Merkaz Harav

Es war ein Akt vollendeter Barbarei, über die Tat hinaus: Am vergangenen Donnerstag ermordete Ala’a Hashem Abu Adhim* – ein zwanzig Jahre alter Berufsfahrer, der im Ostjerusalemer Stadtteil Jabel Mukaber lebte und eine israelische ID-Card besaß – mit einer Kalaschnikow acht Studenten der Yeshiva Merkaz Harav, einer jüdischen Religionsschule in der israelischen Hauptstadt. Zehn weitere verletzte er, vier davon schwer. Mehrere palästinensische Terrororganisationen, darunter die Hamas und der Islamische Djihad, begrüßten das Massaker ausdrücklich; im Gazastreifen feuerten Bewohner Freudenschüsse ab und verteilten Süßigkeiten. Die Familie des Mörders errichtete ein so genanntes Trauerzelt für Abu Adhim und drapierte es mit Fahnen der Hamas und der Hizbollah, die auf Geheiß der israelischen Behörden inzwischen entfernt wurden.

Dass bei dem Mordanschlag nicht noch mehr Menschen getötet wurden, ist vor allem dem entschlossenen Handeln von David Shapira zu verdanken: Der 29-jährige Einsatzoffizier eines Fallschirmjäger-Bataillons hörte die Schüsse in der unweit seiner Wohnung gelegenen Yeshiva, nahm seine Waffe und lief zu der Schule. Polizeibeamte wollten ihn dort vom Betreten des Gebäudes abhalten, doch Shapira schob sie zur Seite und machte den Attentäter mit mehreren Schüssen unschädlich. Das anschließende Lob für sein couragiertes Einschreiten – das ihm unter anderem durch den Generalstabschef der israelischen Armee, Gabi Ashkenazi, und durch den Jerusalemer Bürgermeister Uri Lupolianski zuteil wurde – wehrte Shapira ab: „Ich bin kein Held. Ich habe gehandelt, wie es von mir als Soldat der IDF verlangt wird.“

Für die israelische Tageszeitung Haaretz sprachen Nadav Shragai, Yair Ettinger und Anshel Pfeffer mit Angehörigen und Freunden der acht Ermordeten über die Opfer, die zwischen 15 und 26 Jahre alt waren. Im Folgenden sollen ins Deutsche übersetzte Auszüge der auf diese Weise entstandenen Kurzporträts dokumentiert werden.**

Doron Meherete (26), Ashdod
Doron kam 1991 im Zuge der Operation Solomon aus Äthiopien nach Israel und studierte seit neun Jahren an der Yeshiva. Dort war er bekannt für seinen scharfen Verstand und seine Liebenswürdigkeit. Er forderte andere intellektuell heraus und war jederzeit hilfsbereit. Darüber hinaus war er in einem Projekt aktiv, das Kinder äthiopischer Immigranten nach Schulschluss betreut. Vor drei Jahren kam Doron zur Armee […] und kämpfte als Reservist im Zweiten Libanonkrieg. Er wollte Rabbi werden und hatte bereits einen Teil seines Examens absolviert. Hunderte kamen am Freitag zu seinem Begräbnis in Ashdod. Doron hinterlässt seine Eltern und sechs Geschwister.

Avraham David Moses (16), Efrat
Avraham hinterlässt fünf Brüder im Alter zwischen zwei und elf Jahren. Seine Eltern ließen sich scheiden, heirateten andere Partner und leben unweit voneinander in Efrat. Avrahams Vater erinnerte sich beim Begräbnis daran, wie ihn sein Sohn am Samstag zuvor besucht hatte. […] „Du warst kein Kämpfer, sondern ein liebender Mensch – du liebtest die Torah und das Studium der Torah. Und dein Leben endete während dieses Torahstudiums.“ […] Als Avrahams Eltern von dem Attentat hörten, versuchten sie, ihren Sohn zu erreichen, doch Avraham hatte kein Handy. Sie riefen sämtliche Krankenhäuser in Jerusalem an. Als keines davon ihn als Patienten führte, wurde ihnen klar, dass sie ihren Sohn verloren haben.

