Der Geist von Kana

Die Schlagzeilen nach dem sonntäglichen Tod von über 50 Menschen in der libanesischen Stadt Kana waren in fast allen Medien annähernd gleichlautend: „Weltweites Entsetzen“ herrsche angesichts des „israelischen Angriffs auf die Zivilbevölkerung“. Doch diese einmütige Gefühlswallung ist vor allem eines: Heuchelei. Denn es scheint so, als ob sich nicht wenige ein solches Horrorszenario nachgerade herbeigewünscht haben. Zwar überwogen auch bisher schon die Stellungnahmen, die Israel Unverhältnismäßigkeit vorwarfen und es anklagten, bei seinen Kampf gegen den Terror der Hizbollah keine Rücksicht auf Zivilisten zu nehmen, doch fehlte es bislang an den ultimativ emotionalisierenden Katastrophenbildern, die geeignet sind, dem Verteidigungskrieg des jüdischen Staates endgültig jedwede Legitimation absprechen zu können. Nun scheint es diese Bilder zu geben – ein günstiger Zeitpunkt, um enthemmt vom Leder ziehen zu können. „Israel hat – bewusst oder fahrlässig – nicht nur das Leben unschuldiger Zivilisten genommen, sondern die beste Chance auf eine schnelle, politische Lösung zerstört“, nimmt beispielsweise die Süddeutsche Zeitung die Hizbollah buchstäblich aus der Schusslinie und weist Israel im Gegenzug die volle Verantwortung für die Radikalisierung im Libanon zu: „Der Angriff setzt die libanesische Regierung weiter unter Druck, weil sie sich immer schwerer gegen die Hizbollah wenden kann. Der günstige Augenblick, in dem die moderaten Kräfte im Libanon an der Seite der UN an Stärke gewinnen könnten – er ist vorbei.“ Und einmal in Fahrt und vermeintlich mit allem moralischen Recht der Welt, folgt schließlich die lang ersehnte Generalabrechnung: „Israel reagiert militärisch, als hätte sich nichts geändert im Nahen Osten. Es ignoriert noch immer die öffentliche Meinung in aller Welt, die so entscheidend ist für den politischen Spielraum, den die Konfliktparteien mit an den Verhandlungstisch bringen können. Israel reagiert halsstarrig und ideenlos.“

„Spielraum“, „Konfliktparteien“, „Verhandlungstisch“ – wenn sie im Judenstaat doch nur ein einziges Mal kurz auf die Deutschen hören würden, die ihre Lektion aus dem Nationalsozialismus gründlich gelernt haben: Nie wieder Krieg gegen Faschismus. Die Nachfahren derjenigen, die das Ziel einer restlosen Vernichtung der Juden nur knapp verfehlt haben, empfehlen daher den Überlebenden des deutschen Wahns sowie ihren Kindern und Enkeln dringend, sich möglichst konstruktiv mit denjenigen ins Benehmen zu setzen, die das Werk der Nazis gerne vollenden würden. Und um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen, schließt man ungefragt auch die Entsendung eigener Soldaten nicht aus. Welche Bedürfnisse aus Zeilen wie den zitierten sprechen, wird jedoch auch dadurch deutlich, dass das Urteil gegen Israel gefällt wird, ohne die Hintergründe dessen, was in Kana geschehen ist, auch nur ansatzweise erhellen zu wollen; Stellungnahmen der israelischen Luftwaffe oder Regierung werden – so sie überhaupt Erwähnung finden – als Propaganda abgetan. Man sieht, was man sehen will: Israel bricht Völkerrecht, Israel ermordet kleine Kinder. Widersprüche und Ungereimtheiten stören da nur. Dabei ist es möglich, aber überhaupt nicht ausgemacht, dass die Explosion in dem Gebäude, in dem sich zahlreiche Menschen aufhielten, durch eine israelische Bombe verursacht wurde:

„Israelische Militärs haben am Sonntag Zweifel an der Ursache der tödlichen Explosion in einem Haus im südlibanesischen Kana geäußert. Zwischen den israelischen Angriffen auf das Haus und der Explosion, nach der mehr als 50 tote Zivilisten gemeldet worden waren, hätten sieben Stunden gelegen, sagte Luftwaffengeneral Amir Eschel in Jerusalem. Zwar hätte die israelische Luftwaffe nach dem Angriff um Mitternacht gegen 7 Uhr erneut das Dorf bombardiert, dabei seien aber Ziele mehr als 400 Meter von dem Gebäude entfernt getroffen worden. Möglicherweise habe die radikalislamische Schiitenmiliz Hisbollah in dem Haus Waffen versteckt, sagte Eschel. Der israelische Fernsehsender 10 zitierte mehrere Armeeverantwortliche, die erklärten, in dem Haus seien Waffen und Munition versteckt gewesen.“

