Alle Mullah außer Vati

Folgt man der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, dann ist sowohl die Situation im Iran als auch die Gefahr, die außenpolitisch von ihm ausgeht, eigentlich bloß halb so wild. Schon vor knapp vier Jahren vermeldete sie in der Süddeutschen Zeitung nachgerade elementare Menschenrechtsfortschritte im Land der Mullahs: Zum einen würden dort des vorehelichen Geschlechtsverkehrs bezichtigte sechzehnjährige Mädchen nun nicht mehr gesteinigt, sondern nur noch erhängt – was nicht näher bezeichnete „iranische Menschenrechtler“ laut Amirpur (Foto) für „einen Schritt in die richtige Richtung“ hielten, weil sich darin eine „Abkehr vom angeblich unflexiblen Korsett des islamischen Rechts“ zeige. Zum anderen sei „das offizielle Heiratsalter nach zähem Ringen zwischen Reformern und Konservativen von neun auf zehn Jahre erhöht worden“. Ein glanzvoller Sieg der Humanität also, schwer und womöglich verlustreich erkämpft von den besagten „Reformern“, die im Westen bekanntlich so sehr geschätzt werden. Und in der Tat könnte doch alles viel schlimmer sein – die Mullahs hätten schließlich auch das Teeren und Federn für vor- und außereheliche Liebesakte befehligen und die Kurzen schon im Kindergartenalter unter die Haube bringen können.

Im gleichen Blatt verkündete die Iranistin unlängst eine weitere gute Nachricht: Mahmud Ahmadinedjad habe gar nicht, wie immer wieder kolportiert werde, die Vernichtung Israels gefordert, sondern lediglich geäußert, das „Besatzerregime“ in Israel müsse „Geschichte werden“; er habe also nicht zum Vernichtungskrieg aufgerufen, sondern nur dafür plädiert, „die Besatzung Jerusalems zu beenden“. Man darf sich deshalb erleichtert zurücklehnen: Der iranische Präsident ist kein Antisemit, sondern bloß ein ganz normaler „Israelkritiker“, so wie auch die von Ahmadinedjad und seiner Gefolgschaft finanzierten Musterdemokraten der Hamas und der Hizbollah in Wahrheit gar nicht den jüdischen Staat von der Landkarte tilgen, sondern nur mit ein paar harmlosen Raketen und Selbstmordattentätern ihrer Besorgnis über die israelische Besatzung ein bisschen Nachdruck verleihen wollen. Na gut, Ahmadinedjad ließ den angeblichen Übersetzungsfehler auch auf Nachfrage bestehen, wie Katajun Amirpur am Schluss ihres akribisch recherchierten Freispruchs einräumt. Aber Schweigen ist ja bekanntlich Gold.

Im Ernst: Die Vernichtungsabsichten der Mullahs gegenüber Israel mit einer solchen hemdsärmeligen und im Übrigen höchst umstrittenen Beweisführung dementieren zu wollen, ist je nach Intention dieser Übung entweder grenzenlos naiv, eine dreiste Verharmlosung oder gleich die bekennende Solidarisierung mit dem Terrorregime in Teheran – wobei alle drei Möglichkeiten letztlich auf das Gleiche hinauslaufen. Henryk M. Broder brachte Sinn und Unsinn dieser Übung mit einem historischen Vergleich auf den Punkt: „Der ‚Führerbefehl’ zur Endlösung der Juden- und Zigeunerfrage ist bis heute nicht gefunden worden. [Hitler] hat nur dazu aufgerufen, die Welt von den Juden zu befreien. Von Vernichtung war keine Rede. So wie Ahmadinedjad sich heute eine ‚World without Zionism’ wünscht.“ Über Katajun Amirpur urteilte er deshalb: „Sie hat sich darauf spezialisiert, die verlorene Ehre des Mullah-Regimes wiederherzustellen.“ Und das sei sozusagen ein Familienanliegen, denn Mahmud Ahmadinedjad sei „ein guter alter Bekannter ihres Vaters“.

Wegen dieses Nebensatzes ließ Amirpur dem Publizisten nun über ihren Anwalt die Aufforderung zukommen, eine Unterlassungserklärung abzugeben. Der Vater der Islamwissenschaftlerin habe nie Kontakt zum derzeitigen iranischen Präsidenten gehabt, weshalb von einer guten Bekanntschaft keine Rede sein könne, heißt es in dem Schreiben; Broders Absicht sei es daher, den Eindruck zu erwecken, Katajun Amirpur habe gute Gründe für eine Reinwaschung Ahmadinedjads. Das jedoch verfälsche ihr „Lebensbild“, weshalb Broder sich verpflichten soll, die beanstandete Aussage künftig nicht mehr zu treffen und außerdem Amirpurs bislang entstandene Rechtsanwaltskosten zu zahlen.

In der Tat ist es fraglich, ob Manutschehr Amirpur-Arandjani eine enge Verbindung zum iranischen Präsidenten pflegt oder nicht. Im Online-Lexikon Wikipedia war eine Zeit lang zu lesen, er sei Kulturattaché sowohl unter dem Schah als auch unter dem Ayatollah Khomeini gewesen; diese biografische Angabe ist inzwischen entfernt worden, sie findet sich allerdings noch auf diversen anderen Websites. Zudem hat Amirpur-Arandjani 1986 das Buch „Der Koran im Islam“ übersetzt und 2000 ein „Wörterbuch der Islamwissenschaft“ veröffentlicht – beides für die Kulturabteilung der iranischen Botschaft in Deutschland. Ein Oppositioneller ist er also gewiss nicht; inwieweit er darüber hinaus Mahmud Ahmadinedjad verbunden war oder ist, lässt sich nicht nachweisen.

Letztlich ist die Klärung dieser Frage für eine Einschätzung des Wirkens von Katajun Amirpur jedoch genauso bedeutungslos wie die Wortklauberei in Bezug auf das Ahmadinedjad-Zitat für eine Bewertung des iranischen Präsidenten. Gleich, ob Amirpurs Vater nun dessen Vertrauter ist oder nicht – das publizistische Schaffen seiner Tochter bietet genügend Material, um Broders Urteil, sie habe „sich darauf spezialisiert, die verlorene Ehre des Mullah-Regimes wiederherzustellen“, hinreichend plausibel zu machen. Von einer Verfälschung des „Lebensbildes“ der Islamwissenschaftlerin kann jedenfalls keine Rede sein; schließlich ist sie es selbst, die die Vernichtungspläne der Teheraner Theokraten gegenüber Israel schlicht leugnet und es allen Ernstes für ein positives Zeichen hält, wenn vor- oder außerehelicher Sex nicht mehr mit Steinigung, sondern dem Erhängen bestraft wird und Kinder jetzt ein zweistelliges Alter aufweisen müssen, bevor man sie zwangsverheiratet.

Der Krieg, den Katajun Amirpur da um jeden Preis verhindern will, ist übrigens seit Jahren in vollem Gange: Die Mullahs führen ihn innenpolitisch gegen die eigene Bevölkerung und außenpolitisch über ihre Vorfeldterrorgruppen Hizbollah und Hamas gegen Israel. Man kann es nicht einmal mehr Appeasement nennen, was die promovierte Koranexegetin betreibt – es ist eine Form von Kollaboration. Leider ist das hierzulande nicht strafbar – ansonsten könnte man glatt versucht sein, sie eine Unterlassungserklärung unterschreiben zu lassen.

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