Und täglich grüßt das Murmeltier

Der Teufel steckt, wie man weiß, oft und gerne im Detail – und manchmal ist es nur eine einzige Ziffer, die einem Sachverhalt eine andere Richtung gibt. In Jerusalem detonierte gestern am zentralen Busbahnhof eine Bombe, die eine 60jährige Frau tötete und knapp 40 weitere Menschen verletzte, viele davon schwer. Die Medien taten zunächst einmal, was ihr Job ist: Sie berichteten und versuchten zudem, die Hintergründe zu erhellen. Dabei war immer wieder ein Satz zu lesen, den verschiedene Agenturen verbreitet hatten, beispielsweise AFP: „Die Explosion traf unter anderem einen Linienbus, der nach Ma’ale Adumim fahren sollte, einer ausgedehnten jüdischen Siedlung im Westjordanland.“ Übernommen wurde diese Angabe unter anderem vom Focus und von Spiegel Online. Bisweilen hieß es ergänzend, dieses Transportfahrzeug habe die Nahverkehrslinie 174 bedient.

Was aber, so wäre zu fragen, hat das Fahrtziel des Busses eigentlich in den Berichten zu suchen? Und was soll der Hinweis darauf, dass Ma’ale Adumim eine „ausgedehnte jüdische Siedlung im Westjordanland“ ist? Selbst der sehr israelfreundliche Journalist Richard Herzinger vermutete auf Welt Online vorsichtig einen Zusammenhang zwischen dem Anschlag und „der jüngsten Genehmigung der israelischen Regierung zum Ausbau jüdischer Siedlungen“. Soll heißen: Der Terrorakt von Jerusalem könnte so etwas wie ein gewalttätiger „Protest“ gegen die Siedlungspolitik Israels gewesen sein, gezielt exekutiert in unmittelbarer Nähe eines Busses, der die Fahrgäste in die größte israelische Siedlung in Judäa und Samaria bringt.

An dieser Mutmaßung ist vieles problematisch, vor allem, dass dem Attentat mit ihr – bei aller grundsätzlichen Ablehnung – de facto ein rationaler Kern zugebilligt wird. Israelfeindliche Terroristen handeln aber nicht rational; sie stören sich nicht daran, was der jüdische Staat tut, sondern daran, dass es ihn überhaupt gibt. Ihr Ziel ist es dementsprechend nicht, die israelische Regierung mit ihrer Mordbrennerei zu irgendwelchen Konzessionen zu zwingen; vielmehr trachten sie – wie alle Antisemiten – nach der Vernichtung der Juden im Allgemeinen und Israels im Besonderen. Daher hatten und haben die Anschläge immer das Ziel, so viele Israelis wie möglich zu töten – weshalb Busse (oder Busbahnhöfe), Einkaufszentren, Diskotheken und Restaurants auch solch bevorzugte Orte für Terrortaten sind.

Dass die Attacke am Jerusalemer Busbahnhof mitnichten ein wie auch immer gearteter „Protest“ gegen israelische Siedlungen war, zeigt aber auch eine andere Tatsache: Der getroffene Bus sollte gar nicht, wie von den Agenturen angegeben und von den deutschen Medien übernommen, nach Ma’ale Adumim fahren, sondern vielmehr nach Har Nof im Westen Jerusalems. Denn er hatte nicht die Liniennummer 174 – sondern die 74 (was zumindest Spiegel Online hätte auffallen können; schließlich fand sich dort ein großes Foto des Fahrzeugs, auf dem diese Nummer klar zu erkennen ist). Bereits eine simple Recherche in der Wikipedia (oder im Online-Angebot israelischer Tageszeitungen) hätte genügt, um das herauszufinden. Allerdings hätte sich anschließend natürlich nicht mehr die „ausgedehnte jüdische Siedlung im Westjordanland“ ins Spiel bringen lassen.

Ansonsten taten die meisten deutschen Nahostkorrespondenten nach dem Anschlag das, was sie immer tun: Sie qualifizierten das Ereignis mit hohlen Begrifflichkeiten wie „Gewaltspirale“, „Eskalation“, „wachsende Spannungen“ et cetera und flüchteten sich so, ebenfalls wie immer, in eine Äquidistanz. Von diesem Standpunkt aus erscheinen die demokratische israelische Regierung und Judenmörderbanden wie die Hamas oder der Islamische Djihad als gleichermaßen verurteilungswürdig; zudem wird Israel so rundweg sein Recht auf Selbstverteidigung abgesprochen. Richard Herzinger gehört zu den wenigen, die diese obszöne Sichtweise nicht teilen: „Wer jüdische Zivilisten mordet, will den ganzen Weg zur Vernichtung des jüdischen Staats gehen“, lautete sein Fazit nicht nur angesichts des Attentats in Jerusalem, sondern auch eingedenk des vorangegangenen Raketenbeschusses durch palästinensische Terrorgruppen und des Mordes an fünf Mitgliedern einer in der Siedlung Itamar lebenden jüdischen Familie.

Ein Wort noch zu Ma’ale Adumim: Diese mittlerweile rund 40.000 Einwohner zählende Stadt gehört zu denjenigen israelischen Siedlungen, die sowohl nach dem Friedensplan des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton vom Dezember 2000 als auch nach den Vorstellungen der nicht nur hierzulande so euphorisch begrüßten Genfer Initiative bestehen bleiben und dem israelischen Kernland angegliedert werden sollten – im Austausch gegen den Palästinensern zu überantwortende israelische Ländereien nahe dem Gazastreifen und im südlichen Westjordanland. Dass es zu diesem Tausch bis heute nicht kam, liegt daran, dass die palästinensische Seite bislang noch jede Friedensverhandlung torpedierte und neuerlich zum Terror griff – nötigenfalls im allerletzten Moment. Ob sich daran jemals etwas ändern wird?

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