Friedenseier

Wäre es eigentlich eine arge Gemeinheit oder gar respektlos, die in die Jahre gekommenen Berufsprotestierer der Friedensbewegung als rüstig zu bezeichnen? Mindestens würde man von ihnen wohl des sprachlichen Militarismus’ geziehen, stellte man ihre Aktivitäten in einen solch despektierlichen Kontext; besonders beleidigte Exemplare wären vermutlich gar aufrichtig entrüstet. Zumal jetzt, da sie, einer lieb gewonnenen Gewohnheit respektive dem stummen Zwang folgend, die Ostertage nicht zum Eiersuchen, sondern zum Marschieren nutzen wollen – und dabei zweifellos zutiefst dankbar sind, dass der Iran sich soeben zur Atommacht erklärt hat. Denn jetzt hat man richtig was zu tun beim Netzwerk Friedenskooperative, bevor man die morschen Knochen „von Aschaffenburg bis Zwickau“ ein bisschen ausschütteln geht:

„Nur wirklich konstruktive Verhandlungsangebote können die Mullahs jetzt dazu veranlassen, unter ‚Wahrung ihres Gesichts’ substanzielle Zugeständnisse zu machen und auf das im Nichtverbreitungsvertrag festgeschriebene Recht zum vollen zivilen Brennstoffkreislauf zu verzichten.“

Im Grunde versprechen die Ostermärsche ja ganz lustig zu werden, wenn die ergrauten Träger der „Atomkraft? Nein danke!“-Buttons mit ernster Miene den zwanzigsten Tschernobyl-Jahrestag begehen, während ihr Zentralkomitee in einer Presserklärung – sprachlich etwas holprig, aber das kann in der Aufregung schon mal passieren – vom „Recht zum vollen zivilen Brennstoffkreislauf“ spricht. Ist aber vielleicht auch nur eine taktische Finte; einig weiß man sich allemal darin, dass das islamistische Regime im Iran Zückerchen braucht und nicht die Gerte:

„Zentral wären Nichtangriffsgarantien für das von US-Basen umzingelte Land sowie die Einleitung eines Friedensprozesses für die Gesamtregion Naher und Mittlerer Osten in Form einer Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit, die auch eine Atomwaffenfreie Zone unter Einschluss Israels bei gegenseitigen Sicherheitsgarantien und wirtschaftlicher Zusammenarbeit anstreben müsste.“

Ahmadinedjad wird begeistert sein vom Dekret seiner fünften Kolonne, die sich so „konstruktiv“ auf seine „Verhandlungsangebote“ – Leugnung der Shoa, Vernichtungsdrohung gegen Israel, Atomwaffenproduktion – bezieht und sie mit Forderungen nach „Nichtangriffsgarantien“, „wirtschaftlicher Zusammenarbeit“ und der Entwaffnung Israels belohnt. Getrennt marschieren (nicht nur zu Ostern), vereint schlagen – der Feind ist schließlich derselbe:

„Die Erklärung des UN-Sicherheitsrates zu Iran mit der Setzung einer 30-Tage-Frist zum Stop der Uranaufbereitung erweist sich schon jetzt als schwerwiegender Fehler, droht politisches Management in eine Sackgasse zu führen und letztlich zu einer Rechtfertigung für etwaige militärische Aktionen der US-Regierung mit dem Ziel eines Regimewechsels im Iran zu werden.“

Was natürlich niemand wollen kann, trotz Holocaustleugnung und antijüdischer Eliminationsabsichten, denn:

„Die Steilvorlagen der tatsächlich verabscheuungswürdigen (selbst wenn nicht inkorrekte Übersetzungen zu Grunde gelegt werden) Äußerungen Ahmadinedjads werden zu entsprechender Dämonisierung benutzt. Schon wieder haben wir einen neuen Hitler.“

Bei aller notwendigen Zurückhaltung in Bezug auf historische Parallelisierungen fragt man sich ja schon etwas erstaunt, was es eigentlich noch groß zu dämonisieren gibt, wenn wirklich mal einer vollkommen unverblümt den Adolf macht und einen Klartext redet, der sich auch durch mögliche sprachliche Missverständnisse nicht mehr beschönigen lässt. Aber vermutlich ist es ohnehin gänzlich zwecklos, den Peaceniks mit dem Verweis auf München 1938 die Sinnlosigkeit eines Appeasements gegenüber antisemitischen Diktatoren deutlich zu machen. Denn echte Friedensfreunde haben ganz andere Sorgen:

„Die USA scheinen entschlossen, gegen den Iran einen Luftkrieg zu führen. Diesmal könnte es Washington gelingen, die EU vor ihren Kriegskarren zu spannen, wenn sich nicht die Bürgerinnen und Bürger dagegen zur Wehr setzen. […] Selbst wenn Teheran Atomwaffen anstrebte, […] könnte der Iran auf absehbare Zeit niemanden mit Atomwaffen bedrohen, ungeachtet aller verbaler Attacken des iranischen Präsidenten Ahmadinedjad. […] Die US-Regierung scheut wegen eigener Hegemonialinteressen nicht davor zurück, den Weltfrieden zu gefährden und einen Flächenbrand in der Region zu riskieren.“

Man könnte solche Sätze, die kürzlich per Aufruf in einer überregionalen Tageszeitung veröffentlicht wurden, als weltfremde Phantasmagorien qualifizieren, doch derlei Abseitigkeiten sind so harmlos leider nicht.* Denn der Irak-Krieg hat gezeigt, dass sie mindestens phasenweise die Masse zu mobilisieren verstehen. Auch das Netzwerk Friedenskooperative weiß das natürlich, weshalb man mit einer erneuten Erregung öffentlichen Ärgernisses kokettiert:

„Eine konstruktive Friedenspolitik der Bundesrepublik und der EU könnte uns ersparen, wieder […] mit Hunderttausenden gegen einen beginnenden Krieg gegen Iran demonstrieren zu müssen.“

Wäre es nicht weitaus wichtiger, geeignete – und das heißt auch militärische – Maßnahmen zum Schutz vor allem Israels zu unterstützen und der islamistischen Barbarei das Handwerk zu legen, man hätte glatt in Erwägung zu ziehen, alles dafür zu tun, um den angedrohten qualvollen Manifestationen des antiamerikanischen Mobs zu entgehen. Aber vielleicht gibt es auch für dieses Problem eine Lösung, zumal jetzt: Zu viele Ostereier zu essen, ist eh’ nicht gut für den Cholesterinspiegel – da drängt sich eine alternative Verwendung geradezu auf. Gelegenheiten dazu gibt es genug.

* Laut einer Umfrage nämlich sind 45 Prozent der Deutschen der Ansicht, dass von den Vereinigten Staaten eine „größere Bedrohung für den Weltfrieden“ ausgeht als vom Iran (Hattip: Esther).
Hattip für den Cartoon von Cox & Forkum: Si Vis Pacem, Para Bellum

%d Bloggern gefällt das: