Indyfadamedia

Nahezu täglich rotten sich derzeit Tausende in Old Europe zusammen, um in so genannten Antikriegs- oder Friedensdemos ihren Hass gegen Israel auf die Straße zu tragen. Einträchtig marschieren Islamisten und Linksradikale, Neonazis und Friedensbewegte Seit’ an Seit*; der Antisemitismus als weltanschauliche Klammer nivelliert die politischen Unterschiede, die es in anderen Fragen noch geben mag. Man verteilt Pamphlete, hält erregte Ansprachen und gibt Parolen von sich, die in der Regel mindestens indirekte Aufrufe zum Judenmord darstellen. Wer sich diesem Furor in den Weg stellt, wird auch schon mal mehr als nur verbal attackiert. Manifestationen für Israel sind demgegenüber selten, und sie verzeichnen zumeist eher dürftigen Zuspruch. Eine Ausnahme stellte die gestrige Demonstration „Für Israel – und sein Recht auf Selbstverteidigung“ in Berlin dar (zweites bis viertes Foto**), zu der – je nach Quelle – zwischen 1.000 und 2.000 Menschen kamen. „Erstaunlich viele Israelis, viele Berliner Juden, aber auch andere mit Israel solidarische Menschen schritten am Freitag vom Steinplatz in Charlottenburg zum Wittenbergplatz, wo die größte Demonstration für Solidarität mit Israel ihren Abschluss fand“, berichtet Samuel Laster in Die Jüdische, und er ergänzt: „Zahlreiche Verwandte mitdemonstrierender Israelis sitzen seit nunmehr 17 Tagen in Luftschutzkeller, mehr als 1.800 Katjuscha- und andere Raketen wurden auf Israel gefeuert, es gab bisher im Norden Israels Dutzende zivile Todesopfer, hunderte Verletzte, seit am 12. Juli um 9 Uhr früh ein Raketenregen begann und zwei israelische Soldaten von der Hizbollah entführt wurden.“

Wenn man im Internet nach Berichten über Aktivitäten sucht, an denen nicht gleich Zehntausende beteiligt waren, ist man oft auf kleinere Seiten, Foren, Blogs und Portale angewiesen, deren Seriosität sich recht unterschiedlich ausnimmt. Eines dieser Netzwerke ist das linke, per Selbstdefinition „unabhängige Medienzentrum“ Indymedia, auf dessen Website allerlei bewegte Menschen ihre Ansichten veröffentlichen können und das auch tun. Mehrere Moderatoren schauen gelegentlich nach dem Rechten, löschen schon mal einen Eintrag oder Kommentar; grundsätzlich halten sich die Eingriffe jedoch in Grenzen – man ist ja schließlich basisdemokratisch und herrschaftsfrei. Weitgehend ungefiltert sind daher im so genannten Open Posting-Bereich Stellungnahmen zu allen möglichen Themen zu lesen, die aufrechte Linke beschäftigen: von der Tierbefreiung bis zu Aufmärschen von Neonazis, von Hausbesetzungen bis zum Befreiungskampf der indigenen Bevölkerung in Chiapas. Und natürlich haufenweise Statements zum Nahen Osten, eins übler als das andere; wer Anschauungsmaterial dafür benötigt, wie linker Antisemitismus funktioniert, wird hier im Übermaß bedient. Gelegentlich verirren sich zwar auch einmal Beiträge auf die Seite, die Partei für Israel ergreifen – doch die sind zumeist, so sie denn nicht von den Moderatoren in den virtuellen Papierkorb verschoben werden, eher als Provokation für den Indymedia-Mainstream gedacht, und die Meute der User macht sich auch stets mit Schaum vor dem Mund über solche Texte her und erbricht sich in die Kommentarspalten.

