Dat is normaal

Der FC Bayern München, so heißt es republikweit, kaufe mit Vorliebe just jene Spieler auf, die ihn zuvor mit Gegentoren gepeinigt haben. Das soll ein Vorwurf sein, obwohl es dafür gar keinen Grund gibt: Treffer gegen den deutschen Rekordmeister sind nun mal eine gute Visitenkarte, um dessen Interesse zu wecken. Und dass die Bayern sich die Dienste derer sichern wollen, von denen sie vorher einen oder gar mehrere eingeschenkt bekommen haben, ist allemal legitim – und sei es nur, um Wiederholungen auszuschließen. Also wechselte Roy Makaay im Sommer 2003 – nachdem er den Münchnern kurz zuvor drei Eier ins heimische Nest gelegt hatte – gegen eine Zahlung von fast 20 Millionen Euro von Deportivo La Coruña an die Isar. Dort löste er Giovane Elber ab, den Inbegriff des Publikumslieblings, und die ersten Wochen waren für Makaay vor allem deshalb kein Kindergeburtstag. Doch anschließend traf der Niederländer mit großer Zuverlässigkeit; alsbald taufte man ihn „Phantom“, weil er im Spiel häufig abtauchte, sich bietende Chancen aber regelmäßig humorlos nutzte – insgesamt 78 Mal in 129 Spielen für die Münchner. Ein Everybody’s Darling wie Elber war Makaay gleichwohl nie (und er wollte es auch nicht sein); das zurückhaltende Naturell des 43-fachen Nationalspielers und ein Höchstmaß an Professionalität kamen jedoch bei Fans wie Medien gut an. Sein lakonisch-obligatorisches „Dat is normaal“ in Interviews erreichte zwischenzeitlich sogar das, was man gemeinhin Kultstatus nennt.

Dennoch schleppte er zunehmend den Makel mit sich herum, in großen, wichtigen Spielen zu selten zu treffen; hinzu kam beizeiten der Vorwurf seitens der Klubspitze, Makaay nehme zu wenig am Spiel teil und falle jenseits seiner Tore nicht genügend auf. Dagegen gewehrt hat der sich nie so richtig; lieber ließ er Taten sprechen. Doch die Verantwortlichen des FC Bayern waren’s mit der Zeit nicht mehr so recht zufrieden, und so hielten sie verstärkt Ausschau nach einem möglichen Ersatz. Das Ergebnis ist bekannt: Erst wurde Luca Toni unter Vertrag genommen und nun doch noch vorzeitig auch Miroslav Klose. Seit Wochen schon war klar: Wenn der Bremer Angreifer kommt, soll Makaay möglichst gehen; wenn nicht, wird der 32-jährige bis 2008 noch gebraucht. Diese Ungewissheit war eigentlich ein unhaltbarer Zustand für ihn, doch Roy Makaay agierte so ergebnisorientiert wie auf dem Platz und teilte seinem Arbeitgeber lediglich kurz mit, er beabsichtige, den Verein zu verlassen, wenn dieser sich Kloses Dienste sichere. Nun ist es so weit, und irgendwie ging alles viel zu geräuschlos vonstatten, wie auch Markus Lotter in der Welt findet: „‚Auf eigenen Wunsch’ habe der verdiente Torjäger die Münchner verlassen, hieß es von Seiten der Bayern in der offiziellen Presseerklärung, die keinen Aufschluss über die Ablöse lieferte, und in der natürlich auch nicht zu lesen war, dass [Trainer Ottmar] Hitzfeld sich nach der geglückten Verpflichtung von Klose Makaays Abschied zuallererst gewünscht hatte. Ein störungsfreies Betriebsklima ist fürs Erste gesichert. Es wäre ‚nicht so angenehm’ (Hitzfeld) für den über Jahre hinweg zuverlässigen Torjäger geworden, wenn er sich künftig mit einem Platz auf der Bank hätte begnügen müssen.“

