Ein Dutzend Nebbichs

Der Berg kreißte zwar, doch er gebar nur ein Mäuslein: Gerade einmal ein Dutzend übellauniger Mitstreiter brachte die Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden auf die Beine, um dem Kaufhof respektive seinen Aktionswochen Kulinarisches Israel in Berlin zu trotzen. Die Feinkostabteilung des Warenhauses beendete den Nachmittag jedenfalls als klare Siegerin – kein Wunder: Wer will schon ernsthaft bei einer Mahnwache darben, wenn ein paar Schritte weiter Gaumenfreuden wie Dattel-Walnuss-Marmelade, Olivenpaste und Golan-Wein warten?

Henryk M. Broder hatte ursprünglich zwar andere Pläne, als sich einen Haufen biestiger Boykotteure anzusehen, aber er packte schließlich doch die Digitalkamera ein und machte sich auf den Weg nach Berlin-Mitte. Lesen und sehen Sie im folgenden Beitrag mehr von den zwölf Nebbichs, die auch am Schabbat den lieben Gott keinen guten Mann sein lassen wollen, und von anderen Skurrilitäten, die sich an einem Samstagnachmittag in der deutschen Hauptstadt so zutragen.

Henryk M. Broder

Die Weisen vom Alex

Eigentlich hatte ich heute nicht vor, das Haus zu verlassen. Schon am Morgen wurde mein neuer Kühlschrank im Retro-Look angeliefert; der alte war zu klein geworden, vor allem für die Magneten, die ich an der Tür und einer Außenwand nicht mehr unterbringen konnte. Die wollte ich nach Größen, Farben und Motiven neu sortieren und dabei isländische Kaffeehausmusik von Ragnar Bjarnason hören.

Gegen 11 Uhr rief Daniel an. „Kommst du mit, Verrückte gucken?“ – „Veganer, Herta BSC-Fans oder moderate Taliban?“, fragte ich. „Viel besser“, sagte Daniel, „jüdische Stimmen für eine gerechte Endlösung der Nahostfrage“.

Da ich vergessen hatte, den Mini aus der Werkstatt zu holen, nahm ich den Hummer. Ich mache das ungern bei Stadtfahrten, erstens wegen der Umweltbelastung, zweitens weil er mir neulich zerkratzt wurde, als ich ihn in der Oranienstraße auf einem Behindertenparkplatz abstellte. Ich parkte hinter dem Roten Rathaus, in Sichtweite einer Polizeiwache, und ging die letzten zweihundert Meter zu Fuß. Vorbei an einem Wagen mit Thüringer Bratwürsten, einem Stand der Scientologen und etlichen Hütchenspielern mit Migrationshintergrund, die damit beschäftigt waren, Berlinbesucher auszurauben.

In einiger Entfernung sehe ich eine lange Menschenschlange am Fuß des Fernsehturms. Das müssen sie sein, denke ich, „die jüdischen Stimmen“ für eine gerechte Endlösung der Nahostfrage. Und freue mich schon auf ein Wiedersehen mit der „Tochter“ und dem GröVaZ. Aber es waren nur Touristen, die sich Berlin von oben ansehen wollten, aus 204 Metern Höhe.

Ich gehe weiter, Richtung S-Bahnhof, vorbei an einem Marionettenspieler und einigen Dönerbuden. Auf der Nordseite des Bahnhofs lümmeln ein paar Hertha-Fans, in nüchterner Vorfreude auf das Spiel gegen den VfB Stuttgart, ohne den Stand der Bürgerbewegung Solidarität wahrzunehmen. Die deutschen Hiwis von Lyndon LaRouche und seiner reizenden Frau Helga verteilen Werbeschriften für eine „weltweite Wirtschafts-Revolution“. Kernpunkt des Programms ist der Bau eines Eisenbahntunnels unter der Beringstraße, der Alaska mit Sibirien verbinden soll. Keine schlechte Idee, aber nicht einfach zu realisieren, fast so schwierig wie die Schaffung eines demokratischen, säkularen Palästinenserstaates unter der Führung der Hamas.

Und gleich neben den BüSo-Leuten stehen sie tatsächlich, die „jüdischen Stimmen“ für eine gerechte Endlösung der Nahostfrage. Ich hätte die Gruppe beinahe übersehen. Zwölf Leute, die so unglücklich aussehen, als hätte man ihnen den Eintritt zu einem Konzert der Wildecker Herzbuben verweigert und sie ersatzweise zu einer Techno-Party geschickt. Sie halten selbst gemalte Transparente hoch, auf denen sie alles Mögliche fordern, unter anderem das sofortige Ende der Besatzung und des EU-Assoziierungsabkommens mit Israel sowie „Fair Trade“, womit sie einen Boykott israelischer Produkte meinen, die aus „illegalen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten“ kommen.

Ich frage eine Demonstrantin, warum nur so wenige „jüdische Stimmen“ zu der Demo gekommen sind. Sie sagt, auf die Zahl komme es nicht an; außerdem sei heute Schabbat, da blieben viele lieber daheim. Ich frage, warum Moishe Arye Friedman, der Vorsitzende der ultraorthodoxen antizionistischen Gemeinde im zweiten Wiener Bezirk, nicht gekommen ist. Er ist doch bis nach Teheran gefahren, um an der Holocaustleugner-Konferenz teilzunehmen. Ich habe Friedman zuletzt auf dem Schwedenplatz in Wien getroffen, wo er meine Einladung in ein Café damit beantwortete, dass er gleich die Polizei holte, bei der er sich darüber beschwerte, dass ich ihn entführen wollte. „Ich kenne ihn nicht“, sagt die Demonstrantin. Da stehen sie nun, wie bestellt und nicht abgeholt, ein Dutzend Nebbichs, die Sand im Getriebe des Weltgeschehens spielen wollen.

Zu Hause warten 333 Magneten auf mich, sie wollen auf meinem nagelneuen Retro-Kühlschrank platziert werden. Daniel und ich gehen zu Starbucks am Hackeschen Markt, und wir skypen ein wenig mit Freunden in Singapur, Honolulu und Kempten im Allgäu. Morgen um die gleiche Zeit bin ich schon am Strand von Tel Aviv, und die „jüdischen Stimmen“ stehen sich noch immer am Alex die Beine in den Bauch.

Jedem das Seine.

Fotos: Henryk M. Broder und Daniel Fallenstein

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