger glaubten damals fest daran, der Unfall sei das Werk des israelischen Geheimdienstes. Einer der bekanntesten deutschen Neonazis, Christian Worch, fühlt sich nun um dreizehn Jahre zurückversetzt: „Wir haben im Laufe der vielen Jahre schon viele gute Männer auf solche Weise verloren. Auch der besonders in der Musikszene unvergessene Ian Stuart starb viel zu jung bei einem Unfall. Uns allen sollte das Mahnung sein, auf uns aufzupassen, wenn wir hinter dem Steuer sitzen.“ Seine Getreuen wie „Wikinger aus NBG“ fragen daher: „War es der Mossad?“ Kamerad „[14]Bluthund[88]“ jedenfalls hält das durchaus für plausibel: „Das wäre natürlich auch eine denkbare Erklärung, die nichtmal so abwägig ist.“

Vielleicht entspringen derlei Fantasmagorien aufrechter Deutscher gar nicht mal ausschließlich originärem Antisemitismus, sondern dem Minderwertigkeitskomplex, immer noch keinen zweiten Eichmann hervorgebracht zu haben, der es wert wäre, vor ein israelisches Gericht gestellt zu werden. Aber das ist auch nicht so wichtig. Zumindest hat jetzt einer weniger die Gelegenheit, diesem Vorbild weiter nachzueifern. Wenn das mal kein Fortschritt ist.

* Etwa im „Wikingerforum“ und im „Nationalen Forum Deutschland“, die hier nicht verlinkt werden sollen. Orthografie, Interpunktion, Grammatik etc. im Original.

Das mittlere Bild und die untere Fotomontage entstammen dem Weblog Verfolgerrevolver. Hattip: Christian Kretschi

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