Israel forces defence

Als die Fußball-Weltmeisterschaft begann und allmählich in ihre entscheidende Phase trat, teilte sie sich während einer klassischen Sommerloch-Zeit auf einmal die Titelbild-Schlagzeilen mit einem anderen gewichtigen Thema, von dem zu erwarten war, dass es die sportlichen Wettkämpfe in Deutschland überdauert: Israel war die Politik der Hamas Leid und nahm mehr als sechzig Minister, Parlamentarier und weitere Funktionsträger unter Arrest. Infrastrukturminister Ben-Eliezer bemerkte völlig zu Recht, bei der führenden palästinensischen Organisation handle es sich nicht um eine Regierungspartei, sondern um eine Mörderbande. Das israelische Außenministerium veröffentlichte ein Communiqué, in dem es hieß, „dass die unablässigen Beschießungen Israels mit Kassam-Raketen wie auch die Entführung des Soldaten Gilad Shalit direkter Auswuchs der Terror-Politik der palästinensischen Regierung“ seien. Deren Vorschlag eines Gefangenenaustauschs war ohne Zweifel das kurzfristig geplante Resultat des Terrors und eine weitere Verschärfung der auf Vernichtung des jüdischen Staats zielenden Aggression der Hamas. Auch wenn man in Europa der Ansicht ist, Israel solle mit seinen Feinden gefälligst verhandeln, vulgo: klassisches Appeasement betreiben: Die Festnahmen waren alternativlos. Verhandlungen, Rückzüge und Kompromissbereitschaft werden von der palästinensischen Seite seit jeher als Schwäche Israels gedeutet, und Israel hat daraus die Konsequenz gezogen, Stärke zu demonstrieren. Nicht nur gegenüber der Hamas, sondern auch gegenüber multilateralistischen europäischen Staaten und der UNO.

Fortgesetzt wird dieser Kurs nun gegenüber der Hizbollah, deren unaufhörliche militärische Attacken Israel ebenfalls pappsatt hat; die Entwaffnung der Terrororganisation ist das Ziel der militärischen Verteidigung gegen eine Organisation, die nach der Liquidation von Juden im Allgemeinen und Israels im Besonderen trachtet. Und da geht ein Aufschrei durch Old Europe sowie – was man wohl zu befürchten hatte – durch die Medien eines seiner wichtigsten Protagonisten: „Israel greift an zwei Fronten an“ (Süddeutsche Zeitung), „Angriffe auf Touristenziele im Libanon“ (FAZ), „Freie Fahrt fürs Militär“ – das israelische, versteht sich – (taz), „Israels Angriffe lähmen den Libanon“ (Frankfurter Rundschau) oder „Israelische Militäroffensive: Sündenbock Libanon“ (WDR) schlagzeilt es allenthalben. Europäische Politiker wie der französische Präsident Jacques Chirac („völlig unverhältnismäßig“) oder die deutschen Minister Frank-Walter Steinmeier („Destabilisierung des Libanon“) und Heidemarie Wieczorek-Zeul („völkerrechtlich völlig inakzeptabel“) sekundieren unterdessen. Und in der UNO sorgen sich einmal mehr nur die USA um Israel und verhindern die x-te Resolution, die es verurteilt und die islamistischen Terrorangriffe noch nicht einmal zur Kenntnis nimmt. Dabei geht es sowohl der Hamas als auch der Hizbollah und darüber hinaus beispielsweise auch den Al-Aqsa-Brigaden und dem Islamischen Djihad um nichts weniger als darum, den „historischen Sündenfall“ (Henryk M. Broder im Spiegel) rückgängig zu machen: „Nicht die Besetzung der 1967 eroberten Gebiete, sondern die Gründung Israels im Jahre 1948“. Und um es noch einmal denjenigen zu erwidern, die meinen, der Terror sei bloß eine Reaktion auf qualvoll erlittene Benachteiligung:

„Man muss sich auch von der Illusion verabschieden, es sei die Aussichtslosigkeit auf ein normales Leben, die zur Verzweiflung führe und Gewalt erzeuge. Das Gegenteil ist der Fall. Wann immer sich in der jüngsten Vergangenheit eine Chance auftat, den Kreislauf der Gewalt zu unterbrechen, schickten die Hamas, die Hisbollah, der Djihad oder die Al-Aksa-Brigaden ihre Selbstmordkommandos nach Israel. Man konnte die Uhr danach stellen: Stand der Abschluss eines Teilabkommens zwischen Israel und der PLO oder der Besuch eines internationalen Vermittlers auf der Agenda, mussten gleich zerfetzte Leichen aus ausgebrannten Bussen geborgen werden.“

Israel hat nicht den Libanon angegriffen, wie es die Völkerrechtler in Politik und Medien hierzulande meinen; es ist die Abwehr von Terrorattacken, die auch nach dem Abzug aus dem Gaza-Streifen fortgesetzt wurden – mehr als zuvor –, und eine Reaktion auf die nach einem demokratischen Procedere installierte Hamas-Regierung samt ihrer Sympathisanten und Unterstützer. Das bringt in Deutschland eine Mehrheit, die ohnehin schon der Ansicht ist, Israel führe einen „Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“, auf die Palme und findet seine Sprachrohre beispielsweise beim so genannten Rotfunk, der rasch seinen Radio-Kommentator Jürgen Hanefeld von der Leine ließ:

„Egal, welche innenpolitischen Motive Premierminister Olmert und seine Falken dazu bewogen haben, sich wie ‚Schurken’ zu verhalten – aber sie tun es. Nicht Syrien, nicht Iran, nicht Nordkorea – keiner der üblichen Verdächtigen hat seine Grenzen überschritten und die seiner Nachbarn verletzt, es ist Israel. Ausgerechnet Israel!“

Ein Land also, das doch nicht nur nach Auffassung eines westdeutschen Rumfunkers wissen müsste, dass es erbsündigt:

„Die Frage ist: Wer bringt Herrn Olmert zur Vernunft, bevor der Überfall in einen Krieg mündet, der nicht nur den Nahen Osten erschüttern, sondern die Welt erneut spalten kann. Ein westlicher Diplomat bemerkte neulich, Israel glaube immer noch, Anspruch auf die Sympathien des kleinen David mit der Steinschleuder zu haben. Und merke nicht, dass es längst als aggressiver Goliath wahrgenommen wird. Wer sagt es Herrn Olmert?“

Und wer sagt Herrn Hanefeld, welch ressentimentgeladenen Unsinn er über den Äther schickt? Am treffendsten Henryk M. Broder:

„In dieser asymmetrischen Situation, in der die Terroristen alles dürfen, Israel dagegen gemahnt wird, sich an das Völkerrecht zu halten und nicht ‚zu überreagieren’, kann es eine angemessene, maßvolle und richtige Reaktion nicht geben. Auch dann, wenn Israel auf einen Terroranschlag nicht reagiert, geht der Terror weiter. Die Kassam-Raketen werden nicht von Abschussrampen, sondern aus den Hinterhöfen inmitten bewohnter Gebiete abgefeuert. Kommen bei einem israelischen Angriff Zivilisten ums Leben, heißt es: Die Israelis greifen zivile Ziele an.“

Der Hizbollah-Führer Nasrallah (Foto) macht aus seinen Zielen in der Zwischenzeit keinen Hehl: „Wir sind bereit für einen offenen Krieg.“ Den praktiziert er mit seiner Truppe schon länger, und seine Worte signalisieren die fanatische Lust nach Zerstörung, Tod und Elend. Sie sind Ausdruck einer Strategie, die über Leichen geht: Vernichtung als gesellschaftliche Perspektive, weil andere Zukunftsmöglichkeiten nur um den Preis des eigenen Untergangs zu haben wären. Die Widersprüche in den arabischen Staaten mit ihrer weit geöffneten Schere zwischen unermesslichem Reichtum und bitterer Armut können nur in Schach gehalten werden, wenn es Feinde gibt, die an der Not nicht geringer Teile der Bevölkerungen die Schuld tragen sollen: den kleinen und den großen Satan, Israel und die USA. Der Kampf gegen sie erfordert eine bis zum Äußersten gehende Opferbereitschaft, die dem islamistischen Imperativ „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ folgt. Wer sich dem widersetzt und sich ein besseres Leben (!) vorstellen kann als das Selbstaufgehen in brutalem antisemitischem Terror, wird als Verräter oder Kollaborateur in wütendem Furor verfolgt und bestraft. Mit heiligem Zorn begegnen die Islamisten daher auch denjenigen, die sich ihrer direkten Unterwerfung entziehen und statt ans Ressentiment an die Vernunft appellieren, wie der in Ägypten geborene und in den USA lebende Journalist Youssef Ibrahim, der in der New York Sun schrieb:

„Liebe palästinensisch-arabische Brüder, der Krieg mit Israel ist vorbei, ihr habt verloren, ergebt euch und fangt an, über eine sichere Zukunft für eure Kinder zu verhandeln. […] Was für ein Kampf ist das? Ist er es wert, dass er geführt wird? Was für eine elende Zukunft bringt er euren Kindern, der vierten und fünften Generation der Habenichtse unter den Arabern? Wir, eure Brüder, sind schon weiter. Diejenigen von uns, die mit Öl Geld gemacht haben […], bauen Universitäten und Schulen. Diejenigen, die Grenzen mit Israel haben […], werden für euch nicht in den Krieg ziehen. Und denjenigen, die weit weg leben, ist es egal, was mit euch passiert.“

Es ist der Ausbruch aus dem nationalen Kollektiv, der die Voraussetzung dafür bietet, etwas anderes denken zu können als die Perspektive namens Jenseits. Das ist ein individueller Schritt, der jedoch lebensgefährlich ist, wenn er das Stadium der Vereinzelung nicht überwinden kann, und der daher größtmöglicher Unterstützung bedarf. Einer Unterstützung jedoch, die kaum jemand zu leisten bereit ist. Die scharfe Kritik an Israel, die trotz der obligatorischen gegenteiligen Beteuerungen eine Delegitimation bedeutet, bewirkt das Gegenteil. Aber das ist vermutlich auch so beabsichtigt.

Hattips: Mona Rieboldt, ILI, Spirit of Entebbe

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