Was Eschel wörtlich sagte, berichtet Ulrich Sahm: „Das getroffene Haus mit den Flüchtlingen ist anhand der Fernsehaufnahmen identifiziert worden, das Angriffziel von Mitternacht gewesen zu sein. Wir sind ratlos, weil wir uns nicht erklären können, was in dem Zeitraum zwischen dem Angriff auf das Haus um Mitternacht und der tödlichen Explosion gegen 7.30 Uhr geschehen ist“. Offiziere der Armee vermuteten, dass die Explosion entweder durch eine mit Verzögerung explodierte Rakete ausgelöst worden sein könnte, aber auch durch Waffen, die die Hizbollah offenbar in dem Gebäude deponiert hatte. Noch deutlicher wurde die israelische Regierung:

„‚Es gab hier keinen Fehler’, betonte [Ministerpräsident Ehud] Olmert während des wöchentlichen Kabinettstreffens; das Gebäude sei anvisiert worden, weil es ein Schutzraum für die Katjuscha-Abschussrampen der Hizbollah fungiert habe und die Zivilisten bereits vor Tagen aufgefordert worden seien, den Ort zu verlassen. Die Frage nach der Zustimmung zu einem vorzeitigen Waffenstillstand und einem früheren Ende der militärischen Offensive stelle sich auch nach dem Vorfall nicht.“

In den deutschen Medien hingegen wurde nur am Rande erwähnt, dass aus Kana seit Beginn des Krieges über 150 Raketen auf Israel abgeschossen worden waren, bevor sich Israel entschloss, militärisch gegen die Hizbollah in dem Ort vorzugehen. Auf der Pressekonferenz dokumentierte General Eschel deren dortige terroristischen Aktivitäten anhand von Videoaufnahmen, die deutlich die Raketenabschussrampen in dicht besiedelten Wohngebieten zeigen und zudem demonstrieren, wie sich die Hizbollah nach einem erfolgten Angriff in privaten Häusern verschanzt. Auch davon war hierzulande kaum etwas zu lesen, von Ausnahmen wie beispielsweise Clemens Wergin abgesehen, der zwar ebenfalls davon ausgeht, dass die Toten auf dem Konto eines israelischen Treffers zu verbuchen sind, dessen ungeachtet jedoch eine treffende Einschätzung der Folgen von Kana vornimmt:

„Der tragische Vorfall macht deutlich, dass Terroristen eigentlich nur Vorteile daraus haben, aus bewohnten Gebieten heraus zu operieren. Schreckt der Gegner vor Angriffen zurück, um Zivilisten zu schonen, machen sich die Extremisten unangreifbar. Werden die Extremisten angegriffen, können sie die Toten für ihren Propagandakrieg benutzen. Die Weltöffentlichkeit wird auch diesmal die Israelis für die vielen Toten verantwortlich machen und nicht etwa die Hizbollah, die Zivilisten als Geiseln ihrer Militäraktionen genommen hat.“

Auch Statler & Waldorf vermuten, dass die Mörderbande die Bevölkerung für ihre Ziele missbraucht:

„Wieso waren […] weiterhin Zivilisten in einem Gebäude, das die Hizbollah mit ihren Raketenagriffen erst zu einem für das israelische Militär interessanten Ziel machte? Darüber kann man nur spekulieren. Kaum jemand dürfte wahnsinnig genug sein, um freiwillig seine Familie und sich selbst als Märtyrer für die Politik der Hizbollah zu opfern. Vielleicht war irgendeine Form von Zwang im Spiel, mit dem Hizbollah es schaffte, die Opfer am Ort zu halten. Vielleicht wurden sie auch beschwichtigt und falsch informiert, so dass sie völlig arglos dort blieben.“

