Die Logik der Nahostexpertokratie

„Nahostkorrespondent“ zu sein oder als „Nahostexperte“ gehandelt zu werden, ist ein höchst einträgliches Geschäft. Und es ist absolut krisensicher, weil die Krise da unten nie in die Krise gerät und es hier oben immer welche gibt, die hören oder lesen wollen, was die Gründe für die Krise sind. Wenn aus der Krise dann ein Krieg wird – was, bei Lichte betrachtet, ziemlich oft der Fall ist –, erfährt die Nahostexperterei sogar noch einen konjunkturellen Aufschwung, von dem fast alle anderen Berufszweige nur träumen können. Ausgesprochen vorteilhaft für die „Nahostkorrespondenten“ und „Nahostexperten“ ist dabei auch, dass sie den tiefen Teller nicht jedes Mal neu erfinden müssen. Es genügt, wenn sie ihrem Publikum das erzählen, was sie ihm schon immer erzählt haben und was es von ihnen auch erzählt bekommen will. Allenfalls müssen hin und wieder ein paar Details aktualisiert werden, aber das erledigen die Steinbachs und die Putzens, die Lüdersse und die Kühntopps, die Paechs und die Watzals ganz lässig zwischen Morgentoilette und Milchkaffee.

Bezogen auf den Krieg in Gaza lautet deren Muster etwa so: Israel geht „unverhältnismäßig“ vor wie eh und je, dreht mal wieder an der „Gewaltspirale“ und beschwört die Gefahr eines „Flächenbrandes“ herauf; die Kassam-Raketen sind im Grunde nicht viel mehr als frisierte Feuerwerkskracher; die Bomben gegen die Hamas radikalisieren die armen, perspektivlosen und frustrierten Palästinenser nur noch mehr; ein sofortiger Waffenstillstand und Verhandlungen „auf Augenhöhe“ müssen her; Israel braucht sich bloß aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen, und schon herrscht ein nachgerade paradiesischer Frieden in Nahost, ach was: auf Erden. Aus dieser nur scheinbaren Äquidistanz hört und liest man die Schuldzuweisung an den jüdischen Staat und die oft gar nicht so heimliche Parteinahme für dessen Feinde problemlos heraus. Und was sich diese Damen und Herren Experten in den Medien nicht gar so offen zum Ausdruck zu bringen getrauen, sagen dafür andere Damen und Herren Experten auf Weblogs, in Internetforen oder auf der Straße umso unverblümter: Der Jud’ ist schuld und muss weg, mitsamt seinem Staat.

Dass die Hamas exakt das in ihr Programm geschrieben hat und auch gar keinen Hehl daraus macht, will kaum jemand wissen noch wahrhaben und schon gar nicht sagen oder schreiben. Wie es deshalb um die argumentative Stringenz und die Logik der Nahostexpertokratie bestellt ist, sieht man besonders schön, wenn man sich einmal die Mühe macht, die heutigen Erklärungsmuster auf jene Zeit zu übertragen, als die erklärten Vorbilder der Hamas gerade am Werk waren und sich schließlich einer Allianz gegenübersahen, die mit Nachdruck versuchte, zivilisatorische Mindeststandards wiederherzustellen. Der freie Journalist Stefan Frank hat sich dieser Mühe unterzogen. Herausgekommen ist der nachfolgende Gastbeitrag für Lizas Welt.

Wie ein Hamas-Versteher die weltpolitische Lage Ende 1944 kommentieren würde

VON STEFAN FRANK

Schon einmal, von 1914 bis 1918, hat Großbritannien gegen Deutschland Krieg geführt. Deutschland blieb im Felde unbesiegt, und langfristige Stabilität wurde nicht erreicht, wie die Ereignisse seit 1939 zeigen. Aber die britische Regierung hat daraus nichts gelernt. Mit völlig unverhältnismäßigen Bombardements in dicht besiedelten Gebieten reagiert sie darauf, dass in London immer wieder primitive selbstgebaute V2-Raketen niedergehen, die zwar Angst und Schrecken verbreiten, aber kaum Schäden anrichten.

Doch auch mit brachialer Gewalt kann Großbritannien diesen Krieg nicht gewinnen. Denn selbst wenn es gelänge, die gesamte Führungsebene der NSDAP auszuschalten, wäre die Organisation noch lange nicht am Ende. Es stehen genug frustrierte, radikalisierte junge Männer bereit, um die Plätze von getöteten NSDAP-Mitgliedern einzunehmen. Die NSDAP ist keine Terrorgruppe, sondern eine Massenorganisation, die Wohlfahrtseinrichtungen betreibt und durch Wahlen legitimiert wurde. Auch ein vollständiger Stopp des Beschusses Großbritanniens ist nach Meinung von Experten nur kurzfristig zu erreichen. Zwar schwäche die Offensive die Infrastruktur der NSDAP, aber langfristig werde sie wieder in der Lage sein, Raketen auf britisches Gebiet abzufeuern.

„Es wird keinen Sieger in diesem Krieg geben“, fasste ein Europaexperte seine Einschätzung der Lage zusammen. „Die NSDAP wird kurzfristig den Raketenbeschuss einstellen und sich dann rächen – vielleicht sogar mit Selbstmordanschlägen in Großbritannien.“ Profitiert von der britischen Offensive haben bis jetzt nur die extremistischen Organisationen in ganz Deutschland. Durch den Krieg werden die gemäßigten Kräfte innerhalb der NSDAP geschwächt, während die radikalen neue Anhänger dazu gewinnen.

Ein sofortiger Waffenstillstand ist notwendig. Adolf Hitler und Rudolf Heß haben in der Vergangenheit angedeutet, dass sie unter bestimmten Bedingungen dazu bereit sind. Einen langfristigen Frieden in Europa kann es indessen nur geben, wenn Großbritannien sich aus den deutschen Kolonien zurückzieht und die soziale und wirtschaftliche Lage in den Deutschengebieten entscheidend verbessert. Nur aus Verzweiflung über das an ihnen jahrzehntelang begangene Unrecht haben die Deutschen einen Weltkrieg begonnen. Das muss London endlich einsehen.

Das Bild entstammt einer Demonstration von Hamas-Sympathisanten in Berlin am 3. Januar 2009.

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