Comebacks auf Herz und Niere

Der Pokal hat seine eigenen Gesetze, lautet eine Fußballbinse, die abgedroschen zu nennen noch stark untertrieben wäre. Doch in der vergangenen Woche wurde sie mit neuem Leben gefüllt, und zwar im Wortsinn. Denn bei den DFB-Pokalspielen der ersten und zweiten Mannschaft von Werder Bremen ereignete sich wirklich Außergewöhnliches: Zunächst gab Ivan Klasnić (27) sein Comeback, der erste Profi, der mit einer Spenderniere spielt. Tags drauf kam dann Jairo Mosquera (19) zum Einsatz, knapp vier Monate nach einem Herzstillstand. Und beide Spieler konnten sich nicht nur über ihre Rückkehr auf den Platz freuen, sondern auch noch über sportliche Erfolge: Klasnić warf mit dem Regionalligateam des SV Werder den Zweitligisten FC St. Pauli aus dem Wettbewerb; Mosquera erzielte beim 4:0-Sieg der Bremer Bundesligaelf gegen den MSV Duisburg sogar ein Tor.

Der Leidensweg des Ivan Klasnić (Foto) begann im November 2005: Während einer Blinddarmoperation wurden schlechte Nierenwerte festgestellt, die sich schließlich zu einer Niereninsuffizienz ausweiteten. Eine Transplantation war deshalb unausweichlich, doch der erste Versuch im Januar 2007 schlug fehl: Der Körper stieß das Organ ab, das von Klasnićs Mutter gespendet worden war. Zwei Monate später lag der Angreifer erneut auf dem Operationstisch; nun war es eine Niere seines Vaters, die ihm eingepflanzt wurde. Und diesmal verlief die Prozedur erfolgreich. Dennoch war es völlig ungewiss, ob Klasnić jemals wieder Fußball spielen können würde. Die Medikamente schwemmten seinen Körper auf; einen ersten Belastungstest beim früheren Nationalmannschafts-Arzt Wilfried Kindermann bestand er nicht. Doch Klasnić dachte nach eigener Auskunft nie daran, mit dem Kicken aufzuhören, und auch sein Klub unterstützte ihn nach Kräften, nicht zuletzt durch die Vertragsverlängerung im vergangenen Sommer.

Am Dienstag letzter Woche feierte der kroatische Nationalspieler dann nach monatelanger Schinderei in der Reha – für ihn „die härteste Zeit meines Lebens“ – sein Comeback. Noch nicht bei den Profis, sondern „nur“ in Werders Reserve, dafür aber gleich in einem Pokalspiel, bei dem nur der Sieger eine Runde weiterkommt. Und das Match war noch aus einem anderen Grund ein ganz besonderes. Denn der Gegner der Bremer war der FC St. Pauli – jener Verein, bei dem Klasnić als Fußballer groß geworden war und für den er sieben Jahre lang spielte, bis er 2001 an die Weser wechselte. „Es ist wie ein Kreis“, sollte er später sagen, „ich habe bei St. Pauli angefangen als Profi und bin als neugeborener Fußballer gegen St. Pauli zurückgekehrt“. 15.000 Zuschauer kamen ins Stadion, und dass sich ein nicht geringer Teil davon wegen Klasnić ein Ticket gekauft hatte, ist durchaus keine allzu kühne Behauptung. Denn nicht nur die Bremer Fans feierten ihn mit „Ivan, Ivan“-Sprechchören, sondern auch die etwa zehntausend Anhänger des Hamburger Kiezklubs.

2:2 stand es nach 90 Minuten und auch nach der 30-minütigen Verlängerung, was für die eine Klasse tiefer spielende Zweitvertretung des SV Werder bereits ein beachtlicher Erfolg war. Der Rückkehrer hatte beide Bremer Tore eingeleitet; „ansonsten war vom ‚neuen Klasnić’ zu sehen, was man vom ‚alten’ noch kennt“, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Die meiste Laufarbeit überließ er den anderen, aber dafür macht ihm beim Dribbling und bei der Ballbehandlung nach zehn Monaten Pause schon wieder kaum jemand etwas vor.“ Nach 67 Minuten wurde er unter den Ovationen des Publikums ausgewechselt und feuerte seine Mannschaft anschließend von der Bank aus an. Mit Erfolg: Sie gewann das Elfmeterschießen und kam dadurch eine Runde weiter. „Als die Fans meinen Namen gerufen haben“, sagte Klasnić nach dem emotionalen Spiel, „hätte ich weinen können. Es hat schon beim Einlaufen überall gekribbelt“.

Nun will der Stürmer so bald wie möglich auch wieder für Werders Profimannschaft auflaufen. Deren Trainer Thomas Schaaf steht diesem Ansinnen zwar grundsätzlich positiv gegenüber, will aber zugleich nichts überstürzen: „Wir setzen Ivan nicht unter Druck und geben ihm die Zeit, die er braucht.“ Der Coach weiß, dass sein ehrgeiziger Spieler dauerhaft auf einem schmalen Grat wandelt. Morgens und abends muss Klasnić Tabletten nehmen, die verhindern, dass die Niere erneut abgestoßen wird. „Diese starken Medikamente haben erhebliche Nebenwirkungen“, erläutert Professor Jürgen Klempnauer von der Medizinischen Hochschule Hannover, der Klasnić operierte und ihn auch weiterhin betreut. Doch ansonsten hat der Mediziner keine Einwände gegen eine Fortsetzung der sportlichen Karriere seines Patienten – auch deshalb, weil der einen Glasfiberschutz trägt, der das Spenderorgan vor Schlägen oder Tritten schützt. „Ein Restrisiko bleibt“, sagt Klempnauer, „aber das ganze Leben ist eine Folge von Risiken“.

Am Tag nach Klasnićs Comeback erlebten die Zuschauer im Bremer Weserstadion dann die nächste Rückkehr eines Spielers, mit der nicht unbedingt zu rechnen war. Genau genommen war es sogar ein Debüt. Denn obwohl Jairo Mosquera (Foto) seit 2005 bei Werder unter Vertrag steht, hatte er bis dato noch kein Spiel für den Klub absolviert und war zwischenzeitlich an den dänischen Erstligisten Sonderjyske sowie den damaligen Zweitligisten Wacker Burghausen ausgeliehen worden. Bei Carl Zeiss Jena hatte der Kolumbianer im Sommer dieses Jahres zudem ein Probetraining bestritten und dabei während eines Waldlaufs plötzlich einen Schwächeanfall erlitten, in dessen Folge sein Herz mehrere Sekunden lang still stand. Doch auch Mosquera kehrte auf den Fußballplatz zurück. „Geholfen hat mir dabei die Geschichte mit Ivan Klasnić“, sagte er. „Zu sehen, wie er sich rangekämpft hat, war eine unheimliche Motivation für mich.“ Sein Einstand verlief nach Maß: Im Pokalspiel gegen den MSV Duisburg in der 80. Minute eingewechselt, erzielte er acht Minuten später das Tor zum 4:0-Endstand und war anschließend „überglücklich, dass ich gespielt und auch noch getroffen habe“. Mosqueras Zukunft in Bremen ist jedoch ungewiss, denn der Verein überlegt, ihn erneut auszuleihen.

Ivan Klasnić hingegen kann sich sicher sein, bei Werder bleiben zu dürfen. Bis zu seinem ersten Einsatz bei den Profis seit dem 17. Dezember 2006 werden zwar noch ein paar Tage vergehen. Aber einstweilen bleiben ihm ja die Spiele mit dem Reserveteam. Dort musste er am vergangenen Sonntag in der Partie gegen die zweite Mannschaft von Energie Cottbus nach 32 Minuten ausgewechselt werden. Aber nicht, weil ihm seine Niere ein Problem bereitete, sondern wegen einer Oberschenkelverletzung. Das dürfte allerdings ein vergleichsweise komfortables Problem für ihn gewesen sein.

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