Neria Cohen (15), Jerusalem
Neria, der am Freitag auf dem Ölberg-Friedhof seine letzte Ruhe fand, wuchs im Muslimischen Viertel der Altstadt Jerusalems auf. Er war eines von zwölf Kindern der Eltern Ayala und Yitzhak. Nerias Vater ist Rabbi an der Yeshiva Esh HaTorah in Jerusalem. […] Viele in Nerias Familie nehmen an Programmen teil, die religiöse Studien mit Vor-Ort-Einsätzen und Bildungsmaßnahmen in ärmeren Städten und Ortschaften verbinden. […] „Nerias herausragende Eigenschaft war seine grenzenlose Freude. Jeder war gerne in seiner Nähe“, sagte Eliezer Avni, ein beratender Lehrer an der Yeshiva Merkaz Harav, wo Neria studierte. […]

Segev Pniel Avichail (15), Neveh Daniel
Segev, der am Freitag auf dem Friedhof Har Hamenuhot begraben wurde, war der Enkel zweier bekannter Rabbis, nämlich von Rabbi Eliahu Avichail – der sich während seines Studiums mit den zehn verlorenen Stämmen Israels und ihrem Verschwinden beschäftigte – und von Rabbi Yehoshua Zuckerman, Gründer der El Ami-Bewegung und Lehrer an der Yeshiva Har Hamor. Segevs Vater, Rabbi Elishav Avichail, ist der Rabbi von Adora; seine Mutter Moriah war Leiterin einer Kunstschule für Mädchen. Vor einigen Jahren überstanden Segev und sein Vater unverletzt einen bewaffneten Angriff. Segev war das älteste von vier Kindern. Ein Onkel beschrieb ihn als „ernsten Studenten; er war eine reine Seele mit einem guten Herz“.

Yohai Livshitz (18), Jerusalem
Yohai war das zweite von sechs Kindern. Sein Vater Tuvia ist Supervisor an der Kotel-Yeshiva in Jerusalem, seine Mutter Zofiya Lehrerin. Die Familie lebt im Jüdischen Viertel der Jerusalemer Altstadt. […] Zvi Yehuda Herling, einer der Ausbilder an der Kotel-Yeshiva, wusste über Yohai: „Er hatte den Wunsch, seine eigene Wahrheit zu suchen.“ […] Beim Begräbnis sagte Yohais Vater: „Danke für alles, was du in 18 Jahren getan und gegeben hast.“ Und Yohais Vetter Jonathan Kelerman beschrieb ihn mit den Worten: „Er war eine gute Seele mit einer außergewöhnlichen Fähigkeit, die Torah zu studieren. Diesem Studium ging er in der Bibliothek nach, bis zu seinem Tod.“

Yehonadav Haim Hirshfeld (19), Kochav Hashachar
Yehonadav war das fünfte von 13 Kindern einer der ältesten Familien in Kochav Hashachar. […] Sein Vater Zemah arbeitet als Mohel, seine Mutter Elisheva ist Hausfrau. Haya Meir, ein Nachbar, beschreibt Yehonadav als „talentierten jungen Mann mit einem breiten Horizont; er war intelligent und ein anerkannter Guide in der Ariel-Jugendbewegung“. Als die Eltern von dem Terroranschlag hörten, versuchten sie, ihren Sohn zu kontaktieren. Aber er besaß kein Handy, und auch unter der Rufnummer der Yeshiva für Notfälle war nichts zu erfahren. Daher suchten Verwandte der Hirshfelds nach Yehonadav. Von seinem Tod erfuhr die Familie schließlich nach Mitternacht durch einen Rabbi.

Yonatan Yitzchak Eldar (16), Shiloh
[…] „Normalerweise hält man jemanden, der schon in jungen Jahren so stark ins Torahstudium vertieft ist, für einen Spießer, aber Yonatan war überhaupt keiner“, sagte Rabbi Uri Bayar, Erzieher in Shiloh und ein Freund der Familie Eldar. „Er war voller Lebensfreude und hatte viele Interessen.“ Nach dem Begräbnis in Shiloh trafen sich Yonatans Freunde und sprachen über ihn und seine Vorliebe für das Wandern, und sie erinnerten sich daran, dass er durch ein Buch lernte, wie man sich dabei orientiert. Yonatan hatte sechs Brüder und eine Schwester. Sein Vater Dror arbeitet in der High-Tech-Branche, seine Mutter Avital ist Lehrerin.

Roee Roth (18), Elkana
Seine Freunde beschreiben Roee als sehr gläubigen Menschen. […] „Er betete lange und laut, und jeder in der Beth midrash konnte sein ‚Amen’ hören“, sagte Menashe Zimmerman, ein Freund und Mitstudent. „Er kam nach seinen Gebeten immer spät zum Essen.“ […] Roee entdeckte seine Religiosität während seiner Zeit in der High School. In der elften Klasse hörte er sogar mit der Kampfsportart Jujitsu auf, in der er Inhaber des Braunen Gürtels war, weil er mehr Zeit fürs Studieren haben wollte. Roee war der Sohn von Orly und Yaakov Roth und hatte vier Geschwister.

* Zunächst war in verschiedenen Medienberichten von zwei Attentätern die Rede, doch das erwies sich als Falschmeldung.
** Übersetzung: Lizas Welt – Bildquelle: All4Israel

Hattip: Spirit of Entebbe Oberes Foto: Trauernde umringen die Särge der acht Ermordeten vor der Yeshiva Merkaz Harav in Jerusalem.

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