Die Fratze der Barbarei

Dass die Hizbollah den gestrigen „Gefangenenaustausch“ mit Israel als großen Erfolg verbuchen kann, dürfte unstrittig sein. Die Leichen von zwei israelischen Soldaten gegen fünf inhaftierte Terroristen – der Deal hat sich für Hassan Nasrallahs Mordbande wahrlich gelohnt. Nun sitzt kein einziges ihres Mitglieder mehr in einem israelischen Gefängnis. Unter den Freigelassenen war auch Samir Kuntar (Foto rechts), jener PLF-Anführer, der 1979 in Nahariya fast eine ganze Familie auslöschte und dabei den Kopf eines vierjährigen Mädchens mit einem Gewehrkolben zertrümmerte. Am Dienstag war er nach 29 Jahren Haft von Israels Staatspräsident Shimon Peres begnadigt worden. Mit dem ungleichen Austausch wurde die Hizbollah faktisch belohnt; sie darf ihn getrost als Beleg dafür werten, dass es sich rechnet, nach Belieben Soldaten des Erzfeindes zu entführen – und dabei auch gleich umzubringen. Dass Ehud Goldwasser und Eldad Regev lebend überstellt werden würden, glaubten in Israel schon seit längerem nur noch wenige – was nichts daran ändert, dass die endgültige Gewissheit immer unvorstellbar grausam ist. Der Preis, den Israel gezahlt hat, war hoch – zu hoch, meinen viele Israelis, ohne deshalb weniger Verständnis für die Situation der Familien der beiden Soldaten zu haben und zu zeigen.

Der Transfer und die ihm folgenden Ereignisse verweisen aber noch auf ein viel grundsätzlicheres Problem: „Nichts symbolisiert den Unterschied zwischen Zivilisation und Barbarei so deutlich wie das Bild der zwei Särge, die an der Grenze zum Libanon entgegen genommen wurden“, umriss es Claudio Casula auf Spirit of Entebbe. Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod, lautete die programmatische Botschaft dieses Bildes, und sie entsprach damit exakt jener Maxime, die schon so oft von den islamischen Gotteskriegern propagiert und in mörderische Taten umgesetzt worden ist. Verstärkt wurde der Unterschied, von dem Casula schrieb, noch durch die Geschehnisse, die der Übergabe folgten: Während sich am Grenzübergang Rosh Hanikra auf israelischer Seite dramatische Szenen abspielten und nicht nur Angehörige, Freunde und Bekannte der beiden Soldaten den Vorgängen fassungslos und in tiefster Trauer gegenüberstanden, wurde den heimkehrenden Terroristen im Libanon ein Staatsempfang bereitet und buchstäblich ein roter Teppich ausgerollt. Im Gazastreifen gab es derweil zur Feier des Tages Süßigkeiten, und der Hamas-Führer Ismail Haniya gratulierte Kuntar und der Hizbollah zum „großen Sieg des Widerstands“, der gezeigt habe, „dass unser Weg der richtige ist“. Aus der Westbank schickte der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas seine Glückwünsche an Kuntars Familie.

„Neben der Gewissheit der Familien Regev und Goldwasser über das Schicksal ihrer Söhne“ – die heute beerdigt werden – „ist die eindrucksvolle Bestätigung der Niederträchtigkeit ihrer islamistischen Feinde das einzig Positive, was sich über den ‚Gefangenenaustausch’, der keiner ist, sagen lässt“, resümierte Casula. „Was lernen wir also aus diesem faulen Handel? Dass Israel gut daran täte, bei nächster sich bietender Gelegenheit die heute hämisch grinsende Visage Nasrallahs in den Staub zu drücken – und die seiner Horden gleich mit.“ So müsse der jüdische Staat auch in Gaza verfahren, wenn dem ebenfalls entführten und von der Hamas gefangen gehaltenen Gilad Shalit etwas zustoße. In einer zivilisierten Welt sei für Barbaren wie Hizbollah und Hamas kein Platz. Das Weblog Letters from Rungholt ergänzte: „Natürlich mag es im palästinensischen Volk Menschen geben, mit denen wir einen Friedensprozess führen könnten, die ähnliche Ziele haben wie wir. Nur: Wo sind sie? Wo hört man ihre Meinung? Wenn es sie gibt, ist ihre Einstellung jedenfalls lebensgefährlich, und sie behalten sie für sich. Die große Masse der arabischen Welt ist trunken von Hass gegen uns. Nichts, was Israel getan oder angeblich getan hat, rechtfertigt diesen Hass.“

In Deutschland feiert man unterdessen den Bundesnachrichtendienst, der den Austausch vermittelt hatte. „Mr. Hizbollah“ wird der verantwortliche Emissär Gerhard C. BND-intern genannt, und das ist als Auszeichnung gemeint. Auch die Bundesregierung ist zufrieden: Die Aktion sei ein „Erfolg“ gewesen, war ihr Sprecher Thomas Steg zu vernehmen. Deutschland habe „Brücken zu beiden Seiten bauen können“. Der Austausch sei „ein kleiner Beitrag in einem zeitlichen Umfeld, in dem sich in Nahost positiv etwas zu entwickeln scheint“. Der Sprecher des Auswärtigen Amts, Andreas Peschke, kündigte an, man werde in den Fällen weiterer vermisster israelischer Soldaten ebenfalls „auf humanitäre Lösungen dringen“. Den Hinterbliebenen von Ehud Goldwasser und Eldad Regev, und nicht nur ihnen, müssen diese Worte wie Hohn vorkommen.

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