Beckmanns Beckmesserei

Was waren das noch Zeiten, als man bei Fernsehübertragungen von Fußballspielen, wenn’s mal wieder zu arg wurde, einfach den Ton abdrehen und sich die Bilder von der gleichzeitigen Live-Reportage im Radio kommentieren lassen konnte. Vorbei! Inzwischen bleibt als Alternative zu den Dilettanten sowohl der öffentlich-rechtlichen als auch der privaten Free-TV-Sender nur ein kostspieliges Premiere-Abonnement. Dort ist die Qualität der Kommentatoren zwar auch nicht eben überirdisch, aber doch geschmeidiger.

Der gestrige Abend hatte mal wieder so einen Anschlag auf Vernunft und guten Geschmack zu bieten: Die notorische Nervensäge Reinhold Beckmann kommentierte das Länderspiel Italien – Deutschland und antizipierte bereits in seiner Vorberichterstattung das Niveau von Klinsmanns Auswahl. Dass er die in der Tat stolze Saisonbilanz des italienischen Stürmerstars Luca Toni gefühlte siebzehn Mal zum Besten gab (22 Tore in 27 Meisterschaftsspielen – jetzt weiß ich’s auswendig), war – da die Wiederholung bekanntlich die Mutter aller Weisheiten ist – gerade noch zu verschmerzen, wenn auch kaum zu ertragen. Doch dann entdeckte Beckmann, dass ein Teil der deutschen Fußballfans – untergebracht in einem eng umzäunten Block des Fiorentiner Stadions – recht heftig randalierte, und das hatte schließlich eine erregte Tirade auf die Organisatoren der Partie zur Folge, die in dem Satz kulminierte:

„Guantánamo in Florenz!“

Beckmann, das war eine Meisterleistung! Nur drei Wörter für den Refrain einer Hymne auf Antiamerikanismus, Islamversteherei, Old Europe und die deutsche Friedfertigkeit – das muss man erst mal schaffen. Aber im Grunde hat er bloß Wort gehalten und das umgesetzt, was er kürzlich schon im Stern gefordert hatte:

„Es muss wieder ein anderer Geist ins Land kommen. Jeder sucht nach etwas, an dem er sich festhalten kann, nach Werten. Die sind im Moment hier nicht zu finden. Vielleicht können wir etwas Solidarität und Optimismus schaffen.“

Irgendjemand muss dem Beckmann dann gesteckt haben, dass es nicht nur die Zäune in der Arena von Florenz sind, die seine Landsleute so aufbringen, sondern dass sich der Mob austobt wie eigentlich fast immer bei Spielen der Nationalmannschaft, vor allem auswärts. Das findet natürlich auch ein Fußballreporter nicht gut – wegen des Ansehens der Deutschen im Ausland und so –, weshalb er dringenden Handlungsbedarf sieht: Solche Leute dürften gar nicht erst ins Stadion. Da weiß er sich mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) einig. Da der aber dummerweise für die Vergabe der Eintrittskarten an die deutschen Zuschauer zuständig war, jedoch über alle Kritik erhaben sein muss – zumal jetzt, so kurz vor der Weltmeisterschaft –, blieb Beckmann nur eins: „Da haben die Italiener wohl mal wieder nicht streng genug hingeschaut bei den Kontrollen.“

Fassen wir zusammen: Rechtsradikale deutsche Hooligans missbrauchen den Fußball und erschleichen sich zu diesem Behufe Tickets. Da kann man als DFB halt nichts machen, weshalb es Aufgabe der italienischen Behörden respektive Organisatoren wäre, die vermeintlich bloß schwarzen Schafe dingfest zu machen. Das wurde aber versäumt und stattdessen der Block mit den deutschen Anhängern in ein amerikanisches Gefangenenlager verwandelt. Das wiederum macht natürlich aggressiv und irgendwie auch alle rechtsradikal. Logisch, oder?

Die italienischen Spieler konnten den deutschen Reporter nicht hören. Die Antwort haben sie trotzdem auf dem Platz gegeben. Luca Toni hat übrigens auch ein Tor geschossen.

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