Alles nur Taktik!

Katajun Amirpur muss ein überaus optimistischer Mensch sein: Was immer im Iran passiert, stets ist es in den Augen der Islamwissenschaftlerin ein Zeichen dafür, dass dort jetzt alles besser oder doch zumindest weniger schlecht wird. Wenn beispielsweise die Mullahs sechzehnjährige Mädchen, die des vorehelichen Geschlechtsverkehrs bezichtigt werden, nicht mehr steinigen, sondern erhängen lassen, spricht Amirpur unter Berufung auf (nicht näher bezeichnete) „iranische Menschenrechtler“ von einem „Schritt in die richtige Richtung“. Wird das Heiratsalter von neun auf zehn Jahre erhöht, nennt sie das einen Sieg der „Reformer“ über die „Konservativen“. Kündigt Mahmud Ahmadinedjad (Foto) an, Israel von der Landkarte zu tilgen, ist er in Wahrheit bloß falsch übersetzt worden. Überhaupt hat der Herr Präsident gar nichts gegen Juden; einige seiner besten Freunde sind schließlich Juden, wie Amirpur heute in der taz feststellte. Und damit meinte sie gar nicht mal nur die Jungs von der Neturei Karta:

„Kurz nachdem seine Äußerungen zu Israel weltweite Empörung ausgelöst hatten, begab sich Irans Präsident im Oktober 2006 in Teherans jüdische Gemeinde und ließ eine größere Summe zur Unterstützung des jüdischen Krankenhauses in Teheran überweisen.“

Im Grunde genommen ist der gute Mahmud wahrscheinlich sogar ein richtig großer Israel-Fan und taktiert bloß ein bisschen herum, notgedrungen sozusagen:

„Für die radikalen Kräfte, denen Ahmadinedjad angehört, sind die Drohungen an Israel ein Mittel, von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken und sich international als Kämpfer für die palästinensische Sache darzustellen.“

Die Holocaustleugnerkonferenz in Teheran, die antisemitischen Tiraden vor der UN-Vollversammlung, die wiederholten Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel etc. pp. – alles also, folgt man Amirpur, gar nicht ernst gemeint, sondern lediglich ein wenig Getöse, um den eigenen Laden zusammenzuhalten und den Nachbarn gegenüber einen auf dicke Hose zu machen. Absolut einleuchtend. (Bei Onkel Adi war das ja nicht anders: Der hatte die Juden eigentlich auch sehr lieb und ließ sie nur deshalb umbringen, weil er davon ablenken wollte, dass er Vegetarier war und als Künstler eine Niete.) Oder ist es nicht vielleicht doch umgekehrt? Also etwa so: Für die radikalen Kräfte, denen Ahmadinedjad angehört, war die Zahlung an das jüdische Krankenhaus ein Mittel, von außenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken und sich international als Kämpfer für die jüdische Sache darzustellen. Man weiß es nicht, man steckt nicht drin. Aber warum nicht optimistisch sein?

Wenn es für Mahmud Ahmadinedjad übrigens irgendwann mal eng werden sollte, möge man ihm politisches Asyl in Deutschland anbieten. Zur Not ist bei den Amirpurs im Gartenhäuschen sicher noch Platz. Dann könnte er bei den nächsten antisemitischen Demos vorneweg marschieren, von dort aus von den innenpolitischen Schwierigkeiten im Iran ablenken und sich als Kämpfer für die palästinensische Sache darstellen, obwohl er im Grunde seines Herzens am liebsten für den jüdischen Staat Partei ergreifen würde. Bei den „Israelkritikern“ hierzulande ist das ja bekanntlich genauso.

Herzlichen Dank an Mona Rieboldt für wertvolle Hinweise.

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