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Schülerinnen und Schüler der Afrin-Schule in Bainjan, einem Vorort der Großstadt Sulaimaniyya. Diese Schule, in der Flüchtlingskinder bis zur sechsten Klassen unterrichtet werden, wird von syrischen Flüchtlingen betrieben. © Thomas von der Osten-Sacken

Die hektischen Bemühungen in Europa, des massiven Flüchtlingsstroms Herr zu werden, der da gerade vor allem aus Syrien kommt, und der Kollaps des europäischen Flüchtlings- und Grenzregimes machen eines überdeutlich: Mit seiner Nahostpolitik ist der Westen grandios gescheitert, sie fliegt ihm derzeit mit Wucht um die Ohren. Und das war absehbar, wie die deutsche Nichtregierungsorganisation Wadi, die sich seit Jahrzehnten für Krisenhilfe und solidarische Entwicklungszusammenarbeit in der Region einsetzt, befindet: »Seit vier Jahren bitten die syrischen Demokratie-Aktivisten um Unterstützung aus dem reichen Europa, von dem sie glaubten, es stünde für Demokratie und Menschenrechte: finanzielle Unterstützung, um in den vom Regime befreiten Gebieten demokratische Strukturen aufzubauen, diplomatische, um Assads mächtige Verbündete Iran und Russland in die Schranken zu weisen, Flugverbotszonen und ein bisschen Munition, um ihre befreiten Gebiete zu verteidigen. Aber diese Hilfe blieb weitestgehend aus.« Und deshalb ist das, was momentan auf Europa zukommt, nur folgerichtig, wie Wadi-Geschäftsführer Thomas von der Osten-Sacken feststellt: Die syrischen Flüchtlinge »sind politisch organisiert, wissen, wie man demonstriert, sind in vier Jahren Widerstand gegen eine miese und mörderische faschistische Diktatur gestählt und tragen ihren Protest und ihre Widerstandsformen nun ins Herz Europas«. Dorthin also, wo jedes neu gebaute Haus in einer israelischen Siedlung im Westjordanland die gesamte Diplomatie in Aufruhr versetzt, während selbst 250.000 Tote und zwölf Millionen Flüchtlinge in Syrien kaum jemanden um den Schlaf bringen.

Schlimmer noch: Im Kampf gegen die Barbarei des »Islamischen Staates« (IS) betrachtet das europäische Führungspersonal das Regime des Diktators Bashar al-Assad als kleineres Übel, das Stabilität und Sicherheit garantiert. Dass Assads Luftwaffe siebenmal so viele Zivilisten auf dem Gewissen hat wie der IS, spielt dabei augenscheinlich so wenig eine Rolle wie der massenhafte Abwurf von Fassbomben (mehr als 11.000 seit der Ächtung durch die Uno im Februar 2014) auf die Zivilbevölkerung, 120 Angriffe mit Chlorgas und die Aushungerung von 500.000 Menschen in abgeriegelten Gebieten. »Unter der Patronage Bashar al-Assads installierte sich in Syrien eine Despotie der Rackets, deren Loyalität einzig darin gründet, dass diese vom Regime selbst ermächtigt sind, zu morden und zu plündern«, analysiert das Blog »Cosmoproletarian Solidarity« in einem lesenswerten Beitrag. »Diese regimeloyalen Rackets, von denen die Hisbollah das größte ist, sowie die mit ihnen konkurrierenden islamistischen Banden wie Ahrar al-Sham, Jabhat al-Nusra, Jaysh al-Islam sowie natürlich Da‘esh [der IS] haben eine politische Ökonomie der Haft installiert, in der nicht nur die säkulare Opposition verschwand: An die 200.000 Menschen wurden in den vergangenen Jahren verschleppt und ihre Angehörigen erpresst, mehr als 11.000 Menschen sind in den Fängen ihrer Folterer gestorben.«

In dieser Situation verhindern die USA und die Europäer »so lange eine effektive Unterstützung der Rebellen und einen Zusammenbruch des Regimes, bis klar ist, dass nicht der IS und auch nicht die Nusra-Front das Machtvakuum in Damaskus füllen«, wie Kristin Helberg in der »taz« ausführt. »Dummerweise haben sie mit ihrer Zögerlichkeit genau das bekommen, was sie verhindern wollten: die Dominanz radikaler Gruppen in Syrien. Wie also sollten in dieser Lage verbündete Oppositionelle und gemäßigte Rebellen ans Ruder kommen, die einem Zusammenbruch staatlicher Institutionen entgegenwirken und Sicherheit für alle herstellen können?« Dabei verlangen sie kaum mehr als eine Flugverbotszone, um vor den Luftangriffen des Regimes geschützt zu sein. Eine solche Zone würde Menschenleben retten, Geflüchteten die Rückkehr ermöglichen und Oppositionellen den erforderlichen Raum für den Aufbau einer neuen Ordnung bieten. Doch der Westen setzt stattdessen nicht zuletzt auf den Iran, der Assad mit Geld, Waffen und Milizionären reichlich versorgt. Das im Juli geschlossene Wiener Abkommen mit Teheran verschlimmert die Situation zusätzlich, weil es das iranische und damit auch das syrische Regime stärkt. Deshalb wird es unweigerlich auch zu weiteren Flüchtlingsströmen aus Syrien beitragen.

»Trotzdem wollen viele nicht nach Europa kommen«, wie die NGO Wadi weiß. Wenn die Menschen eine Möglichkeit zur Flucht innerhalb des Staates hätten, versuchten sie zu bleiben. Zudem gebe es in Syrien nach wie vor Gebiete, in denen selbstverwaltete demokratische Strukturen aufgebaut und verteidigt und Flüchtende aus anderen Gebieten versorgt würden. »Im Irak haben sich mehr als eine Million arabischstämmige Iraker und Turkmenen vor dem ›Islamischen Staat‹ und schiitischen Milizen in die kurdischen Gebiete des Nordens geflüchtet«, so die Organisation weiter. »Und obwohl die kurdische Autonomieregierung selbst einen Krieg gegen den ›Islamischen Staat‹ führt, leistet sie gemeinsam mit der UN das Mögliche, um diese Flüchtlinge zusätzlich zu den 250.000 aus Syrien dorthin Geflohenen zu versorgen.« Wadi unterstützt Flüchtlingsinitiativen im Nordirak, betreut auch selbst Geflüchtete und hilft dabei, Bildungs- und Freizeitprogramme für sie auf die Beine zu stellen. Einer von syrischen Flüchtlingen betriebenen Schule für Flüchtlingskinder in einem Vorort von Sulaimaniyya greift die Vereinigung mit Miete und Möbeln unter die Arme, im kurdischen Dohuk hat sie ein Zentrum für jesidische Mädchen und Frauen eingerichtet, die der Sklaverei des IS entkommen konnten. Und das sind nur einige Beispiele von vielen.

Doch »so absurd es scheint: Mit der ›Flüchtlingskrise‹ in Europa wird das Geld für Projekte vor Ort zusammengestrichen«, schreibt Wadi. Das betreffe die Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen genauso wie Nichtregierungsorganisationen. Die Folgen seien dramatisch: »Im Libanon und in Jordanien musste die Nahrungsmittelhilfe für syrische Flüchtlinge drastisch gekürzt werden. Im Libanon erhalten syrische Flüchtlinge nun nur noch Gutscheine im Gegenwert von 13 Dollar vom World Food Programme – im Monat! Im Irak wurde gerade die medizinische Grundversorgung für die intern Vertriebenen wegen fehlender Mittel eingestellt.« Auch Wadi selbst ist dringend auf Spenden angewiesen, um seine Arbeit vor Ort fortsetzen und ausbauen zu können. Es ist in jeder Hinsicht eine lohnende Investition.

Spendenkonto: Wadi e.V.
IBAN: DE43 5001 0060 0612 3056 02
BIC: PBNKDEFF (Postbank)

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.

Zum Foto: Schülerinnen und Schüler der Afrin-Schule in Bainjan, einem Vorort der Großstadt Sulaimaniyya. Diese Schule, in der Flüchtlingskinder bis zur sechsten Klassen unterrichtet werden, wird von syrischen Flüchtlingen betrieben. © Thomas von der Osten-Sacken

Mit Dank an Johannes für wertvolle Hinweise.

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