Und daher sei es auch nachvollziehbar, dass dieser das Weite gesucht habe, bilanziert Markus Schäflein in der Süddeutschen Zeitung trocken: „Angesichts seines schweren Standes im Klub ist es verständlich, dass sich der 32-jährige Makaay dem Konkurrenzkampf im Sturm gegen Klose und Toni offenbar nicht mehr stellen wollte – ganz im Gegensatz zum zehn Jahre jüngeren Lukas Podolski, der naturgemäß verkündet, er werde sich ‚dem Kampf stellen’ und habe ‚keine Angst’. Toni und Klose können auf den Neuverpflichtungs-Bonus bauen, Podolski zumindest auf den Poldi-Bonus. Für Makaay sprach: nichts.“ Und wie es nun mal so ist im Profifußball – plötzlich geht es allzu rasch: „Bayerns bester Torjäger seit Gerd Müller wird nach Angaben des Vereins ‚anlässlich des Scholl-Abschiedsspieles offiziell verabschiedet’. Aber dieser Weggang auf die Schnelle ist nicht so schlimm im Vergleich zu alledem, was ihm in der vergangenen Wochen widerfahren ist. Der ‚Tagesspiegel’ nannte ihn zum Abschied ‚nüchtern bis langweilig’. Und dann war Makaay sogar beim nüchternen bis langweiligen VfL Wolfsburg im Gespräch. Das hätte wirklich nicht sein müssen.“ Kann man wohl sagen.

Die Fans scheinen den Abgang des Torjägers mehrheitlich ebenfalls zu bedauern. Im Fanforum auf der Website des Klubs beispielsweise sprach sich eine Mehrheit der Teilnehmer kürzlich gegen eine Verpflichtung von Klose aus – und landete damit prompt in der Bild-Zeitung. Die Bayern-Verantwortlichen reagierten umgehend und ließen energisch dementieren, dass der Bremer in München nicht willkommen ist. Die Meinung der Anhänger sei „fast einhellig“, hieß es: „Die Telefone in der Fanclub-Abteilung des deutschen Rekordmeisters standen nicht mehr still, in der Redaktion von fcbayern.de gingen hunderte von E-Mails ein. Tenor der aufgebrachten Fans: Sie wollen Miroslav Klose beim FC Bayern stürmen sehen. Und das lieber heute als morgen.“ Dass das tatsächlich stimmt, darf man zumindest bezweifeln: In einer aktuellen Umfrage der Welt meinen jedenfalls 58 Prozent, Makaay sei ein besserer Stürmer als Klose; nur 27 Prozent votierten für den WM-Torschützenkönig. Am Ende wird es aber sein wie schon 2003, als Giovane Elber gehen musste: Trifft der Neue (wieder), dürfte von seinem Vorgänger bald kaum noch die Rede sein. Dauert seine Krise jedoch an, werden sich die Stimmen derer mehren, die den Verkauf einer erfolgreichen und bewährten Kraft für einen fatalen Fehler halten.

Wie auch immer: Mit Roy Makaay verlässt der nächste Große die Bayern; einer, der zu deren zahlreichen Titeln der vergangenen Jahre einen entscheidenden Beitrag leistete und der bei den Münchnern nach dem legendären Gerd Müller (0,85) die beste Torquote pro Spiel (0,60) aufzuweisen hat. Aber auch einer, der fraglos zu den sympathischsten Vertretern seiner Zunft gehört. Dass er manchmal vielleicht zu leise war, hat seine Abschiebung zweifellos beschleunigt. Immerhin aber ist Makaay tatsächlich nicht im öden Wolfsburg gelandet, sondern bei Feyenoord Rotterdam. Mit seinem neuen Verein könnte er übrigens, dessen Qualifikation für den Uefa-Pokal vorausgesetzt, schon bald auf seinen alten treffen. Wie seinerzeit Giovane Elber, der im Herbst 2003 mit Olympique Lyon in der Champions League zwei Mal gegen die Bayern ran musste – und im Rückspiel in München das Siegtor schoss. Sollte Roy Makaay Ähnliches gelingen, wird sich das Aufhebens darum jedoch in Grenzen halten: Dat is normaal.

Roy Makaay: Offener Brief an die Bayern-Fans
Jendrik Michalk: Roy Makaay Compilation

%d Bloggern gefällt das: