Angekumpelt

Einer der Vorteile des Kapitalismus ist es, dass man seine Nachbarn nicht lieben muss. Sondern dass man die Distanz wahren und Gleiches von ihnen verlangen kann. Denn in der Regel sucht man sie sich ja – im Unterschied zu Freunden – nicht aus, und das Wohnen in der gleichen Straße oder im Haus mit der gleichen Nummer ist definitiv kein Grund, gleich zu fraternisieren. Was aber über die Nachbarschaft im Kleinen gesagt werden muss, gilt für Makrokosmen wie Stadt, Region und Nation, zumal ihre deutschen Ausgaben, erst recht. Derlei Kollektive sind eine Zumutung, weil ein Anschlag auf jede Individualität, jede Abweichung und jeden universalistischen Kosmopolitismus. Dies umso mehr, je penetranter sie eingefordert werden, sei es in Form subsidiärer Nachbarschaftshilfen, sei es im Gewand des prinzipiell bornierten Lokalpatriotismus und sei es insonders die Blutsbande der Völkeleien. Der uniformierte Aufzug in schwarz, rot und gold während der Fußball-WM war ein beredtes Zeugnis dafür.

Doch diese vier deutschen Wochen sind nun vorüber, und nicht wenige kämpfen jetzt offenbar mit Entzugserscheinungen. „Ich glaube, was da wachgerufen wurde an Gefühlen – und auch an Bildern im Übrigen –, hat sich ins kollektive Bewusstsein gesenkt und abgelagert und wird bleiben, wird als abrufbare Erinnerung bleiben“, hat der Matussek fast flehentlich die Vergänglichkeit um ihren Job bringen wollen und sozusagen an die niederen Instinkte seiner Landsmänner und -frauen appelliert: „Es scheint auf einer atavistischen tiefen Ebene in jedem von uns das Gefühl der Zugehörigkeit zu den eigenen Leuten zu geben.“ Doch was tun, wenn gerade kein Massenevent ansteht, bei dem man seinen Atavismus mit sich selbst und Seinesgleichen feiern kann? Die BILD-Zeitung weiß, wie fast immer, Rat (Foto): Weg mit dem „Sie“ – was in Großbritannien und den USA möglich ist – wie inzwischen selbst Helmut „You can say you to me“ Kohl weiß –, wird hier doch wohl auch gehen, oder?

Nein! Bzw. no way! Da schwingt man sich zur Abwechslung doch glatt mal zur Verteidigung von etwas Deutschem auf, nämlich der Möglichkeit, sich unerwünschter Ankumpelei zumindest sprachlich erwehren zu können, indem man auf die groß geschriebene Anrede mit den drei Buchstaben besteht. Nein, „wir“ wollen „uns“ nicht alle duzen, auch und gerade nach der Weltmeisterschaft nicht. Nicht die geschätzten 95 Prozent Deutschlandgutfinder, von denen zwei Drittel auch noch die Israelis für die Nazis von heute halten und ihre Partymiene ganz arg verfinstern, wenn man sie auf die Shoa anspricht. Nix „Schicksalsgemeinschaft“, nix „Wir sind ein Volk“ und nix „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid“. Sondern schön den Abstand wahren. Auch wenn der Rest quengelt.

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