I will survive (I)

Nachdem die Hamas den sechsmonatigen „Waffenstillstand“ mit Israel dazu genutzt hatte, Raketen mit größerer Reichweite zu entwickeln, schlugen am 30. und 31. Dezember letzten Jahres insgesamt fünf dieser Geschosse in Beer Sheva ein, einer 200.000 Einwohner zählenden Stadt im nördlichen Negev. Eine Rakete traf eine Schule, eine weitere einen Kindergarten. Die in Beer Sheva lebende Ruth Bracha hat auf ihrem Weblog bereits ausführlich über diese Terroranschläge berichtet [1], [2], [3]. Auch Tzion Godfrey, der aus West Virginia stammt und an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva studiert, wurde Zeuge der Raketenangriffe. In einer am Silvestertag verfassten E-Mail an seine Freunde schildert Godfrey eindringlich, wie er mit den Attacken umgeht und warum er jetzt erst recht in dieser Stadt bleiben will. Mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht Lizas Welt nachfolgend Godfreys Brief.

VON TZION GODFREY

Gestern Abend saß ich um etwa 21.30 Uhr mit zwei israelischen Mitbewohnern aus Ashdod in meinem Zimmer im Studentenwohnheim. Einer der beiden zeigte mir – was für eine Ironie der Geschichte – Bilder von einer Fahrt nach Auschwitz, als plötzlich ein durchdringend lauter Heulton durch Beer Sheva ging. Wir schauten uns ein, zwei Sekunden lang erschrocken an, dann schrie ich, obwohl die beiden gleich neben mir saßen: „Das ist der Luftalarm!“ Wir liefen aus dem Raum, während die Sirene weiter heulte. Ich hämmerte an die Zimmertür unseres vierten Mitbewohners.

Das Treppenhaus war bereits voll mit Leuten, die in den Bombenschutzraum hinunter rannten. Bei Tzeva Adom (Roter Alarm) haben wir 45 Sekunden Zeit, um diesen Schutzraum aufzusuchen, wenn eine Grad-Rakete im Anflug ist; bei Kassam-Raketen sind es 60 Sekunden. Nach etwa 30 Sekunden hörte ich, während ich die Treppen hinabstieg, zweimal ein entferntes, eindeutiges Knallen: Die Raketen waren im Westen Beer Shevas eingeschlagen. Etwa hundert von uns standen im Bombenschutzraum und redeten aufgeregt miteinander. Es war der vierte Terrorangriff, seitdem ich in Israel bin, aber bislang war noch keiner so nahe. Ich hatte zwar keine Angst, aber ich konnte nicht ruhig stehen bleiben. Das Adrenalin jagte durch meinen Körper.

Als der Alarm vorüber war, eilte ich ins benachbarte Wohnheim zu meinem Freund Nadav. Das Haus, in dem er lebt, ist nur ungenügend gegen direkte Raketentreffer geschützt, deshalb sollte er bei mir übernachten – die Wände unseres Wohnheims bestehen aus 15 Zentimeter dickem Beton. Als wir im Wohnheim ankamen, fühlte ich mich ausgelaugt und vollkommen erschöpft, so, als hätte ich an einem Marathonlauf teilgenommen.

Heute früh wurde ich um 8.30 Uhr durch einen erneuten Luftalarm geweckt, genau wie Nadav, der zu mir sagte: „Los, Tzion!“ Wiederum liefen alle hinunter in den Bombenschutzraum. Dieses Mal hatten wir 60 Sekunden Zeit. Ich hörte – besser gesagt: ich fühlte – ein sehr, sehr tiefes und intensives „BUMM!“, ganz in der Nähe. Nach einigen Minuten verließen wir den Schutzraum wieder. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt der Campus der Universität. Dahinter sah ich eine Wolke aus Staub und Rauch. Wir gingen zurück in mein Zimmer, um uns auf ein Seminar vorzubereiten, als es neuerlich einen Alarm gab und zwei weitere Raketen in Beer Sheva einschlugen. Nach diesen drei Raketentreffern sagte die Universität schließlich widerwillig alle Seminare ab.

Nadav versuchte verzweifelt, mich zu überreden, mit ihm in den Norden zu fahren, nach Nahariya. Zunächst weigerte ich mich beharrlich. Ich sah es als meine Pflicht Israel und mir selbst gegenüber an, an Ort und Stelle zu bleiben. Es gab einen weiteren Raketeneinschlag. Nadav sagte zu mir, ich solle endlich mitkommen. Meine Mitbewohner drängten darauf, die Stadt zu verlassen.

Ich habe nicht versucht, ein Macho zu sein. Ich hatte wirklich keine Angst. Ich wollte unbedingt bleiben. Die Aussicht, aus Beer Sheva zu verschwinden, machte mich traurig, ich fühlte mich schwach und geschlagen. Als wir die Stadt verließen, hörten wir wiederum den Alarm – die fünfte Rakete war im Anmarsch. Über uns flogen drei Black-Hawk-Hubschrauber auf Beer Sheva zu.

Jetzt bin ich im Norden, in Nahariya, außerhalb der Reichweite der Raketen. Aber ich will nach Beer Sheva zurückfahren, Raketen hin, Raketen her. Ich bin fest entschlossen. Ich werde weder mein Leben dort noch mein Studium aufgeben. Die Studentenwohnheime und die Universität sind aus dickem Beton. Es gibt 250 Bombenschutzräume in der Stadt. Nie war ich glücklicher, ein Jude zu sein, nie war ich glücklicher, in Israel zu sein. Jeder hier war ruhig, gefasst und bereit, anderen zu helfen. Es gab keine „Erwachsenen“; niemand musste nach uns sehen. Wir alle – Frauen und Männer, Juden wie Christen – waren Erwachsene, haben uns gegenseitig unterstützt und uns umeinander gekümmert.

Die Offensive im Gazastreifen geht weiter, und ich werde auf meine eigene Art helfen – so wenig das auch sein mag –, indem ich nicht vor der Furcht kapituliere, sondern weiter in Israel lebe. Ich bin froh, hier zu sein.

Übersetzung aus dem Englischen: Lizas Welt. Das Foto zeigt einen Bombenschutzraum in Beer Sheva.

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