Der Münchner Messi?

Was sich da am Donnerstag vergangener Woche im Belgrader Marakana-Stadion zutrug, war eine dieser Geschichten, die, wie es so schön heißt, nur der Fußball schreibt: Zehn Minuten vor Schluss drohte dem Starensemble des FC Bayern München die erste Niederlage der Saison, und das auch noch im ohnehin nicht sonderlich geliebten Uefa-Pokal. Es stand 2:1 für Roter Stern, und wenig sprach dafür, dass der deutsche Rekordmeister die Partie auf kräftezehrendem Geläuf vor 40.000 fanatischen Zuschauern noch drehen kann. Normalerweise wäre das jetzt der Zeitpunkt gewesen, einen erfahrenen, routinierten Spieler in die Schlacht zu werfen, der weiß, wie die Kohlen aus dem Feuer zu holen sind. Allein: Da saß keiner mehr auf der Bayern-Bank, der diesen Anforderungen entsprach. Also brachte der Münchner Trainer Ottmar Hitzfeld sein Kronjuwel: Er schickte den 17-jährigen Toni Kroos aufs Feld, unbestritten ein Supertalent, aber im Profigeschäft noch völlig grün und nur mit einer Sondergenehmigung spielberechtigt. Sonderlich riskant war dieser Einsatz dennoch nicht, denn niemand erwartet von einem Minderjährigen in einer solchen Situation Wunderdinge.

Doch dann geschah das, womit vermutlich selbst die optimistischsten Bayern-Fans nicht gerechnet hatten: Die Einwechslung von Kroos (Foto) wurde zur spielentscheidenden Maßnahme. In der 86. Minute zirkelte er einen Freistoß dermaßen exakt auf Miroslav Klose, dass der sich den Luxus leisten konnte, den Ball noch nicht einmal besonders genau zu treffen, sondern ihn nur irgendwie halb mit der Schulter, halb mit dem Kopf Richtung Belgrader Tor zu befördern: 2:2. In der Nachspielzeit trat Kroos erneut einen Freistoß, fast von der gleichen Stelle wie Minuten zuvor. Diesmal flog der Ball flach aufs Gehäuse der Gastgeber zu, nicht sonderlich scharf oder hart, aber mit reichlich Spin. Niemand berührte ihn mehr, auch nicht der Belgrader Torwart, der eine ausgesprochen unglückliche Figur abgab – 3:2 für die Bayern. Sekunden später war das Spiel zu Ende, und die Münchner Kicker wussten, bei wem sie sich für die drei Punkte letztlich zu bedanken hatten.

Bayern-Manager Uli Hoeneß wusste das eigentlich auch und dürfte sich nach dem Schlusspfiff noch einmal selbst dafür gratuliert haben, den jungen Mann im Sommer 2006 für 100.000 Euro aus der B-Jugend von Hansa Rostock an die Isar geholt und dabei Mitbewerber wie Schalke, Bremen, Stuttgart und sogar Chelsea aus dem Weg geräumt zu haben. Vor allem aber weiß er, wie das mediale Geschäft funktioniert und welche Schlagzeilen nach dem furiosen Kurzauftritt seines Nachwuchsstars zu erwarten waren: Ein 17-jähriger bewahrt den Münchner Erfolgsklub bei einem internationale Auftritt vor einer unangenehmen Niederlage – das fand der Stern „‚Kroos’-artig“ und der Berliner Kurier „Krooses Kino“; die Süddeutsche Zeitung ernannte Kroos gar zum „bayerischen Raúl“, obwohl der Vergleich mit Barcelonas Lionel Messi weitaus näher liegt.

Hoeneß jedoch passten derlei Elogen gar nicht, weil er fürchtete, dass der neuerliche Hype dem zum besten Spieler der kürzlich ausgetragenen U17-Weltmeisterschaft Gewählten schaden könnte. Daher spielte er dessen Leistung im Uefa-Pokal gezielt herunter und tat schließlich dem kicker gegenüber kund: „Es ist ein Witz, was mit Kroos gemacht wird. Ich habe bei Sebastian Deisler erlebt, was passieren kann, wenn man die Jungs zu sehr hochlobt und ihnen damit zu viel Druck macht.“ Deisler beendete Anfang dieses Jahres seine Karriere, weil er sich völlig überfordert fühlte und an Depressionen litt. „Allerdings ist Kroos stabil“, schränkte Hoeneß ein. „Und er hat Qualitäten.“

Trotzdem gibt es für ihn ein grundsätzliches Interviewverbot, das nur selten – und dann auch nur sehr kurzzeitig – aufgehoben wird. „Eine sehr fürsorgliche Abmachung ist das, die der FC Bayern da getroffen hat, das Problem ist nur, dass sich der Fürsorgebedürftige selbst nicht dran hält“, lästerte die Süddeutsche Zeitung bereits im September, nachdem Toni Kroos nach seiner späten Einwechslung im Bundesligaspiel gegen Energie Cottbus mit seinen so unberechenbaren wie genialen Flanken zwei Tore vorbereitet hatte. Wenn er immer so spiele, „wird es keine Menschenrechtsorganisation auf der Welt verhindern können, dass über diesen kapitalen Knaben berichtet wird“, schrieb das Blatt.

Und in der Tat stellt sich die Frage, wie die Bayern es auf Dauer bewerkstelligen wollen, Kroos vor der sensationslüsternen Medienlandschaft abzuschirmen. Dies umso mehr, als maßgebliche Angehörige des Klubs selbst in den höchsten Tönen von ihm schwärmen. Miroslav Klose etwa, bislang Hauptprofiteur von Kroos’ Vorlagen, attestierte seinem Mitspieler bereits „Weltklasse“ und war von dessen Wirken in Belgrad begeistert: „Ich kann Toni nicht genug loben. Ich weiß nicht, wie ich mit 17 hier aufgetreten wäre.“ Kollege Lúcio zog einen internationalen Vergleich: „In Brasilien ist es gang und gäbe, dass so junge Spieler in die Mannschaft eingebaut werden.“ Trainer Ottmar Hitzfeld prophezeite, Kroos werde gewiss Nationalspieler. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge konstatierte gar: „Der hat ein Bewegungstalent, wie es bei uns vielleicht nur noch ein Frank Ribéry hat.“ Und Manager Hoeneß höchstselbst ist es, der dem Hochtalentierten die für den Spielmacher vorgesehene, begehrte Rückennummer „10“ reservieren will. Derzeit trägt Kroos noch die bedeutungslose „39“.

Vorerst soll der Jungstar allerdings bei der zweiten Mannschaft des FC Bayern in der Regionalliga Spielpraxis sammeln, nachdem er in der vergangenen Saison noch in der Juniorenmannschaft der Münchner kickte. Deren Verantwortliche lassen keinen Zweifel daran, dass ihr Schützling einmal Großes leisten wird und auch charakterlich alle Voraussetzungen dafür mitbringt. Als „einen vernünftigen Mann, der fest auf dem Boden steht“, qualifizierte ihn beispielsweise Jugendleiter Werner Kern. „Er ist intelligent, bescheiden und klar strukturiert.“ Auch Bayerns A-Junioren-Coach Kurt Niedermayer befand: „Toni ist kein Spinner oder Träumer. Er ist ein bodenständigen Typ, der die Dinge nicht überbewertet.“ Sondern stattdessen seine sportlichen Stärken einbringt: „Er setzt ständig Akzente nach vorne, er hat einen guten Schuss, ein gutes Auge, ist ballsicher und spielstark.“ Seine Pässe sind zentimetergenau, und seine Übersicht ist bereits erstaunlich entwickelt. In jedem Fall ist der gebürtige Greifswalder Bayerns jüngster Bundesligaspieler aller Zeiten, und er vermittelt in seinen seltenen Interviews eher nicht den Eindruck, dass ihm der Rummel zu Kopfe steigt.

Falls aber doch, hat sein Mannschaftskollege Mark van Bommel ein probates Mittel zur Hand, um Toni Kroos, der sich von seinem Vater managen lässt, wieder auf Normalmaß zu reduzieren: „Wir haben eine gute Kabine“, verriet der Niederländer, „damit er bei uns bleibt, wenn er tatsächlich ein wenig überheblich werden sollte. Und wenn er etwas falsch macht, setze ich ihn neben Olli.“ Oliver Kahn nämlich. Das allerdings wäre die Höchststrafe. Kroos wird sich das mit Sicherheit gut überlegen.

YouTube: Toni Kroos in Aktion

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