Barde des Ressentiments

Es ist ja gar nicht mal schlecht, Kontinuitäten in seinem Leben zu wissen, Beständiges, Fortwährendes und scheinbar Unveränderliches. Derlei Konstanten und Gewohnheiten geben irgendwo einen gewissen Halt, gerade in unruhigen Zeiten, und sie müssen dabei nicht einmal notwendigerweise charmant sein oder andere positive Eigenschaften aufweisen; in der Regel reicht es, dass sie einfach da sind. Menschen, die ihre Jugend in den 1980er und ihre Adoleszenz in den 1990er Jahren ausagierten, reagierten daher schwer verstört, als der Kanzler plötzlich nicht mehr Kohl hieß. „Bundeskanzlerhelmutkohl“ – das war wie ein Wort, ein Faktum für die Ewigkeit, das allen Gezeiten und Launen der Natur trotzte. Doch plötzlich kam ein Neuer, und der hieß anders. Da soll man nicht irritiert sein und aus dem Gleichgewicht geraten?

Auf manche Stetigkeiten könnte man gleichwohl gut verzichten. Eine davon wird heute fünfzig Jahre alt, hört auf den Namen Herbert Grönemeyer und deshalb einfach nicht auf zu singen. Dabei sah es Anfang der Achtziger noch ganz gut aus, als dem heutigen Lieblingssänger der Deutschen kaum jemand so recht Beachtung schenken wollte. Doch der war damals schon ein Getriebener, der sich nicht bremsen ließ und später freimütig bekannte: „Ich muss immer weitermachen. Wenn eine Platte fertig ist, denke ich sofort an die nächste.“ Irgendwann lohnte sich das dann doch, und inzwischen ist er mit über 15 Millionen Platten nicht nur der populärste, sondern auch der bestverdienende deutsche Barde der letzten 25 Jahre.

Man wird sie also nicht los, die allzeit betroffene Dauernervensäge, und das Geheimnis für ihre ungebrochene Beliebtheit, das keines ist, plauderte die Süddeutsche Zeitung in einem Gratulationsschreiben aus: „Grönemeyer sang, wie er sich fühlte. Das macht ihn authentisch – und erfolgreich.“ Hierzulande steht man bekanntlich auf das scheinbar Ursprüngliche, Vermittlungslose und Unverfälschte, weshalb bevorzugt der verehrt wird, des der Mund überläuft, wes das Herz voll ist. Und da drängt sich der gebürtige Göttinger geradezu auf, denn er „versteht es musikalisch auch, den Nerv seiner Fans zu treffen. Die Liedtexte […] zeugen oberflächlich von Naivität, als würde ein Kind einen Blick auf die Welt werfen. Dennoch aber steckt in ihnen eine Tiefe, die selbst Xavier Naidoo nicht erreicht. Das lieben die Fans: schwierige Themen einfach dargestellt, mit eingänglichen Klängen untermalt.“

Eher etwas für schlichte Gemüter also, möchte man achselzuckend meinen, wäre da nicht die erschreckende Erkenntnis, dass es wohl genau das ist, was Grönemeyers Anziehungskraft ausmacht. Schließlich ist er „ein Menschenversteher“, der sich „vor Jahren bereits selbst gefunden“ hat und seitdem weiß, „was die Menschen um ihn herum bewegt, was sie besorgt“. Das kann man wohl sagen: Die da oben? Machen sowieso, was sie wollen! Krieg? Immer schlecht, wenn ihn die Amis führen! Hungernde Kinder in der Dritten Welt? Und wir fressen uns hier die Wampe voll! Das ganze mit ein paar Beats unterlegt und mit moralinsaurem Blick ins Mikrofon genuschelt – ein echtes Prachtexemplar der Schöpfung.

