Abschied von einer Lichtgestalt

Für Fußballtrainer gibt es wohl kaum etwas Unangenehmeres, als sich nach Niederlagen sofort den bohrenden Fragen der Medien zu stellen und dabei auch noch die Contenance bewahren zu sollen. Interviews und Pressekonferenzen finden ja für gewöhnlich nur wenige Minuten nach dem Schlusspfiff statt, zu einem Zeitpunkt also, da die sportlich Verantwortlichen selbst noch die Schlappe verarbeiten müssen und auf der Suche nach Erklärungen für sie sind. Ottmar Hitzfeld aber hat in solchen Situationen immer kontrolliert und beherrscht gewirkt; nie war er unhöflich oder gereizt, obwohl beim FC Bayern München jedes verlorene Spiel einen kleinen Weltuntergang bedeutet. Fast schon übermenschlich war es sogar, wie gefasst er nach dem längst zur Legende gewordenen Champions-League-Finale 1999 in Barcelona, das seine Mannschaft nach einer 1:0-Führung gegen Manchester United in der Nachspielzeit noch mit 1:2 vergeigte, vor die Kameras trat. Während der Klub und seine Anhänger von dem Schock noch wie gelähmt waren, gratulierte Hitzfeld dem Gegner, sprach über die Gründe für den Sekundentod und ging so rational wie nur irgend möglich mit dem eigentlich Unbegreiflichen um. Wenn es stimmt, dass sich wahre Größe erst im Moment der Niederlage zeigt, dann ist Ottmar Hitzfeld einer der Allergrößten.

Zwei Jahre später gewannen die Bayern schließlich doch noch die europäische Königsklasse, weil die denkbar schmerzhafte Pleite das Team nicht auseinanderdividierte, sondern im Gegenteil den berühmten Jetzt-erst-recht-Effekt auslöste. Und das war zweifellos zu einem maßgeblichen Teil ein Verdienst des Trainers, diesem „Meister der Dezenz, der Zurückhaltung und der Deeskalation“, wie ihn Dietmar Bruckner in der Zeit nannte. Überhaupt war er der optimale Coach für den Münchner Erfolgsklub, vor allem im Gespann mit Manager Uli Hoeneß: Während Hitzfeld den Medien gegenüber stets diskret, sachlich und reserviert auftrat und ihnen nie einen Anlass für Sensationsgeschichten bot, gab Hoeneß mit Leidenschaft den gefühlsbetonten Giftzwerg, den rauflustigen Rammbock, der alle Aufmerksamkeit auf sich zog und sie dadurch vom Trainer (sowie der Mannschaft) fern hielt, so gut es ging. Als es 2004 dann schließlich nicht mehr ging, weil die Elf unübersehbar stagnierte und ihr sportlicher Leiter die Magie von einst verloren zu haben schien, trennten sich die Bayern nach sechs Jahren von Ottmar Hitzfeld, wenig formvollendet und von Misstönen begleitet.

Nur zweieinhalb Jahre danach, im Februar 2007, saß er jedoch erneut auf der Bank des Rekordmeisters, denn sein Nachfolger Felix Magath hatte es trotz zweier Meisterschaften und Pokalsiege nicht geschafft, eine ähnliche Aura auszustrahlen oder gar eine eigene Ära zu begründen. Es war Hitzfelds Glück, dass die trotz seiner Wiederverpflichtung verkorkste Saison 2006/07 nicht ihm, sondern seinem Vorgänger angelastet wurde und der Klub zudem das Festgeldkonto plünderte, um mit gestandenen internationalen Kickern wie Ribéry, Toni und Klose den Erfolg zurückzuholen. Dass das zumindest auf nationaler Ebene gelang, lag nicht zuletzt an Hitzfelds ausgeprägter Fähigkeit, eine Ansammlung von eitlen und teuren Stars zu moderieren und sie auf ein Ziel einzuschwören. Dabei ließ er ihnen gewöhnlich all ihre Marotten und gewährte ihnen auch branchenunübliche Freiheiten, solange die Ergebnisse stimmten. Ein Disziplinfanatiker war der Lörracher nie und auch keiner, bei dem es Beschwerden über zu hartes Training gegeben hätte; seine Akzeptanz bei den Profis war durchweg unumstritten. Dass Hitzfeld besser mit „fertigen“ Spielern umgehen kann als Talente fördern, ist kein Geheimnis, sondern letztlich sein Erfolgsrezept; er ist weniger der klassische Fußballlehrer oder Taktikfuchs, sondern vor allem ein Stratege und Diplomat mit scharfem Verstand.

Wie stark er trotz seiner besonnenen und nüchternen öffentlichen Auftritte den Fußball lebt und wie sehr ihm dieses Geschäft zusetzt, spürte man gleichwohl vor allem in den letzten knapp eineinhalb Jahren. Hitzfelds Mienenspiel auf der Trainerbank war ein getreues Spiegelbild dessen, was seine Auswahl gerade auf dem Platz fabrizierte; die oft verkniffenen, gestressten Gesichtszüge hier und der erleichterte Jubel dort zeigten seinen jeweiligen Gemütszustand wesentlich deutlicher an als in seiner ersten Schaffensphase beim FC Bayern. Ottmar Hitzfeld litt sichtbar. Die Last für ihn war gerade in dieser Saison aber auch weitaus größer als zuvor schon, denn sowohl die Klubführung als auch das verwöhnte Publikum erwartete von ihm und seinem mit 80 Millionen Euro teuren Spielern verstärkten Ensemble nicht nur Titel, sondern außerdem berauschenden Fußball. Als es zum Ende der Vorrunde dann nicht mehr so rund lief wie noch zu Beginn und Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge den Coach mit einer spitzen Bemerkung anging, die auf Hitzfelds erlernte Tätigkeit als Lehrer abstellte („Fußball ist keine Mathematik“), zog der stets loyale 59-Jährige in der Winterpause die nachvollziehbare Konsequenz und teilte seinen Vorgesetzten mit, er werde seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängern.

Die Bayern präsentierten umgehend Jürgen Klinsmann als Nachfolger und lenkten so erfolgreich von der Debatte um ihren Noch-Trainer ab, hatten gleichzeitig aber ein Problem: Was, wenn die Mannschaft die Zügel in der Rückrunde schleifen lässt und die Vereinschefs dadurch in die Situation bringt, über eine vorzeitige Trennung von Hitzfeld nachdenken zu müssen? Das wäre in sportlicher wie in menschlicher Hinsicht ein Desaster gewesen und hätte nachhaltige Schäden zur Folge gehabt – aber es kam bekanntlich anders, und das spricht sowohl für die Charakterstärke und Professionalität der Spieler als auch für die Motivationsfähigkeit, Autorität und Respektabilität ihres Übungsleiters. Am Ende stand neuerlich der souveräne Gewinn von Meisterschaft und Pokal, und der Abschied war nicht nur versöhnlich, sondern auch hoch emotional. Dass die Tränen, die Ottmar Hitzfeld am vergangenen Samstag weinte, „Tränen des Glücks“ waren und gleichzeitig vom „Druck aus sieben Jahren“ zeugten, der nun vorüber ist, glaubt man ihm gerne.

Der Zeitpunkt der Trennung ist dabei sowohl für den FC Bayern als auch für Hitzfeld selbst ein günstiger: Der Trainer verlässt seinen langjährigen Klub als Double-Gewinner und nicht wie 2004 ohne Titel; ob die Liaison ein weiteres Jahr gehalten hätte, darf als fraglich gelten. Denn international wurden dem Verein einmal mehr seine Grenzen aufgezeigt, und dabei war nicht zu übersehen, dass die Mannschaft trotz der prominenten Neuzugänge erhebliche technische und taktische Defizite aufweist, die Hitzfeld zumindest mitzuverantworten hat. Zwar dominierten die Bayern die Bundesliga vor allem dank der individuellen Klasse ihrer Spieler; auf europäischer Ebene aber war der Klub nicht nur vom One-Touch-Fußball à la Manchester United oder FC Chelsea Lichtjahre entfernt, sondern auch vom schnellen Systemfußball, wie ihn Zenit St. Petersburg beispielsweise beim 4:0 im Rückspiel des UEFA-Cup-Halbfinals gegen die Münchner gezeigt hat. Ob Hitzfelds Erbe Jürgen Klinsmann diesbezüglich Entscheidendes bewegen kann, bleibt abzuwarten; seine Konzeption vom modernen Fußball geht jedenfalls erkennbar in diese Richtung.

Dessen ungeachtet wird Ottmar Hitzfeld nicht nur den Bayern-Fans fehlen, die ihn vor, während und nach seinem letzten Spiel für fünf deutsche Meisterschaften, drei Pokalsiege, den Gewinn der Champions League und des Weltpokals feierten. In der Schweiz wiederum freut man sich schon auf ihn, wenn er nach der Europameisterschaft im Sommer die „Nati“ übernimmt, um sich mit ihr für die Weltmeisterschaft 2010 zu qualifizieren. Und jede Wette: Das Double mit den Bayern wird nicht das Letzte sein, was der Meistertrainer in seiner Laufbahn gewonnen hat.

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