Mythenspirale

Diese Meldung sucht man in den deutschen Medien bislang vergeblich: „Trotz der Kassam-Raketen hält in [der israelischen Stadt] Sderot das Leben allmählich wieder Einzug. Ein stetiger Strom von Bewohnern kehrte aus dem Wochenende zurück, das viele außerhalb der Kassam-Zone verbracht hatten. Zum ersten Mal seit einer Woche war die Innenstadt wieder mit Verkehr und Fußgängern gefüllt. Aber nur 161 von 900 in Kindergärten und Krippen registrierte Kinder gingen in ihre Klassen. Sie versammelten sich in Sicherheits- und Bombenschutzräumen, weil 15 bis 20 Sekunden nicht ausreichen, um sie an einen sicheren Ort zu bringen, wenn die Alarmsirenen heulen.“ Seit Jahren schon steht der westliche Negev unter ständigem Beschuss aus dem Gazastreifen; vor allem für die Bewohner von Sderot ist die ständige Gefahr, von palästinensischen Raketen getroffen zu werden, Alltag. Alleine 250 dieser Geschosse wurden in den letzten zwei Wochen gezählt. Am Montag letzter Woche traf eine Kassam die 32-jährige Shirel Friedman tödlich; am vergangenen Sonntag starb Oshri Oz (35), als eine Rakete direkt neben seinem Auto einschlug.

Doch hierzulande liest man vor allem Desinformationen wie diese: Israel und die radikal-islamische Hamas haben über die Pfingsttage ihren militärischen Schlagabtausch mit gegenseitigen Luft- und Raketenangriffen fortgesetzt.“ Es sind Vokabeln wie „Schlagabtausch“ und „gegenseitige Angriffe“, mit denen einmal mehr die Mär von der Gewaltspirale erzählt wird, an der Israelis wie Palästinenser gleichermaßen schuld seien. Dass letztere zum ungezählten Male einen Waffenstillstand brachen, findet keine Erwähnung. Bisweilen wird zwar eingeräumt, dass Israel auf den Beschuss durch Kassam-Raketen reagiere. Doch diese Reaktion unmissverständlich als das zu bezeichnen, was sie ist – eine legitime und notwendige Verteidigungsmaßnahme gegen eine antisemitische Mordbande nämlich –, steht selbstverständlich nicht zur Debatte. Die vermeintliche Äquidistanz kaschiert ohnehin bestenfalls notdürftig die Parteinahme gegen den jüdischen Staat, und oft genug wird gleich offen Front gemacht.

Philipp Heimberger, Autor des österreichischen Weblogs Zur Politik, resümiert daher im folgenden Gastkommentar für Lizas Welt: „Mit welcher Nonchalance man in unseren Breitengraden nicht nur über die mörderische Ankündigung der unwiderruflichen Zerstörung des Staates Israel hinwegsieht, sondern es sogar versteht, die Vernichtungspropaganda mithilfe einer ausgeklügelten Methodik zur Vertauschung von Tätern und Opfern zu rechtfertigen, ist angesichts der damit einhergehenden Inexistenz jeglicher der Realität verpflichteter moralischer Standards nachgerade beeindruckend.“ Die Hamas müsse sich noch nicht einmal bemühen, ihren Terror zu rechtfertigen; dieses Geschäft besorge schon der europäische Antizionismus. Die Gotteskrieger könnten sich daher sicher sein, „dass man ihnen auch zukünftige Aufkündigungen etwaiger Waffenruhen freundlich nachsehen wird“. Denn: „Wen interessiert es schon, dass die ‚Gewaltspirale’ im Nahen Osten stets durch den innerpalästinensischen Krieg befeuert und durch den heimtückischen Terror gegen Israel perpetuiert wird, also gar keine Spirale ist?“

Philipp Heimberger

Achtung, Rückendeckung!