Dass die erwähnte Berliner Demonstration in diesem Portal nicht unerwähnt bleiben würde, war zu erwarten; was ein Schreiber respektive eine Schreiberin unter der Überschrift „Protest gegen Nationalistendemo in Berlin“ aus diesem Anlass jedoch in die Tastatur hämmerte, verdient eine ganz besondere Würdigung. „Prov. antirassitischer Zusammenschluss Berlin“ steht dort als Verfassername, wobei diese Selbstbezeichnung nicht nur ihrer eigenwilligen Orthografie wegen darauf schließen lässt, dass man erstens im weiteren Verlauf des Postings mit dem Allerschlimmsten zu rechnen hat und dass zweitens „Prov.“ vermutlich eher für „provinzieller“ steht denn für (das mutmaßlich beabsichtigte) „provisorischer“. Und die Befürchtungen erweisen sich unmittelbar als berechtigt (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik hier und im Folgenden selbstverständlich im Original): „Heute, am 28.07.06, marschierten über 700 eurozentrische NationalistInnen unter dem Motto ‚Für die israelische Selbstverteidigung’ durch Berlin-Charlottenburg.“ Und welche „eurozentrischen NationalistInnen“ waren das wohl so? Diese: „An der Demo nahmen Sexisten wie Michelle Friedmann“ (der sich kurz zuvor einer Geschlechtsumwandlung unterzogen haben muss und demzufolge der Korrektheit halber wohl eher als „Sexistin“ zu bezeichnen gewesen wäre), „religiöse Fanatiker wie die Partei Bibeltreuer Christen (PBC)“ (eine zwar obskur-frömmelnde, aber kleine und eher harmlose Gruppierung), „rassistische Schreibtischtäter wie die Redaktion Bahamas“ (deren „Rassismus“ unter anderem darin besteht, die Zwänge und Zumutungen des Islam als solche zu benennen und sie nicht als „multikulturelle Bereicherung“ zu verbrämen) „und BelizistInnen wie die Freie Deutsche Jugend (FDJ) teil“ (die zwar so heißt wie die DDR-Organisation, bei der sich aber jedem aufrechten Stahlhelmsozialisten die proletarisch frisierten Nackenhaare sträuben würden).

Gleichwohl blieb dieses sinistre Konglomerat aus Juden, Christen, Antideutschen und Kommunisten nicht unter sich, denn: „Am Rande des chauvinistischen Aufzuges zeigte sich revolutionär- antiimperialistscher Protest.“ Sollte die RAF tatsächlich noch leben? Fast scheint es so: „Um 17 Uhr formte sich am Steinplatz der Aufmarsch. Eine ca. 5-köpfige Gruppe von jüdischen PazifistInnen hielten ein Schild mit der Auftschrift ‚Nicht in unserem Namen! Für einen gerechten Frieden!’ hoch. Ihnen wurde durch eine Allianz von Demonstrationsanmeldern und Polizei das Wort verboten. Auch eine kleine Gruppe von älteren MitbürgerInnen mit pazifistischen Plakaten wie ‚Stoppt den Krieg!’ wurde von der Polizei weggedrängt.“ Die Schergen des Schweinesystems als Büttel der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung – dass man das noch erleben darf! Aber ein echter „Prov. antirassitischer Zusammenschluss“ lässt sich selbstverständlich nicht einschüchtern: „Nachdem der Aufmarsch mit den üblichen unreflektiert-nationalistischen Parolen wie ‚Was wir wollen ist nicht viel: Solidarität mit Israel!’ den Breitscheidplatz erreicht hat, begann eine Gruppe von etwa sieben Leuten diesen chauvinistischen Spuk etwas zu stören und ziegte sich durch Parolen solidarisch mit der unterdrückten arabischen Bevölkerung im Nahen Osten.“ Wenn sieben Leute Solidarität mit Unterdrückten ziegen, handelt es sich vermutlich um die nämlichen Geißlein, deren Parolen stets nach „Mäh!“ klingen, weil sie mehr gar nicht hervorzubringen imstande sind. Und da der Wolf vielhundertfach größer war, kam bald Ohnmacht über die Herde: „Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: nach Rufen wie ‚Scheiß Kommunistenschweine’ und ‚Haut ab, ihr Terroristenfreunde’ folgten Parolen wie ‚USA-Antifa’ und ‚Nazis raus!’, obwohl die Gruppe sichtlich zur Hälfte aus MigrantInnen bestand und der Großteil von ihnen linken Aktivitäten nachgeht.“