Wie auch immer: Nach Bekanntwerden der Nachricht brach ein Sturm der Empörung gegen Israel los. In Gaza stürmten bewaffnete Palästinenser, mutmaßlich Mitglieder des Islamischen Djihad, das Gebäude der UNO. Auch in Beirut hatte eine Vertretung der Vereinten Nationen Verwüstungen zu beklagen; zudem befürworten dort inzwischen augenscheinlich auch christliche Libanesen den Terror der Hizbollah. Für letztere sei „der Tod so vieler Libanesen ein Sieg, für die Israelis jedoch eine schwere politische Niederlage“, resümierte Ulrich Sahm für den Fernsehsender n-tv. Den Krieg der Bilder hat Israel bereits verloren; die Hizbollah versteht es, die Trumpfkarte „Zivilbevölkerung“ auszuspielen: Sie weiß, dass Israel Manschetten hat, Bomben auf Gebiete zu werfen, in denen sie inmitten der libanesischen Bevölkerung ihren antijüdischen Krieg führt. Ihr selbst sind solche Skrupel jedoch vollkommen fremd, weil ein Zeichen westlicher Dekadenz. Wenn die Hizbollah davon ausgehen kann, dass es ihrem Ziel dient, nimmt sie ohne zu zögern Menschen als Schutzschilde und damit deren Tod billigend in Kauf. Denn sie ist sich sicher, damit die Ressentiments gegen Israel weiter anheizen zu können. Und sie liegt damit alles andere als falsch: Der jüdische Staat wird des Völkermords angeklagt, während die Praktiken der Hizbollah kaum der Rede wert sind. Sage und schreibe 80 Prozent beantworteten beispielsweise in einer aktuellen Umfrage der Süddeutschen Zeitung die Frage „Sollte Israel einem sofortigen Waffenstillstand zustimmen?“ mit: „Ja, sogar wenn es ein einseitiger Waffenstillstand wäre.“

Nun hat Israel, das immer mehr unter Druck gesetzt wird, eine temporäre Waffenruhe angekündigt, um die Causa Kana aufzuklären – in dem sicheren Wissen, dass seine Feinde die Gelegenheit nutzen werden, um die Wunden zu lecken und weitere Angriffe vorzubereiten. Denn obwohl die Feuerpause außerdem dazu ausgerufen wurde, um den mehrfach vorgewarnten Bewohnern der Städte und Ortschaften, in denen die Hizbollah sich bewegt wie Maos sprichwörtlicher Fisch im Wasser, erneut Gelegenheit zur Flucht zu geben, denkt die Terrororganisation gar nicht daran, diesem Ansinnen nachzukommen – und sie erhält dabei Unterstützung: „Die Regierung in Beirut fordert die Dorfbewohner im Süden nicht auf zu fliehen, sondern standzuhalten. Vor laufenden Kameras werden von den Israelis abgeworfene Flugblätter mit der Aufforderung zum Verlassen des Kriegsgebiets verächtlich zerrissen“, schildert Ulrich Sahm den „unverantwortlichen Wahnsinn“, den diese De-facto-Volksfront gegen Israel zu verantworten hat.

„Was macht es so schwer, die Hizbollah zu bekämpfen?“, fragt Yassin Musharbash auf Spiegel Online, und zur Beantwortung dieser Frage lässt er Judith Palmer Harik, „die die Miliz seit Jahren im Libanon beobachtet und ein Buch über sie geschrieben hat“, sprechen: „18 Jahre Erfahrung mit Guerilla-Taktik, gepaart mit super-fortschrittlichen Hightech-Waffen, die der Iran zur Verfügung stellt.“ Es seien längst nicht mehr „nur“ Katjuscha-Raketen, die die Terrorvereinigung abfeuert, sondern tödliche Waffen modernsten Kalibers: Boden-Schiff-Raketen, Anti-Hubschrauber- oder -Panzer-Waffen, bedient von „hoch mobilen“ Hizbollah-Terroristen, die

„anschließend wieder inmitten der Bevölkerung des Südlibanon verschwinden. ‚Zuschlagen und abhauen’, heißt diese Taktik, mit der Guerilla-Gruppen zu allen Zeiten schwerfälligen Armeen entgegentraten: ‚hit and run’. […] Zivil gekleidete Milizionäre verschwinden in unterirdischen Silos, schießen die todbringenden Flugkörper ab und tauchen gleich wieder unter. Uniformen trägt bei der Hizbollah niemand, Sekunden nach dem Akt ist ein Kämpfer von einem Zivilisten deshalb nicht mehr zu unterscheiden.“

Israel hat es also nicht mit einer regulären Armee zu tun, sondern mit Rackets, mit partisanenähnlichen Guerilla-Kämpfern, die nicht nur mit unmittelbarem Zwang vorgehen, sondern „gewissermaßen Teil des Widerstands“ sind, wie Harik bemerkt. „Anders als eine Armeebasis kann ein Wohnhaus im Südlibanon nachts Raketenabschussrampe – und tagsüber Zufluchtsort für Zivilisten vor dem israelischen Bombenhagel sein“, schildert Spiegel-Autor Musharbash das Dilemma der israelischen Einheiten und dessen Kontext:

„Ein Grund dafür ist in der starken religiös-ideologischen Basis zu suchen. Die Hizbollah habe zwar nur 1.000 bis 2.000 professionelle Kader, könne aber jederzeit zwischen 10.000 und 60.000 Mann mobilisieren, schätzt Palmer Harik. ‚Und wenn dein Feind es als Privileg betrachtet zu sterben, dann ist er schwer zu bekämpfen’, meint sie weiter mit Blick auf die Djihad-Idee und den im Schiitentum besonders ausgeprägten Märtyrergedanken. Noch habe die Hizbollah es nicht nötig gehabt, Selbstmordattentäter zur Tat zu rufen – aber diese Option stehe ihr noch offen.“

Hinzu kommt der massive Support des Iran für den antisemitischen Krieg, nicht nur durch einen unablässigen Waffennachschub, sondern auch ideologisch und diplomatisch. Inzwischen hat die Hizbollah, nachdem ihr Hauptquartier zerstört wurde, Unterschlupf in der iranischen Botschaft in Beirut gefunden, wie die Welt berichtet:

„Folgt man den Angaben westlicher Geheimdienste, so habe die Hizbollah im Haus der iranischen Vertretung eine ganze Etage bezogen, die von Wächtern der Revolutionsgarden bewacht würden. Nicht einmal der iranische Botschafter habe Zugang zu den Räumen, heißt es. Ziel der Aufnahme durch den Iran sei es, die Befehlskette der Hizbollah trotz der heftigen Luftschläge der israelischen Armee aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig könne die iranische Regierung so jederzeit Verbindung zur Hizbollah aufnehmen. […] Nach Informationen der ‚Welt’ soll es Ende Juni in Beirut zu einem Treffen zwischen ranghohen Vertretern der iranischen Revolutionsgarden und der Hizbollah gekommen sein. Während der Gespräche sollen die Angriffsziele auf Israel vereinbart worden sein. Aus Diplomatenkreisen verlautete zudem, dass der iranische wie der syrische Geheimdienst der Hisbollah schon seit Februar Zugang zu dem von beiden Staaten genutzten Abhörsystem ‚Sigint’ verschafft habe, zu dem Abhöranlagen an der syrischen Grenze sowie ein Heer von Geheimdienstmitarbeitern beider Länder gehörten. Darüber hinaus habe der Chef des syrischen Militärgeheimdienstes, Samir Nabulsi, der Hizbollah die Lieferung von nachrichtendienstlicher Technik und Logistik versprochen. Glaubt man den Informationen westlicher Sicherheitsexperten, haben sich die Vertreter der iranischen Revolutionsgarden dieser ‚Entwicklungshilfe’ angeschlossen.“

Und damit haben die Allianzen immer noch kein Ende: Der venezolanische Präsident Hugo Chavez traf sich parallel zu den Geschehnissen in Kana mit Mahmud Ahmadinedjad (Foto) – fürwahr ein Meeting unter Brüdern: „Israel verübt an den Libanesen dieselben Handlungen, wie sie Hitler an den Juden verübt hat – die Ermordung von Kindern und Hunderten unschuldigen Zivilisten“, ließ der Südamerikaner wissen, der Mitte Februar bereits seine Gemeinsamkeiten mit der Hamas kund getan hatte: „Die Welt gehört jedem einzelnen, aber es scheint so, als ob Minderheiten – die Nachkommen derer, die Christus ans Kreuz geschlagen haben – sich den ganzen Wohlstand der Welt genommen haben.“ Die Auszeichnung mit der höchsten Ehrenmedaille des Iran hatte sich Chavez für seine antisemitischen Solidaritätsadressen wirklich verdient. „Er leistet dem Imperialismus seit Jahren Widerstand und verteidigt die Interessen seines Landes und die anderer lateinamerikanischer Staaten“, lobte ihn daher auch sein iranischer Kollege, nachdem der Venezolaner erneut betont hatte, seine Gastgeber hätten ein Recht auf Atomwaffen.

Das sind gruselige Aussichten – ein Bündnis aus der wiedererstarkten lateinamerikanischen Linken und den islamistischen Terrorstaaten und -banden schließt die Lücken im mörderischen Kampf gegen Israel und die USA. Der Regime Change, den beispielsweise Thomas von der Osten-Sacken auf der Abschlusskundgebung der Berliner Demonstration für Israel am vergangenen Freitag befürwortete und der so dringend Not täte, er scheint momentan nicht durchzusetzen, weder von innen noch von außen. Old Europe hat daran seinen Anteil: „Der so genannte kritische Dialog mit Islamisten, Terroristen und ihren Apologeten muss endlich aufhören. Dialoge können gerne geführt werden: aber bitte mit jenen demokratischen und liberalen Kräften im Nahen Osten, die sich gegen den Klerikalfaschismus und für Freiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter und friedliche Koexistenz stark machen“, forderte von der Osten-Sacken. Doch das Gegenteil passiert. Die Empörung über Israel ist daher verlogen, und das ist noch zurückhaltend formuliert.

Übersetzung: Lizas Welt – Hattips: ts, Clemens, Honestly Concerned & Franklin D. Rosenfeld

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