Vokabular der Unwahrheit

Haben Sie die Meldung auch gelesen? „Wut auf Israel: Bewaffneter erschießt Frau in jüdischem Zentrum“ oder „‚Wütend auf Israel’: Schießerei im jüdischen Zentrum in Seattle“ lauteten die Schlagzeilen, nachdem ein „muslimischer Amerikaner“ respektive ein „US-Bürger pakistanischer Herkunft“ eine Frau erschossen und fünf weitere verletzt hatte.* Sprache kann verräterisch sein, auch wenn es auf den ersten, flüchtigen Blick nicht so wirkt. Der Täter hatte, folgt man diesen Headlines, also offenbar ein Motiv für sein Handeln; eines, das er selbst nannte und das zunächst einmal rational wirkt, auch dann, wenn man sein Vorgehen nicht teilt: „Wut auf Israel“ soll es gewesen sein, die diese tödlichen Folgen hatte. Natürlich heißt das niemand ernsthaft gut, der noch halbwegs bei Trost ist, aber das ist nicht der Punkt. Denn die entscheidende Frage wird gar nicht erst gestellt: Warum drang der Mann ausgerechnet ins jüdische Zentrum von Seattle ein und tötete und verletzte dort Menschen; was hat dieses Zentrum mit Israel zu tun? Die Antwort: Nichts – es sei denn, man macht jeden auf dieser Welt lebenden Juden zwangsläufig zum Repräsentanten des jüdischen Staates und jede jüdische Einrichtung – gleichgültig, ob beispielsweise Synagoge oder Zentrum – automatisch zur diplomatischen Vertretung Israels, nimmt Juden also in Sippenhaftung, weil sie per se für das verantwortlich sein sollen, was der israelische Staat unternimmt, unabhängig davon, ob sie dessen Linie nun teilen oder nicht. Diese Sichtweise setzt jedoch die Annahme einer jüdischen Weltverschwörung voraus – und ist daher nicht erst seit gestern lupenrein antisemitisch. Doch dieser Erkenntnis verweigerten sich die deutschen Medien einmal mehr; die Deutsche Presse-Agentur gliederte die mörderische Attacke sogar in ihre Aufzählung von „Protesten gegen die israelischen Angriffe“ ein:

„In Australien wurde Ministerpräsident John Howard am Rande einer Kundgebung attackiert. Demonstranten mit libanesischen und palästinensischen Fahnen schlugen mit Fäusten auf sein Auto und bewarfen es mit Steinen. In Seattle an der US-Westküste eröffnete ein Amerikaner arabischer Abstammung in einem jüdischen Zentrum angeblich aus Wut über die Nahostgewalt das Feuer.“

Was Howard sich in den Augen der als „Demonstranten“ verharmlosten militanten Israelhasser konkret zuschulden kommen lassen haben soll, bleibt gänzlich im Dunkeln oder wird einfach als bekannt vorausgesetzt, während der Antrieb des Judenmörders in den USA unversehens in der „Nahostgewalt“ auf- und also untergeht. Doch das ist nichts Ungewöhnliches für die Berichterstattung über Israel, die auch dort, wo sie sich vermeintlich neutral gibt, letztlich Position gegen den jüdischen Staat bezieht. Claudio Casula hat in seinem brillanten Beitrag „So wird man Nahostkorrespondent“ eindrucksvoll die Mechanismen aufgezeigt, die diesbezüglich greifen, und dargestellt, wie man mit scheinbar unverdächtigen Begriffen einen Sachverhalt so vernebelt, dass Ursache und Wirkung schließlich überhaupt nicht mehr auseinander zu halten sind. Denn „die Sache ist ganz einfach: Israel ist die stärkere Partei in diesem Konflikt (Bad Guy), die Palästinenser die Underdogs (Good Guy). Nach diesem Muster biegen wir die Ereignisse vor Ort zurecht.“ Und so wird etwa aus einem Terroranschlag ein „Angriff“ oder „Zwischenfall“, eine Militäraktion gegen Terroristen mutiert zur „blutigen Vergeltung“, und Diktatoren geraten zu „charismatischen Führern“.

