Konformismus als Kunst

Woran eine Landsmannschaft sich erfreut oder: Eine contradictio in adiecto – Kabarett in Deutschland nach dem NS. Der Fall Hagen Rether (Jahrgang 1969) aus Essen/Ruhrgebiet. Ein Gastbeitrag von Peter Harris.

Wer kürzlich beim Zappen ein paar Minuten den schwäbisch-deutschen Kabarettisten Mathias Richling (Foto) die aktuellsten Scheiben wischen sah, wusste, wo er respektive sie sich befindet: zu Gast bei Freunden im deutschen Fernsehen. Endlich mal Nichtdenken! Die Amerikanische Revolution wurde da von Richling mit Verve in althergebrachter, neurechter Diktion an den Pranger gestellt, und man erinnert sich, dass der Topos des bösen Amerikaners schon im 19. Jahrhundert seine Blüten trieb, nach 9/11 jedoch in nachgerade endemischem Maße anstieg. Aber schon zu früheren bundesrepublikanischen Zeiten entfaltete er seine Wirkungsmächtigkeit, beispielsweise Anfang 1979, als die US-amerikanische TV-Serie Holocaust in deutschen Stuben über die Mattscheiben flimmerte. Plötzlich wollten deutsche und österreichische Nazis – wie in der Faschopostille Sieg aus Vorarlberg oder wir selbst aus Koblenz, dem wohl bekanntesten nationalrevolutionären Blatt – intensiv von den Indianern sprechen, um eine Auseinandersetzung mit der Shoa zu unterbinden; ja, die amerikanischen Ureinwohner dienten als praktisches Hilfsmittel, um Erinnerungsabwehr und sekundären Antisemitismus noch weiter in der politischen Kultur zu verankern. Man denke in diesem Zusammenhang an die Agitationen eines Henning Eichberg, aber auch an die Traktate eines Rolf D. Winter – vor allem mit seinem Buch „Ami go home“ bis heute Basisliterat konformistischer Sozialdemokraten, von Antiimps und Nazis – oder an die Ausführungen eines Karl Heinz Deschner, der den antisemitischen Topos Moloch auf die USA anwendet und damit auch rechtsaußen Beifall findet; man rufe sich also all das in Erinnerung, wenn Kabarettist Richling die USA anklagt, vor 200 Jahren die Indianer ausgerottet und heute deshalb kein „Fremdenproblem“ zu haben, woran sich – darin soll die Pointe bestehen – Deutschland doch orientieren möge. Gab es früher mit Siggi Zimmerschied („Auschwitz’n“) oder Matthias Deutschmann („Hitler on the Rocks“) und ihren beißenden, gleichsam antideutschen, Ressentiments entlarvenden und Gesellschaftskritik künstlerisch vermittelnden Stücken noch rühmliche Ausnahmen von der Regel, so gerieren sich heute vor allem junge, aufstrebende Nachwuchskünstler als Sprachrohr des Mainstreams und bedienen sich dabei der neuen lingua franca Europas (Andrei Markovits), des Antiamerikanismus.

Die Geschichte der politischen Kleinkunst nach 1945 wäre also an sich eine größere Untersuchung wert. Exemplarisch seien hier nur einige Anmerkungen zum derzeitigen deutschen Trendkabarettisten Hagen Rether – geboren in Rumänien, aufgewachsen in Freiburg im Breisgau und wohnhaft in Essen – gestattet. Rether ist unter anderem Preisträger des renommierten Passauer Scharfrichterbeils 2004 und letztjähriger Gewinner des Förderpreises des Handelsblatts Düsseldorf mit Namen Sprungbrett. Wer so reüssiert in einem Land wie diesem, muss dem Volk gehörig nach dem Maul reden. Oder gerade nicht? Rethers Kritik des Authentizitismus eines Herbert Grönemeyer zumindest ist tatsächlich nicht unkomisch und eine durchaus gelungene Persiflage auf den peinlichen und allzeit betroffenen Bochumer Sänger mit Sendungsbewusstsein. Dass Grönemeyer jedoch – wie viele Deutsche – ein eifernder und geifernder Antiamerikaner ist, moniert Rether keineswegs; vielmehr haben die beiden Barden hier durchaus eine gemeinsame Quelle.