Aus den Ziegen wurden plötzlich Schweine und daraus schließlich Nazis – und das, obwohl man vorher extra noch mal das Rassenkundelehrbuch aus dem Regal „älterer MitbürgerInnen mit pazifistischen Plakaten“ geholt und sein subversives Grüppchen mit einer „sichtlichen“ Quote an „MigrantInnen“ bestückt hatte, die bekanntlich schon aus biologischen Gründen keine Faschos sein können, sondern quasi naturwüchsig „linken Aktivitäten nachgehen“, wie man das etwa von den netten Ausländern der Hizbollah, der Hamas und des Islamischen Djihad kennt. Aber es half nichts: „Schnell eilte die Polizei zur Hilfe vertrieb aggressiv den emanzipatorischen Widerstand und trennte sie durch eine ‚Apatheitskette’ die arabischstämmigen und europäischstämmigen GegendemonstrantInnen.“ Deutsche Polizisten, Mörder und Faschisten – nur knapp davon entfernt, die „Apatheitskette“ in eine veritable Apatheitsmauer zu verwandeln wie die Juden auf der heiligen palästinensischen Erde, doch immerhin entschlossen zu verhindern, dass die arabischen und europäischen Stämme sich emanzipieren und zu deutschen Eichen werden, deren Wurzeln selbst von den finstersten Zionisten nicht mehr gekappt werden können. Aber der Krieg ist noch nicht verloren, sondern nur eine Schlacht: „Ungefähr zwanzig PolizistInnen ‚schützten’ die 700 MarschierendInnen“ – auch der Feind will politisch korrekt beim Namen genannt werden, selbst wenn’s sichtlich schwer fällt – „vor den mittlerweile zehn GegendemonstrantInnen. Im Laufe des Aufmarsches überbewachten ungefähr sieben Polizeiwagen die zahlenmäßig weit unterlegenen AntirassistInnen. Die ApartheidsgegnerInnen wurden von der deutschen Polizei bis in die Untergrundbahn verfolgt“, also auch noch an der Flucht mit einem klandestinen Transportmittel gehindert. Der pure Faschismus! Mindestens!

Tatendrang und Tapferkeit sind dennoch gänzlich ungebrochen: „Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass auf Grund der massiven Eskalation im Nahen Osten es in Zukunft weiterhin zu nationalistischen Aufmärschen kommen wird und das der emanzipatorisch- antiimperialistische Widerstand nicht vor den Toren Berlins halt machen darf und von linksradikaler, kommunistischer und antiimperialistischer Seite solchen rassistischen Manifestationen Einhalt gebietet werden muss.“ Gäbe es Gebote, geböte man ihnen Gewähr im Gebiete vor den Gemäuern Berlins. Doch wer gebietet sie, wenn es die geborenen Kämpfer des emanzipatorisch-antiimperialistischen Widerstandes nicht dürfen? Auf die Antwort darf man schon jetzt gebannt sein. Verzeihung: gespannt.

Update: Der inkriminierte Indymedia-Beitrag wurde heute Nachmittag „aufgrund der Moderationskriterien“ von den Moderatoren „versteckt“, warum auch immer – unter dem üblichen Niveau dort veröffentlichter Beiträge und Kommentare zum Nahostkonflikt lag er jedenfalls nicht. Da der Text hier jedoch ohnehin vollständig zitiert wurde, bleibt der Nachwelt dieses Prachtexemplar linksdeutschen Wahnsinns erhalten.

* Wie in Berlin am vergangenen Sonntag (Foto ganz oben)
** Ein Dank ergeht an Planet Hop für die Bilder von der Demonstration

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