An der Kette der Hamas

Es hätte der nächste propagandistische Coup der Hamas werden sollen, doch die vollmundig angekündigte „Menschenkette“ zwischen Rafah im südlichen Gazastreifen und dem 40 Kilometer entfernten Beit Hanoun im Norden wies am Montag beträchtliche Lücken auf. Denn nur etwa 5.000 Palästinenser statt der erwarteten 50.000 beteiligten sich an dieser Aktion „gegen die Belagerung von Gaza“, obwohl die Schüler extra dafür vom Unterricht befreit worden waren.

Wenn man hierzulande den Begriff „Menschenkette“ hört, denkt man wohl unweigerlich vor allem an die friedensbewegten Demonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss und die Nachrüstung zu Beginn der achtziger Jahre. Das mit über 200.000 Teilnehmern größte Händchenhalten in Deutschland reichte dabei am 22. Oktober 1983 von Stuttgart bis Neu-Ulm. Andernorts gab es sogar noch höhere Zahlen, etwa 1989 im Baltikum oder 2004 in Taiwan. „Menschenketten“ gelten im Allgemeinen als Ausdruck, wo nicht als Inbegriff der Friedfertigkeit; schließlich kann nicht schlagen oder gar schießen, wer die Hände anderer in seinen eigenen hält. Zumindest nicht gleichzeitig.

Die Hamas weiß um den hohen Symbolgehalt, den diese Protestform vor allem in den westlichen Ländern und deren Medien hat; sie weiß also, welche Wirkung von einer „Menschenkette“ ausgeht und wie die Bilder von ihr aufgenommen werden. Und was könnte unschuldiger und Mitleid erregender daherkommen als Frauen und Kinder, die sich Hand in Hand an einem Grenzzaun – oder zumindest in dessen Nähe – aufreihen und auf selbst gebastelten Plakaten und Transparenten ihr Leid beklagen, das ihnen durch diese Absperrung entstehe, während in unmittelbarer Nähe Tausende von finster dreinschauenden gegnerischen Soldaten ihre Knarren einsatzbereit halten?

Dabei beobachtete die israelische Armee das vordergründig pazifistische Treiben aus guten Gründen mit Misstrauen und höchster Aufmerksamkeit. Denn es war alles andere als unwahrscheinlich, dass die Hamas einen ähnlichen propagandistischen Volltreffer zu landen gedachte wie vor wenigen Wochen, als sie die Grenzanlagen zwischen dem Gazastreifen und Ägypten beseitigte. Was nicht geringe Teile der Weltöffentlichkeit damals als spontane Selbstbefreiung vermeintlich halb verhungerter Palästinenser aus dem angeblich größten Gefängnis der Welt missverstehen wollten, war jedoch nichts anderes als ein von langer Hand vorbereiteter Coup der Gotteskrieger mit dem Ziel, den Terror über Ägypten nach Israel einsickern zu lassen, nachdem die israelischen Befestigungen und Kontrollen nahezu unüberwindlich geworden waren.

Seitdem wuchsen im jüdischen Staat die Befürchtungen, dass die Hamas auf ähnliche Weise auch das Überrennen israelischer Militärstellungen orchestrieren könnte. Und aus einem solchen Massensturm könne sie nur als Siegerin hervorgehen, schrieb Amos Harel in der Ha’aretz: „Wenn es einigen der von der Hamas zu Tausenden an die Grenzen gebrachten Leuten gelänge, nach Israel einzudringen, obwohl israelische Truppen in der Gegend sind, durchbräche Hamas erneut den Ring der wirtschaftlichen Isolation um Gaza. Wenn Israels Armee dann das Vorrücken der Marschierer mit gewaltsamen Mitteln verhinderte und Demonstranten tötete, hätte die Hamas die israelische Brutalität gegenüber den Massen, die um ein Leben in Gaza kämpfen, unter Beweis gestellt.“

Diese „Win-Win-Situation“ (Harel) habe jedoch eine Achillesferse: „Die Hamas hat das Überraschungsmoment nicht mehr auf ihrer Seite.“ Denn in Israel sind längst Maßnahmen ergriffen worden, um diesen worst case möglichst schon im Vorfeld zu verhindern: Entlang dem Sicherheitszaun wurden – von der Armee bewachte – Pufferzonen geschaffen, um demonstrierende Palästinenser auf Distanz zu halten und Grenzverletzungen so unwahrscheinlich wie möglich zu machen. Ein Eindringen in diese Bereiche wird geahndet, notfalls mit Gewalt. Das weiß die Hamas natürlich, doch es hielt sie nicht davon ab, vor allem Frauen und Kinder zu einer „Menschenkette“ zu dirigieren.

„Die letztlich bescheiden gebliebene Zahl von Protestlern wird den Hamas-Offiziellen jedoch zu Denken geben“, resümierte Clemens Wergin in der Welt. „Hier zeigt sich einerseits die im Gazastreifen herrschende Unzufriedenheit mit der Hamas. Zum anderen wissen die Palästinenser, dass es sich nicht um eine fundamentale, sondern allein eine taktische Wende der Hamas handelt, die wie die Hizbollah im Libanon jederzeit bereit ist, Zivilisten der eigenen ideologischen Ziele wegen in den Tod zu schicken.“ Wenn von einer „Wende“ überhaupt die Rede sein kann – weit eher handelt es sich um eine Erweiterung des Repertoires der Hamas, die bewusst die ganz überwiegend antiisraelische Nahostberichterstattung westlicher Medien in ihr Kalkül einbezieht.

Und obwohl die Beteiligung an der „Menschenkette“ weit geringer ausfiel als geplant, „ist es der Hamas gelungen, eine erfolgreiche PR-Aktion zu lancieren, indem sie mit den Bildern von Schildern tragenden Frauen und Kindern das friedliche Antlitz Gazas präsentierte“, konstatierte Wergin. „Dass das ein Muster ohne Wert ist, zeigen die gleichzeitig mit dem friedlichen Protest gestarteten Kassam-Angriffe auf die israelische Kleinstadt Sderot, bei der ein israelischer Junge schwer verletzt wurde.“ Doch diese neuerliche Attacke war in den deutschen und europäischen Medien einmal mehr bestenfalls eine Randnotiz, was zum wiederholten Male verdeutlichte, welch verlässliche De-facto-Bündnispartner die Hamas hat. Wie zum Beweis schloss denn auch die taz-Korrespondentin Susanne Knaul ihren Beitrag über die „Menschenkette“ mit den Worten: „Die Hamas hat sich wiederholt zu einem Waffenstillstand bereit erklärt. Israel lehnt das ab.“ Quod erat demonstrandum.

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