Und der Mainstream schlägt sich nonstop auf die Schenkel, wenn Rether (Foto) loslegt: Schon sein Outfit finden ganz normale Deutsche urkomisch und provokativ – Anzug, weißes Hemd und eine rote Armbinde, die natürlich an die NSDAP erinnern soll, doch stattdessen mit dem Logo des Arbeitsamts versehen ist. Ob sich Rether dann über den amerikanischen Präsidenten lustig macht – dessen Mutter „einst George W. unter Schmerzen geboren“ habe, „und alle hätten gedacht, das Kind sei gesund“ –; ob er in widerwärtiger Anbiederung an den Djihadismus meint, die Terroranschläge am 11. März 2002 in Madrid hätten in München stattgefunden, wäre Angela Merkel damals schon Kanzlerin gewesen; ob er den alt- und neonazistischen Topos Trizonesien aufwärmt und dabei – um das gegenwärtige Ressentiment auf die USA gerade energiepolitisch hochzukochen – den Irak meint, der dreigeteilt sei, nämlich in „Diesel, Super und Normal“ (hierzulande ist der Benzinpreis noch immer einer der wichtigster Indikatoren für die Stimmung im Land, weit wichtiger als das Abschlachten von Juden durch Palästinenser in Israel oder das versuchte Totschlagen eines schwarzen Deutschen in Potsdam); ob er noch einen antipolnischen Witz reißt, den er Harald Schmidt abgeschaut hat – „Dass im Irak polnische Soldaten eingesetzt sind, bedauerte Hagen Rether. Denn die Museen in Bagdad seien schließlich geplündert worden, bevor die Polen dort eintrafen“: Für all das ist Rether der tosende Applaus seines Publikums gewiss. Denn er bedient deutsche Ressentiments, wo er nur kann – und inszeniert seine Stücke dabei stets als Bruch vermeintlicher Tabus, die doch nur behauptet werden, um sie dann auf- und angreifen zu können. So geriert sich Rether als mutiger Rebell, wo er bloß puren Konformismus zu bieten hat.

So etwas freut auch die Landsmannschaft Siebenbürgen, der Rether ein Interview gegeben und die zudem einen ausführlichen Bericht über sein aktuelles Programm Liebe publiziert hat:

„Dass sich Rether aber auch einen Zeitgenossen vom Kaliber eines Michel Friedman vornimmt, das hat man in Deutschland so noch nicht gesehen. Friedman das für ihn abgewandelte Lied des armen jüdischen Milchmanns Tevje aus dem Musical ‚Anatevka’ singen zu lassen (‚Wenn ich nicht so reich wär, deidel, didel, deidel, didel, deidel, die’) – das ist, gelinde gesagt, ein Stückchen wiedergefundene Normalität im heutigen deutsch-jüdischen Nebeneinander.“

Da kann man schon mal in euphorisches Schwelgen geraten:

„Eine Nachricht, die Werbung, der entlarvende Spruch eines Politikers, ein Modewort. Alles wird mit großer Lust am pointierten Formulieren zerpflückt, gewendet, kommentiert und mit messerscharfer Logik ad absurdum geführt. Das Ganze akustisch angereichert mit improvisierten Tonfolgen zwischen Klassik und Moderne, Jazz und Boogie-Woogie. Keine Frage, mit Rethers kurzweilig-intelligenter, oft hochpolitischer Pianoplauderei ist das deutsche Musikkabarett im 21. Jahrhundert angekommen. Dazu gehört vielleicht auch der unverkrampftere Umgang mit bisherigen Tabuthemen: ‚Israel, ein ganz normaler Apartheidstaat’. Kein Antisemitismus, nirgends. Selten eine klügere Missbilligung jüdischer Politik gehört.“

Dieser neonazistische Antisemitismus – Israel erscheint als Beispiel für „jüdische Politik“! – passt zu den deutschen Verhältnissen insgesamt und keineswegs nur zu einer notorischen Vertriebenenvereinigung. In dem Interview mit den Landsmannschaftlern betreibt Rether zwar keine direkte Heimattümelei – was bei einem Exklusiv-Interview für eine revanchistische Organisation inkonsistent und abstrus anmutet –, doch er hat Mitgefühl mit den Ausgesiedelten:

Waren Sie seither noch mal in der alten Heimat?

Ich war einmal als Neunjähriger in Rumänien. Das Elend dort hat mich schockiert. Mir wurde schnell klar, dass das mit mir nichts zu tun hatte. Die Leute taten mir leid, aber ich muss da nicht sein. Ich bin auch kein Dritte-Welt-Tourist.

Emotional also –


…eher Ablehnung. Vielleicht, weil ich so erzogen worden bin. Man war glücklich, endlich hier zu sein. Ich kenne da so viele schreckliche Geschichten von den Großeltern und Eltern, die da gelitten haben, jahrzehntelang.“

Sigmund Freud hätte seine helle Freude an einem Fall wie Rether, wenn dieser sagt: „Früher wollten sie heim ins Reich, heute reich ins Heim.“ Deutsches Kabarett nach Auschwitz will beides.

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