Es ist ein offenes Geheimnis, dass der gesellschaftliche Mainstream hierzulande vielfach keine Mühen und Anstrengungen scheut, um die Realität zu verdrehen. Dass der Staat Israel seit seiner Gründung in seiner Existenz bedroht wird, ist so eine verpönte Wahrheit. Wer sie ausspricht, muss sich auf hasserfüllten Protest gefasst machen und damit rechnen, mit Totschlagargumenten traktiert zu werden, die insinuieren, die Behauptung einer existenzgefährdenden Bedrohung Israels sei schlicht eine dreiste Lüge. Antisemitische Ressentiments, verschwörungstheoretische antijüdische Klischees, antizionistische Demagogie, medialer Antiisraelismus: Der Hass gegen Israel und seine jüdischen Einwohner hat viele Gesichter, der Hintergrund aber ist stets der gleiche. Denn mag sich auch das Ressentiment gegen „die Juden“ im Laufe der Zeit auf einen Kampf gegen „den Zionismus“ konzentriert haben: Den neuen Methoden der Abneigung gegenüber allem Jüdischen liegen noch immer die alten antisemitischen Denkweisen und Verhaltensmuster zugrunde. Das bedeutet jedoch: Wer sich bereitwillig der antizionistischen Bewegung anschließt oder ihr sein Einverständnis signalisiert, muss sich selbstverständlich den Vorwurf gefallen lassen, ein Antisemit zu sein, der nichts aus der Geschichte gelernt hat. Und er sollte der Tatsache ins Auge sehen, dass er damit der mörderischen Judenfeindlichkeit im Einflussbereich des Islam sowie der gefährlichen (Re-)Organisation des Neonazismus im Allgemeinen und dem Terror der Islamisten gegen Israel sowie der Untergrabung jeglicher Bemühungen zur Bekämpfung des zerstörerischen antizionistischen Hasses des Iran im Besonderen seine Unterstützung angedeihen lässt.

Mit welcher Nonchalance man in unseren Breitengraden nicht nur über die mörderische Ankündigung der unwiderruflichen Zerstörung des Staates Israel hinwegsieht, sondern es sogar versteht, die Vernichtungspropaganda mithilfe einer ausgeklügelten Methodik zur Vertauschung von Tätern und Opfern zu rechtfertigen, ist angesichts der damit einhergehenden Inexistenz jeglicher der Realität verpflichteter moralischer Standards nachgerade beeindruckend. Die hartnäckige Unnachgiebigkeit, mit der sich die Israelhasser daran machen, die mörderischen Angriffe auf den jüdischen Staat mit schierer Überzeugung schönzureden, übt auf den Mainstream augenscheinlich ebenso eine überwältigende Faszination aus wie auf jene (selbst ernannten) Intellektuellen, die nicht davor zurückschrecken, Hass und Ressentiments zu schüren, um der eigenen Popularität auf die Sprünge zu helfen. Angesichts des unschwer erkennbaren Hintergrunds der Absicht, den unaufhörlichen Terror gegen Israel als gerechtfertigten Schutzmechanismus zur Selbstverteidigung vor dem jüdischen Unterdrückerstaat darzustellen, bedarf es zwar einer gehörigen Portion unverbesserlicher Unaufgeschlossenheit, um derartig offenkundiger Vernichtungspropaganda auf den Leim zu gehen. Die Ubiquität des antizionistischen Wahnsinns, die nicht zuletzt tagtäglich in den westlichen Medien festgestellt werden muss, zeigt jedoch, dass eine Vielzahl an Menschen kein Problem damit zu haben scheint, die dafür notwendige Verblendung aufzubringen. Nicht umsonst reichen die Sympathiewerte für terroristische Aktivitäten gegen Israel in Europa sogar an Verbreitungsquoten des grassierenden Antiamerikanismus heran.

Während weite Teile der deutschsprachigen Medienlandschaft also als Propagandisten der Verurteilung und Delegitimierung Israels ihr Unwesen treiben, nimmt die Gewalt palästinensischer Terroristen kein Ende: Der westliche Negev – seit Jahren schon das Ziel von Bombardements aus dem Gazastreifen – sieht sich seit zwei Wochen erneut stetigem Raketenbeschuss ausgesetzt; die israelische Stadt Sderot steht unter Dauerfeuer. Dass die israelische Luftoffensive gegen die Terrorbande der Regierungspartei Hamas eine unerlässliche und erzwungene Reaktion auf die unverhohlene palästinensische Provokation war, scheint in Europa jedoch kaum jemanden zu kümmern. Ganz im Gegenteil: Dass der jüdische Staat zu militärischer Gewalt greifen muss, um dem Beschuss entgegenzuwirken, ist der ersehnte Anlass, um endlich wieder in Sachen Israel-Bashing tätig zu werden. Die bewusste Rechtfertigung der Aufkündigung der Waffenruhe durch palästinensische Terroristen inklusive der altbewährten Verdrehung von Tätern und Opfern kann endlich wieder Anwendung finden.

Die Hamas muss sich gar nicht erst bemühen, ihre terroristischen Aktivitäten zu rechtfertigen. Stolze Bekenntnisse reichen völlig aus; die Legitimation übernimmt dann der westliche Antizionismus. Auch braucht die Hamas nicht davor zurückzuschrecken, öffentlich die Tilgung des Staates Israel zu fordern, wie sie immer schon durch die hauseigene Charta propagiert wird, die sich die typisch genozidale Sprache des Islamismus zu Eigen macht. Denn die Vernichtung Israels bleibt weiterhin das vornehmste Ziel, da sie den Traum von der Errichtung eines großpalästinensischen Staates und die damit einhergehende Auslöschung der jüdischen Bevölkerung endlich in Erfüllung gehen ließe. Die „Ankopplung an eine wahnwitzige Reinheits- und Erlösungsmission, die den Antisemitismus der Islamisten zum eliminatorischen macht, die den Hass auf Juden größer werden lässt als die Furcht vor dem eigenen Tod und die den suizidalen Massenmorden der Hamas ihr Motiv verleiht“, wie es Matthias Küntzel formulierte, sie ist es, die die Gotteskrieger zur religiös begründeten Ermordung der Juden anspornt; die Sprache der Vernichtung dient zur Beschreibung einer Zukunftsvision ohne den verhassten Feind Israel. Und aus dem antizionistischen Westen tönt es: Gut so! Denn ihm kann schließlich die Antwort, die die Hamas auf die Frage nach den Grenzen parat hat, nur Recht sein: „Wo ist Palästina? Es grenzt an den Libanon im Norden, Syrien und Jordanien im Osten, berührt Saudi-Arabien und Ägypten im Süden und das Mittelmeer im Westen.“

Nicht zuletzt wegen der loyalen Rückendeckung aus Europa kann der islamistische Terror frohen Mutes die anstehenden Etappen auf dem Weg der mörderischen Bekämpfung Israels in Angriff nehmen. Die Terroristen können sich sicher sein, dass man ihnen auch zukünftige Aufkündigungen etwaiger Waffenruhen freundlich nachsehen wird. Der Staat Israel ist nämlich – der antizionistischen Logik folgend – sowohl für die derzeitige als auch für in Zukunft vom Zaun brechende Gewalteskalationen zur Verantwortung zu ziehen. Wie kann er auch die unerhörte Frechheit besitzen, sich gegen feindlichen Raketenbeschuss und terroristische Selbstmordanschläge zur Wehr zu setzen – und das auch noch mit völlig unverhältnismäßiger Härte? Wen interessiert es schon, dass die „Gewaltspirale“ im Nahen Osten stets durch den innerpalästinensischen Krieg befeuert und durch den heimtückischen Terror gegen Israel perpetuiert wird, also gar keine Spirale ist?

Zu den Fotos (von oben nach unten): (1) Hamas-Mitglieder mit ihren Mordinstrumenten. (2) Das Auto, in dem Oshri Oz starb, als eine Kassam einschlug. (3) Das Begräbnis von Oshri Oz. – Aktuelle Informationen, Bilder, Videos und vieles mehr zur Situation in Sderot gibt es auf der Website SderotMedia.

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