Victor Davis Hanson (Foto) hat nun in der National Review gewissermaßen ein Update der Aufklärung über das „Vokabular der Unwahrheit“ vorgenommen, weil auch die Berichterstattung über die israelische Selbstverteidigung gegen die Hizbollah die vertrauten Schemata aufweist. Dieses Wörterbuch sei im Folgenden auch einem deutschsprachigen Publikum näher gebracht.**

Ein „Waffenstillstand“ würde eintreten, wenn die Hizbollah die entführten Israelis frei ließe und aufhörte, Raketen abzuschießen; er würde jedoch niemals auf eine einseitige Beendigung der israelischen Bombardierungen folgen. Vielmehr werden wir internationale Appelle erst hören, wenn die Raketen der Hizbollah beinahe aufgebraucht sind.

„Zivilisten“ im Libanon haben Munition in ihren Kellern und ziehen das Feuer vorsätzlich an; in Israel sind sie in Bunkern, um genau das zu vermeiden. Israel verwendet Präzisionswaffen, um zu verhindern, dass Zivilisten getroffen werden; die Hizbollah schießt wahllos Raketen auf Israel ab, um sicherzustellen, dass sie getroffen werden.

Der Begriff „Kollateralschaden“ bezieht sich meistens auf Opfer unter den menschlichen Schutzschilden der Hizbollah; er kann niemals verwendet werden, um den Tod von Zivilisten in Israel zu beschreiben, weil dort alles per se ein Ziel ist.

Das Wort „Gewaltspirale“ wird benutzt, um diejenigen zu verunglimpfen, die angegriffen werden, aber nicht gewinnen sollen.

Das Adjektiv „vorsätzlich“ findet im Kontext der Genauigkeit israelischer Bomben Anwendung; es bezieht sich nie auf Raketen der Hizbollah, die dafür bestimmt sind, alles zu zerstören, was sie können.

Eine „Missbilligung“ wird gewöhnlich gegen Israel ausgesprochen, von denen nämlich, die selber Nichtkombattanten abgeschlachtet oder die Erlaubnis dazu gegeben haben – wie etwa die Russen in Grosny, die Syrer in Hama oder die UNO in Ruanda und Darfur.

„Unverhältnismäßig“ bedeutet, dass die Aggressoren der Hizbollah – deren primitive Raketen nicht besonders viele israelische Zivilisten töten können – verlieren, während die ausgeklügelte Reaktion der Israelis tödlich für die Kombattanten ist. Siehe auch „exzessiv“.

Jedes Mal, wenn Sie das Adjektiv „exzessiv“ hören, verliert die Hizbollah gerade. Jedes Mal, wenn Sie es nicht hören, verliert sie nicht.

„Augenzeugen“ sind in der Regel keine, und ihre Aussagen werden nur gegen Israel zitiert.

Der Terminus „tiefe Betroffenheit“ wird von Europäern und Arabern verwendet, die privat einräumen, dass es für den Libanon keine Zukunft gibt, solange die Hizbollah nicht zerstört ist – und das sollte vorzugsweise von „Zionisten“ erledigt werden, die man leicht dafür beschuldigen kann, es getan zu haben.

Der Ausdruck „unschuldig“ bezieht sich oft auf Libanesen, die zur Bevorratung von Raketen beitragen oder neben welchen leben, die das tun. Selten bezieht er sich auf angegriffene Israelis.

Die „Kämpfer” der Hizbollah tragen keine Uniform, und ihr vorrangiges Ziel sind nicht die Israelis, die welche tragen.

„Multinational“, wie in „multinationale Truppen“, bedeutet für gewöhnlich: „Dritte Welt-Söldner, die mit der Hizbollah sympathisieren“. Siehe auch „Peacekeeper“.

„Peacekeeper“ bewahren keinen Frieden, sondern ergreifen Partei für die weniger westlichen Kriegsteilnehmer.

„Vierteltonner“ umschreiben das, was man in anderen, nicht-israelischen Truppen als „500-Pfund“-Bombe kennt.

Die Vokabel „schockiert“ wird erstens von Diplomaten benutzt, die das nun wirklich nicht sind, und sie richtet sich zweitens nur gegen die Antwort Israels, niemals gegen die Angriffe der Hizbollah.

Ein „Einsatz der Vereinten Nationen“ meint Aktionen, gegen die Russland oder China kein Veto einlegen würden. Die Funktionäre dieser Organisation gucken in der Regel dabei zu, wie sich Terroristen vor ihren Augen bewaffnen. Sie sind fast immer schuld an Dingen, für die sie andere anklagen.

* Das Foto zeigt Menschen in der Nähe des jüdischen Zentrums nach dem Amoklauf
** Übersetzung: Liza.

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