Nestbeschmutzer! Vaterlandsverräter!

Als Deutschland bei der Fußball-WM im eigenen Land vor zweieinhalb Jahren sein erklärtes Ziel verfehlte und nur Dritter wurde, verlieh es sich selbst den Trost- und Trotzpreis „Weltmeister der Herzen“. Nun darf es sich mit diesem Titel auch jenseits des Rasenvierecks schmücken: Einer gestern veröffentlichten globalen Umfrage der BBC zufolge ist es nämlich das beliebteste Land der Welt. Am anderen Ende der Skala stehen der Iran, Pakistan sowie Nordkorea – und Israel. Wenig überraschend ist dabei, dass der jüdische Staat hierzulande auf eine überdurchschnittlich große Ablehnung stößt: Nur neun Prozent der Deutschen bewerten ihn positiv – der geringste Wert in den befragten Staaten der Europäischen Union. Noch ablehnender gegenüber Israel haben sich in der Erhebung lediglich Ägypter und Japaner geäußert. Gerade einmal 64 Jahre nach der Shoa zu Everybody’s Darling aufgestiegen zu sein und dabei gleichzeitig die alten Ressentiments in Form der „Israelkritik“ weiter pflegen zu können – das ist schon eine reife Leistung.

Dafür, dass das auch so bleibt, sorgt nicht zuletzt der Verfassungsschutz. Dessen nordrhein-westfälisches Oberhaupt mit Namen Hartwig Möller hat nämlich den Ruhr Nachrichten in einem Interview erklärt, das unlängst in Duisburg erfolgte, polizeilich beendete Zeigen der Flagge eines der unbeliebtesten Länder der Welt im beliebtesten Land der Welt während einer Demonstration von, ja doch, Kritikern dieses vor allem hierzulande sehr unbeliebten Landes sei eine „gezielte Aktion“ von „Antideutschen“, sprich: Nestbeschmutzern und Vaterlandsverrätern, gewesen. Und von denen gebe es – horribile dictu – allein im bevölkerungsreichsten Bundesland dieser Republik „sicherlich mehr als 100, möglicherweise auch bis zu 200“ – eine nachgerade umsturzfähige Größenordnung also. Diese Israelfreunde trieben sich, wusste Möller, in NRW vor allem in Köln, Duisburg, Oberhausen, Dortmund, Recklinghausen und Münster herum und stellten „bei Demonstrationen durchaus eine beachtliche und wahrnehmbare Größenordnung dar“.

Manchmal besteht diese „wahrnehmbare Größenordnung“ sogar nur aus zwei Personen. Wie eben in Duisburg, wo es ein Pärchen schaffte, mit einem Stückchen Stoff einen zehntausend Menschen zählenden Mob zur Raserei zu bringen. Der männliche Teil dieses Pärchens, ein 25-jähriger Student, erläuterte gegenüber Spiegel Online anschließend auch noch offenherzig die Motive für sein Verbrechen: Bereits im Januar 2008 habe er die israelische Fahne aus Anlass des Holocaust-Gedenktages gehisst und sie im Mai, als Israel seinen 60. Gründungstag feierte, gar gleich mehrere Wochen lang gezeigt. Zudem findet er es auch noch angemessen, „Solidarität mit der einzigen Demokratie der Region“ zu bekunden. Und so habe er die Fahne eben auch ins Fenster seiner Wohnung gehängt, als antiisraelische Demonstranten durch seinen Wohnort marschierten. Denn er sei besorgt über „die größten antisemitischen Aufmärsche in Europa seit 1945“.

Grund genug für den Verfassungsschützer Möller, Alarm zu schlagen und zu konstatieren, Antideutsche seien „häufig auffällig geworden in gewalttätigen Demonstrationen und als Auslöser von Krawallen“. Schlimmer noch: „Im Mittelpunkt des politischen Bestrebens der Antideutschen steht die bedingungslose Unterstützung des Staates Israel und damit auch dessen Schutzmacht USA.“ Und am allerschlimmsten: „Wurzel dieser Haltung ist eine abgrundtiefe Feindschaft gegenüber der deutschen Nation. Begründung: Durch die planmäßige Judenvernichtung im Dritten Reich habe es Deutschland auf alle Zeit verwirkt, als Staat zu existieren. Glorifiziert wird entsprechend alles, was dazu geführt hat, dass Deutschland im Zweiten Weltkrieg besiegt wurde.“ Und das geht ja nun wirklich nicht – was sollen da die Nachbarn sagen, vor allem die, die von Deutschland im Zweiten Weltkrieg gepeinigt wurden?

Wie gut also, dass es den Verfassungsschutz gibt. Denn der kümmert sich nicht nur darum, hierzulande die Sympathien für Israel und den Kampf gegen den Antisemitismus im Zaum zu halten, sondern er verhindert außerdem eine Verschlechterung der Sympathien gegenüber Deutschland bei der nächsten BBC-Umfrage. Und damit ist auch er: ein Weltmeister der Herzen.

Das Foto entstammt einer Kundgebung gegen einen antisemitischen Aufmarsch in Köln am 10. Januar 2009. © Lizas Welt

%d Bloggern gefällt das: