Drah di net um

Im Grunde genommen muss man mit Mohammed el-Baradei fast schon Mitleid haben. Da bekommt er vor zwei Jahren samt seiner Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) den Friedensnobelpreis geschenkt, aber die damit für gewöhnlich einhergehenden globalen Respektsbezeigungen wollen sich einfach nicht einstellen, weder in moralischer noch in politischer Hinsicht. So richtig ernst nimmt den Ägypter kaum jemand – und das hat seine Gründe, deretwegen die potenzielle Anteilnahme an seinem Schicksal rasch einer veritablen Fassungslosigkeit weicht: Was der Generaldirektor der IAEA im Zuge seiner Ermittlungen in atomar ambitionierten Staaten wie dem Iran oder Syrien allen Ernstes für taktisches Geschick hält, entpuppt sich nämlich regelmäßig als fast schon kindliche Naivität. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch seine aufgeregt-moralinsauer vorgetragenen Anklagen den USA und Israel gegenüber, die hart erkämpfte Fortschritte unentwegt sabotierten, wo nicht gar vollständig zuschanden ritten.

Dieser Tage ist el-Baradei (Foto) wieder verstärkt in den Medien präsent, und er wirkt dabei neuerlich wie ein eitler Dorfpolizist, der sich einbildet, seinen Pappenheimern schon irgendwie beikommen zu können – auf Augenhöhe sozusagen –, und der partout nicht einsehen will, dass es sich bei den vermeintlichen Kleinkriminellen in Wirklichkeit um gemeingefährliche Kaliber handelt, die ihn bloß an der Nase herumführen und bei denen deshalb ganz andere Maßnahmen geboten sind als der erhobene Zeigefinger. Also empört sich der IAEA-Chef darüber, dass Israel Anfang September einfach eine Atomanlage in Syrien buchstäblich dem Erdboden gleich machte, wo seiner Behörde doch gar keine Erkenntnisse über ein solches nukleares Bauwerk vorlagen. „Wenn irgendjemand auch nur die kleinste Information über irgendetwas Atomares hat, würden wir das natürlich gerne untersuchen“, offenbarte el-Baradei der französischen Tageszeitung Le Monde seine Träume. „Offen gesagt: Ich wage zu hoffen, dass Menschen ihre Sorgen erst uns übermitteln, bevor sie sich entscheiden, Bomben zu werfen und Gewalt anzuwenden.“

Doch weder Syrien noch Israel oder die USA taten dem Mann diesen pazifistischen Gefallen – die einen, weil sie ihre Atompläne so ungestört wie möglich verfolgen wollen, die anderen, weil sie wissen, dass weder die IAEA noch die Uno wirkungsvolle Konsequenzen folgen lassen würden und dass die Zeit drängt. El-Baradeis Groll richtete sich jedoch vor allem gegen letztere, denn die hatten nicht bloß eine Nuklearanlage in Schutt und Asche gelegt, sondern vor allem sein schönes pädagogisches Konzept: „Als die Israelis 1981 Saddam Husseins Atomreaktor zerstörten, war die Konsequenz, dass Saddam sein Programm geheim weiterführte. Er begann, ein riesiges militärisches Atomarsenal unterirdisch aufzubauen. Die Anwendung von Gewalt kann die Dinge verzögern, aber sie geht nicht an die Wurzeln des Problems.“ Ganz im Gegensatz zu den Vereinten Nationen oder der IAEA, versteht sich, die bekanntlich kurz davor waren, ganz friedlich den Irak zu entatomisieren, und die auch jetzt wieder im Begriff sind, Nordkorea, Syrien und natürlich insbesondere den Iran mit aller Macht von ihren nuklearen Ambitionen abzuhalten.

Und el-Baradei war noch nicht fertig: Er warf Israel „Selbstjustiz“ vor und klagte, weder der jüdische Staat noch die USA hätten „irgendeinen Beweis“ dafür vorgelegt, dass es sich bei dem in Syrien bombardierten Standort um eine Atomanlage handelte. „Das quält mich sehr“, sagte er. Dass seine Pein geringer geworden ist, nachdem der ehemalige Uno-Atominspekteur David Albright und sein Kollege Paul Brannan in einem fünfseitigen Papier die gewünschten Belege lieferten, darf man wohl bezweifeln. Denn der IAEA-Frontmann leidet vor allem darunter, dass seine Autorität von kaum jemandem anerkannt wird. Was aber bleibt einem, der einmal mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wurde? Die Flucht nach vorne, stets dem Motto treu, dass sich’s gänzlich ungeniert lebt, wenn der Ruf erst einmal ruiniert ist: „Wir haben Informationen, dass es möglicherweise Studien über eine atomare Bewaffnung gegeben hat“, ließ sich el-Baradei, ja doch, todesmutig über die nuklearen Vorhaben der iranischen Mullahs aus – um sogleich schnell wieder zurückzurudern: Man habe weder Hinweise darauf, dass der Iran das nötige Material besitze, noch dass es ein aktives Atomwaffenprogramm gebe. Abgesehen davon führe die Rhetorik der USA „nur zu einer Zuspitzung des Konflikts“, was letztlich „in eine Katastrophe führen“ könne.

Das ist die Logik des Dorfpolizisten, nach der die Welt ein Hort des Friedens wäre, wenn bloß alle auf ihn hörten. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus, und deshalb ist „ein Kommissar, dessen Ermittlungsarbeit nur im Abheften unterschriebener Geständnisse besteht, reif für die Frühpension“, befand das Weblog No Blood for Sauerkraut. Derart komfortabel verrentet, ließe sich’s vielleicht auch den Friedensnobelpreis endlich genießen. Und zwar ganz ohne Mitleid.

Hattips: Spirit of Entebbe, Urs Schmidlin

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