Runder Tisch mit Mahler

Da staunt der Fachmann, und der Wunde laiert sich: Ein prominenter Jude, Michel Friedman nämlich, schlägt sich für das Magazin Vanity Fair volle zwei Stunden lang mit einem prominenten Neonazi in Person von Horst Mahler herum. Nur verbal, versteht sich, denn Friedman hält es „für wichtig, dass man nicht nur über diese Leute spricht, sondern exemplarisch auch mit ihnen“, und zwar, „um sie sich selbst demaskieren zu lassen“ und „damit sie ihre hässliche Fratze zeigen und wir sie uns vor Augen halten“. Die Redaktion der Zeitschrift findet, dass dieser Plan voll aufgegangen ist: „Wir veröffentlichen dieses Interview, weil wir glauben, dass es eine bessere Bloßstellung der deutschen Rechtsextremen nie gegeben hat.“ Die Selbstauflösung der NPD infolge einer Austrittswelle ungeahnten Ausmaßes dürfte also nur noch eine Frage der Zeit sein. Und sollte sie doch länger auf sich warten lassen als geplant, weil ein paar Verfassungsschützer um ihren Arbeitsplatz fürchten, muss Friedman halt noch einmal ran, am besten am runden Tisch mit den Herren Apfel und Voigt sowie ein paar Kadern der Freien Kameradschaften.

Im Ernst: Selten war ein Skandal so inszeniert und so langweilig. Wer Mahler (Foto) ist und wie er tickt, ist mehr als hinlänglich bekannt. Wer das bislang trotzdem nicht wusste, wollte es auch nicht wissen. Bloßzustellen oder zu demaskieren gibt es bei ihm nichts, weil er sich nie eine Maske aufgesetzt hat, sondern seit jeher sagt, was er denkt, und denkt, was er sagt. Dafür hat er ein paar Mal im Knast gesessen und seine Zulassung als Anwalt verloren, und noch nicht einmal Mahler selbst behauptet, missverstanden worden zu sein. Es gibt keinen vernünftigen Grund, mit Nazis zu reden; wichtig ist alleine, sie daran zu hindern, das zu tun, was sie tun, wenn man sie nicht daran hindert. „Ob man sie dafür einsperrt oder sie dafür auf den Obduktionstisch gelegt werden müssen, ist mir gleich“, schrieb Wiglaf Droste einmal, und er hatte damit Recht. Friedmans Brachialpädagogik hingegen läuft ins Leere; was bleibt, sind letztlich zehn Druck- und 28 Online-Seiten, die den Leser zum Voyeur eines gewollten Tabubruchs machen und ihm dadurch Lustgewinn verschaffen sollen.

Denn der Erkenntnisgewinn aus der Unterhaltung tendiert gegen null. Von Interesse – wenn auch nicht wirklich neu – sind allenfalls Mahlers Ausführungen zu den Kontinuitäten in seinem biografischen Werdegang vom führenden RAF-Mitglied zu einem der bekanntesten deutschen Rechtsradikalen und der diesbezüglichen Rolle des Antisemitismus. „War die RAF, was Ihre [Mahlers] Positionen angeht, dass die Juden des Teufels sind, waren Andreas Baader, Ensslin, Meinhof auch Ihrer Meinung, damals schon?“, will Friedman wissen, und Mahler antwortet: „Ja, sicher“, bevor er präzisiert: „Für uns war damals der Begriff ‚der US-Imperialismus’, und jetzt sieht man klarer, was der US-Imperialismus ist, und insofern: Der Feind ist derselbe.“ Nur habe die RAF seinerzeit „ein Schuldgefühl gegenüber den Juden“ gehabt und sei deshalb „peinlich berührt“ gewesen, „als in Palästina, als wir da in diesem Lager der Fedajin waren, die Fedajin kamen mit Hitlerbildern und sagten: Guter Mann“. Das „war für uns schwierig“.

Doch nichts ist unmöglich, denn man hatte vorgesorgt: „Damals war das, was Sie jetzt unter Antijudaismus verstehen, der Antizionismus und die Kritik an der Politik Israels als eines jüdischen Staates im Verhältnis zu seinen Nachbarn. Das war uns präsent, und insoweit sind wir dann auch in der Kritik an den Juden sehr weit gegangen für damalige Verhältnisse.“ Mit anderen Worten: Weil der offene Antisemitismus zumindest offiziell desavouiert war, mussten andere Kanäle gefunden werden, und wer wäre für diese Suche geeigneter gewesen als Linke, die stets von sich behaupteten, den Judenhass entschieden zu bekämpfen, und daher unverdächtig schienen? Eine komfortable Situation jedenfalls, die Mahler – und nicht nur er – zu nutzen wusste: „Ich muss Ihnen sagen, weswegen ich […] in diese Entwicklung RAF eingetreten bin, weil im jüdischen Gemeindehaus am 9. November 1969 eine Plastikbombe, also ‚Pattex-Bombe’, gefunden wurde. […] Eine Gruppe, die ich kannte, hat sie dort deponiert, um gegen Israel zu demonstrieren. Und dann habe ich gesagt: ‚Das geht nicht, das ist ein völlig falscher Weg. Mit unserer Vergangenheit können wir das nicht machen.’ Und dann habe ich also meine Vorstellungen entwickelt, wie man es machen müsste, und dann hat mein Gesprächspartner gesagt: ‚Ja, wenn du das so weißt, warum tust du es nicht?’ Das war für mich praktisch zwingend der Befehl, es zu tun.“

Folgerichtig nahmen er und Seinesgleichen – aus taktischen Erwägungen heraus – nicht mehr jüdische Einrichtungen in Deutschland ins Visier, sondern man suchte verstärkt die Kooperation mit den Feinden Israels im arabischen Raum. Als Konsequenz daraus verglich die RAF den jüdischen Staat immer häufiger mit dem nationalsozialistischen Deutschland, begrüßte die Ermordung israelischer Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München als „antifaschistische Tat“, ließ sich von arabischen Israelfeinden militärisch ausbilden und führte gemeinsam mit palästinensischen Terroristen Flugzeugentführungen durch, um nur einige Beispiele zu nennen. Inhaltlich, sagt Horst Mahler, habe er damals wie heute „immer für dasselbe“ gekämpft: „für die Freiheit des deutschen Volkes“. Nur habe die „jüdische Gräuelpropaganda gegen das deutsche Volk“ heute „keine Macht mehr“ über ihn. Und deshalb spart er es sich inzwischen, seinen Antisemitismus hinter einer „Israelkritik“ zu verstecken wie noch zu seinen RAF-Zeiten.

In gewisser Weise konnte sich Mahler also stets als Teil einer Avantgarde und seiner Zeit voraus fühlen. Denn heute ist der Antizionismus hierzulande Mainstream. Und auch wenn er sich nicht in dem Maße gewaltsam Bahn bricht wie in den siebziger Jahren und sich meist nicht offen als Bestandteil des „Kampfes für die Freiheit des deutschen Volkes“ ausweist: Dass die Feinde des jüdischen Staates von der Hamas über die Hizbollah bis zu den iranischen Mullahs mit viel Verständnis, teilweise sogar mit offener Sympathie bedacht werden und dass der Vergleich Israels mit Nazideutschland sich ausgesprochen großer Beliebtheit erfreut, zeigt, dass der Antisemitismus längst nicht nur eine Angelegenheit von Desperados ist. Doch auch für diese Einsicht bedarf es keines Interviews mit einem Neonazi. Und von Friedman intendiert war sie ohnehin nicht.

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