Am Anfang der Grönemeyerschen Laufbahn, in Bochum, wurde noch so richtig der Proletkult gepflegt: Zeilen wie etwa „Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt, du Blume im Revier“ spielten affirmativ und kaum verklausuliert auf das postnazistische Wirtschaftswunder an – den Zusammenhang also zwischen Vernichtung und Volkswohlstand –, und die unerträglich kitschige Arbeiterromantik rührt den Pott, „wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld“, bis heute zu Tränen; die Verbindung von Schnulze und konformistischer Rebellion zieht einfach. Grönemeyer verstand es stets ausgesprochen geschickt, so zu tun, als gehe es ihm in Wahrheit gar nicht um den – allemal nachvollziehbaren – geldwerten Erfolg, sondern um Werte jenseits des ach so schnöden Mammons. Nationaler Taumel und deutsche Selbstbesoffenheit im Zuge der Wiedervereinigung 1989/90 waren ihm kein Problem, sondern bloß die damit einhergehenden ökonomischen Umbrüche und ihre Nutznießer – gerade so, als ob er nicht selbst zu denen gehört hätte, die von neuen Absatzmärkten profitierten. Aber der Hass auf Sinnlichkeit und Genuss war stärker: „Alle Welt auf Droge, Städte im Schönheitsschlaf, Passagiere schlürfen eifrig Austern. […] Umgeben uns nur mit Kashmir und mit Seide, alle Wünsche sind erfüllt, Ideale verkauft, Hoffnungen Hirngespinste, Luxus ist das, was uns zusammenhält“, appellierte er 1991 in Luxus an eine Charaktereigenschaft, die quasi überzeitlich ist: Deutsch zu sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.

Weitere Beispiele für solcherlei Attacken gegen Raffgier, Parasitentum, Konsumrausch, Bestechung und andere sinistre Erfindungen respektive Methoden der Reichen und Mächtigen finden sich in Grönemeyers Liedgut zuhauf, etwa in Hartgeld oder Kaufen; die Herschmerz-Songs von Männer bis Mensch sind dazu die passende Ergänzung, weil in ihnen das Gefühlige, Unmittelbare und Echte gepriesen und gegen den unbarmherzigen Turbokapitalismus in Anschlag gebracht wird. Grönemeyer hat stets das Lob der produktiven, scheinbar ehrlichen Arbeit gesungen und sie einer vermeintlichen Nicht-Arbeit gegenübergestellt; er hat sentimentale Heimatlieder gegen die Wurzellosigkeit geschrieben und die Welt als eine vertont, in der gewissenlose Egomanen, im Verborgenen wirkend, die Masse absichtsvoll betrügen. Die Nähe zu antisemitischen Topoi ist nicht von der Hand zu weisen – was der Beliebtheit des Schlagerstars selbstverständlich zu keiner Zeit einen Abbruch tat.

Gehört wurde und wird er allenthalben, nicht nur von sich kritisch dünkenden Deutschen, obwohl er dort mit seinem Ruhrpottromantizismus, seinem Antikapitalismus und seiner rebellischen Attitüde besonders gut aufgehoben ist, zumal er schon 1984 mit Amerika das Ressentiment in eine Hymne goss, die noch heute gerne auf Antikriegsdemonstrationen gespielt wird. Anlässlich seines Fünfzigsten soll Grönemeyers Kreation hier vollständig dokumentiert werden, denn sie gibt mit wirklich jeder Silbe Aufschluss darüber, wes Geistes Kind dieser Mann ist und warum man in diesen Breitengraden so gerne nach seiner Musik tanzt:

Du kommst als Retter in jeder Not,
zeigst der Welt deinen Sheriffstern,
schickst Sattelschlepper in die Nacht,
bringst dich in Stellung, Amerika.

Oh Amerika, du hast viel für uns getan,
oh Amerika, tu uns das nicht an.

Viele Care-Pakete hast du uns geschickt,
heute Raketen, Amerika.
Du hast bei dir so viel mehr Platz als wir,
was sollen sie hier, Amerika?

Oh Amerika…

Oh Amerika, wenn du gar nicht anders kannst,
oh Amerika, dann prügel, wenn du dich prügeln musst,
in deinem eig’nen Land.

Du willst in allem immer besser sein,
größer, schneller, weiter, Amerika.
Ich habe Angst vor deiner Fantasie,
vor deinem Ehrgeiz, Amerika.

Oh Amerika…

Lad Russland endlich zu dir ein,
einigt, entrüstet euch, Amerika.
Oder schießt euch gemeinsam auf den Mond,
schlagt euch dort oben, er ist unbewohnt.

Oh Amerika…

Aufhören? Na gut. Vorher sei aber noch zur Kenntnis gegeben, dass Herbert Grönemeyer auch für die Hymne zur Fußball-Weltmeisterschaft zuständig ist. Zeit, dass sich was dreht heißt das Stück, das es auch in englischer (Celebrate The Day) und französischer Sprache geben wird. Vielleicht sollte man wenigstens für die Dauer des Turniers wirklich Reißaus nehmen. Aber vorher noch anhören, wie sich ein paar kreative Geister das WM-Lied des Jubilars vorstellen.

Hattip: Dirk Völlger

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