Jeder nur ein Kreuz

Zweitausendacht minus ungefähr dreiunddreißig Jahre später, Samstagnachmittag, kurz vor der Sportschau:

Ein herabstürzendes Kruzifix hat in einem Pfarrsaal in München eine Rentnerin bei Gymnastikübungen verletzt. Nach Polizeiangaben war das 15 Kilogramm schwere Kreuz auf die 70 Jahre alte Teilnehmerin einer Senioren-Gymnastikgruppe gestürzt. Das Kruzifix habe sich aus unbekannter Ursache in vier Metern Höhe von der Wand gelöst. Die Rentnerin, die unterhalb des Kreuzes saß, erlitt eine Platzwunde am Kopf und Prellungen im Nacken. Jesus verlor beim Aufprall seinen rechten Arm.

Da hat der fromme Wunsch namens „Der Herr komme über euch“ aber erstens mal eine ganz neue Bedeutung und zweitens seine unverzügliche Erfüllung erfahren. Glaube kann halt nicht nur Berge versetzen. Auch wenn sich spontan Mitleid mit dem Sohn des Allmächtigen einstellt: Erst arm dran, dann Arm ab. Doch ganz abgesehen davon wirft die Geschichte eine Reihe von Fragen auf: Hatte Jesus die Schnauze voll davon, auf ewig für die Verfehlungen seiner Schäfchen büßen zu müssen? Wer hat den Brettlsepp anschließend wieder festgenagelt? Trägt er jetzt eine Prothese oder nur eine Schlinge? Kann die Rentnerin bei der Versicherung einen Sportunfall geltend machen? Und welche Gymnastikübungen veranstaltet man eigentlich so in einem Pfarrsaal? Bibelweitwerfen? Kandelaberstemmen? Weihwassertreten?

Die Moral von der Geschicht’ liegt jedenfalls auf der Hand: Gott ist ein Sadist und Zyniker, da hat Henryk M. Broder einfach Recht. Religion scheint außerdem eine verdammt gefährliche Angelegenheit zu sein. And now for something completely different.

Einen herzlichen Dank an Claudio Casula für wertvolle Anregungen.

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