Palästinensisches Elfmeterschießen

Es gibt Werte und Worte, die hierzulande traditionell einen positiven Klang haben, weil sie sozusagen unter die Rubrik deutsche Sekundärtugenden fallen; man schätzt sie in der Gesellschaft, beim Fußball, in den eigenen vier Wänden – und durchaus auch bei anderen:

„Die von der radikal-islamischen Hamas geführte Palästinenserregierung will mit einer neuen Spezialeinheit Disziplin und Ordnung durchsetzen. Innenminister Said Siam sagte in Gaza, die Truppe werde die Polizei bei Einsätzen unterstützen. Sie solle die Anarchie in den Palästinensergebieten beenden.“

So verlautbarte es die Deutsche Presse-Agentur, und selbst diese vermeintlich neutrale Meldung spiegelt dabei die so unbeirrbare wie aberwitzige Ansicht wider, die Hamas könnte qua Zähmung als Regierungspartei irgendetwas Konstruktives und Weiterführendes zuwege bringen. Kurz darauf erfährt man dann immerhin – von einem anderen Mediendienst –, wer das Sondereinsatzkommando leiten soll:

„Der neue palästinensische Innenminister hat […] einen berüchtigten Extremisten zu seinem wichtigsten Mitarbeiter ernannt und die Bildung eines Sicherheitsdienstes aus Mitgliedern militanter Gruppen angekündigt. Hamas-Minister Siad Siam beförderte Jamal Abu Samhadana, Chef eines ‚Volkswiderstandskomitees’, zum Generaldirektor. Sein Komitee ist verantwortlich für zahlreiche Raketenangriffe auf Israel aus den vergangenen Wochen.“

Samhadana (Foto oben) hat mit der Fatah – die die Polizei- und Sicherheitsapparate bislang dominiert – noch eine Rechnung offen, nachdem er von ihr infolge eines Dienstvergehens als Offizier entlassen worden war. Unter der Hamas wurde er nun zum Oberst befördert – und zeigte gleich Tatendrang: Die neu zu gründende Truppe werde sich aus der „Elite der Freiheitskämpfer und Djihadisten“ rekrutieren. Das war natürlich ein glatter Affront gegen Mahmud Abbas, der daraufhin auch gleich

„sein Veto gegen eine umstrittene Personalentscheidung der Hamas-geführten Regierung eingelegt [hat]. […] Abbas veröffentlichte am Freitag ein Dekret, in dem er die Berufung von Jamal Abu Samhadana […] ablehnte“.

Was wiederum für ordentlich Zündstoff sorgte, denn derlei Konflikte darf es eigentlich gar nicht geben:

„Hamas-Chef Chaled Maschaal warf daraufhin den führenden Fatah-Politikern vor, Versuche des Westens zu unterstützen, die neue Hamas-Regierung zu isolieren. Die Fatah beschuldigte die Hamas im Gegenzug, sie wolle einen Bürgerkrieg provozieren.“

Eine Unterstützung von „Versuchen des Westens“ heißt im Klartext „Kollaboration mit dem zionistischen Feind“, also die Kapitulation vor den alle Palästinenser bedrohenden finsteren Mächten. Ein harter Vorwurf, und daher erinnerte sich auch der ach so gemäßigte Abbas rasch seiner vaterländischen Pflichten:

„Nach den schwersten innerpalästinensischen Zusammenstößen seit Monaten wollen die radikal-islamische Hamas und die Fatah-Organisation von Präsident Mahmud Abbas gemeinsam für eine Entspannung der Lage sorgen. Nach einer Krisensitzung unter ägyptischer Vermittlung versicherten beide Seiten, alle gegenseitigen Provokationen einzustellen. Der palästinensischer Außenminister Mahmud Sahar sagte, dass die Hamas und die Fatah sich um eine Beilegung der Auseinandersetzung bemühten. ‚Ausländische Regierungen, die israelische Besatzungsmacht und andere’ hätten ein Interesse daran, die palästinensische Regierung bloßzustellen, so Sahar.“

Da ist der Herr Präsident (Foto) aber gerade noch mal dem Vorwurf entronnen, ein Insurgent zu sein. Seine Parteigänger jedoch traten quasi zum Elfmeterschießen gegen die Konkurrenz an:

„Nach Angaben von Augenzeugen stürmten Fatah-Anhänger das von der Hamas geführte Gesundheitsministerium, Personenschützer des Minister eröffnete daraufhin das Feuer. Drei Menschen wurde dabei verletzt. Am Samstag waren bei Zusammenstößen zwischen Anhängern der Hamas und der Fatah in Gaza 21 Menschen verletzt worden. Studenten bewarfen sich vor der Universität in Gaza-Stadt mit Steinen, Sicherheitskräfte konnten die Lage nicht beruhigen. Die Lage eskalierte, als sich bewaffnete Männer einmischten und das Feuer eröffneten.“

Da wird die neue Spezialeinheit also gut was zu tun haben. Um was für einen Haufen es sich dabei handelt, erfährt man in deutschen Medien allerdings nicht; dafür muss man schon die Jerusalem Post lesen. Die informiert beispielsweise darüber, dass ihr Vorgesetzter Samhadana viele Jahre lang von Israel gesucht wurde, weil er in Attentate gegen Soldaten der IDF und jüdische Siedler involviert war. Dass sein Volkswiderstandskomitee, dessen Gründer er bereits war, unter anderem für einen Angriff im Gazastreifen auf ein US-amerikanisches Diplomatencorps im Jahre 2003 verantwortlich gewesen ist, bei dem drei Amerikaner getötet wurden. Und dass Samhadana nun ein Ensemble führt, das aus mehreren tausend Hamas-Militanten bestehen, parallel zu den offiziellen Repressionsorganen der Palästinensischen Autonomiebehörde existieren und nur erlesene Kombattanten umfassen soll, wie ein der Hamas zugehöriger Sprecher des palästinensischen Innenministeriums ankündigte:

„Die Streitmacht wird die Elite unserer Söhne der Freiheitskämpfer einschließen, die heiligen Krieger und die besten Männer, die wir haben.“

Man möge diese Einlassungen bitte nicht als bloß pathetische Phrase abtun: Sie sind vollkommen ernst gemeint. Dass es sich bei den zu erwartenden Aufräumaktionen um das Begleichen alter Rechnungen unter Schurken handelt, macht die Sache eher noch schlimmer. Denn es lässt sich schwerlich behaupten, die Fatah gebe einen Widerpart, der seinen Namen auch verdient. Vielmehr geht es um die Beseitigung sämtlicher Fraktionen, auch wenn sie alle ein großes gemeinsames Ziel verfolgen – die Zerstörung Israels nämlich – und sich lediglich um den geeignetsten Weg dahin zoffen. Ernsthafte Widersprüche existieren jedenfalls nicht.

Übersetzung aus der Jerusalem Post: Liza; Hattip: Honestly Concerned

%d Bloggern gefällt das: